Ich habe acht Arme nicht

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Es ist kalt. Trotzdem ist den Männern warm, seit Stunden tragen sie Regale, Kisten und Kommoden treppabwärts zum Lkw. Bei der Wohnungsauflösung ist auch Freddy Bettelmann mittendrin dabei. Doch ihm wird's langsam zu viel. Als er den Kühlschrank mit anpacken soll, kommt genervt sein Standardspruch: "Ich habe doch acht Arme nicht." Freddy ist geistig behindert und lebt mit seinen 44 Jahren schon lange in einer Kölner Lebensgemeinschaft der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM). Dreißig Menschen von Jung bis Alt wohnen auf einem schönen, ehemaligen Fabrikgelände im Kölner Stadtteil Mülheim. Die Gruppe verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Wohnungsauflösungen und Verkauf der gebrauchten Sachen und Möbel. Die Erlöse gehen in die gemeinsame Kasse, aus der die Ausgaben für Haus und Hof, für den Lkw und die Maschinen, für das gemeinsame Mittagessen und die Ausgaben für die Sozialversicherung bezahlt werden. Alle Mitglieder der Selbsthilfe bekommen ein gleich hohes Taschengeld zur freien Verfügung. Jeder hat sein eigenes Zimmer oder seine eigene Wohnung. Auch Freddy hat sein eigenes Zimmer, das sein heiliges Reich ist, in das er niemanden so schnell hereinlässt, da er es mit der Ordnung nicht so genau nimmt. In der Sozialistischen Selbsthilfe gibt es viele Arbeitsbereiche von der Büroarbeit über Secondhand-Verkauf, dem Renovieren der Wohnungen bis zum Kochen und der Kinderbetreuung. Und es ist Programm, dass die Menschen in verschiedenen Bereichen arbeiten und nicht jeden Tag das Gleiche tun. Freddy verrichtet meistens Küchendienst, hilft bei den Wohnungsauflösungen oder arbeitet im Garten. Er hat sogar ein Beet vor seinem Zimmer angelegt. Ab und an geht er angeln, und er weiß, wo es die besten Regenwürmer gibt. Zu Kölner Festen wie den Kölner Lichtern macht er sich unbesorgt ganz allein auf den Weg, an Karneval ist er als Darth Vader vom Krieg der Sterne unterwegs. "Was mich am meisten beeindruckt", erzählt sein Mitbewohner Heinz Weinhausen, "ist, dass Freddy ganz auf sich allein gestellt in Köln von jeder Stelle aus mit dem Bus oder der Straßenbahn wieder nach Hause findet, obwohl er gar nicht lesen und schreiben kann - keine Ahnung, wie er das schafft." Das war nicht immer so. Vor 25 Jahren lebte Freddy noch in einem Heim, in das er nach dem Tod seines Vaters gekommen war. Seine Mutter hatte sich überfordert gefühlt und nicht mehr für ihre Kinder sorgen können. Als Irmgard Bettelmann durch eine glückliche Fügung einen Platz bei der SSM fand, fühlte sie sich stark genug, auch ihren Freddy wieder bei sich zu haben. Als Freddys Mutter Anfang der neunziger Jahre starb, hatte er in der sozialen Kommune ein neues Zuhause gefunden. Nie, nie will er mehr in einem Heim leben, wo er schlechte Erfahrungen gemacht hat. Dort durfte er kein Haustier haben. In seinem neuen Zuhause hat er viele Jahre eine Katze gehabt, und heute besitzt er einen Hamster. Dabei soll es nicht bleiben. Ständig liegt er seinen Kollegen und den Besuchern in den Ohren, dass er eine Hamsterzucht gründen will. Er findet seine Geschäftsidee genial und hat auch schon eine genaue Planung: 50 Euro soll ein Tier bei Freddy kosten, für weitere 100 Euro gibt es einen Käfig dazu. Ob er seine Idee, Hamsterzüchter zu werden, neben seinen täglichen Verpflichtungen wie Möbel schleppen umsetzen kann? Seine Grenzen kennt Freddy jedenfalls selbst ganz gut und artikuliert das auch, denn er hat acht Arme nicht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ich habe acht Arme nicht
Autor
Fiona Ries, Freie Waldorfschule, Bergisch Gladbach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2010
Projekt
Jugend schreibt

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