Immer kleiner und weniger mit den Jahren

Der feste Tagesablauf im Heim vermittelt so etwas wie Sicherheit. Guten Morgen Herr Bender, Sie befinden sich hier in einem soziotherapeutischen Wohnheim für Alkoholkranke in Albisheim. Sie sind seit etwa einem halben Jahr hier. Sie bekommen regelmäßig Besuch von Ihrer Familie, meistens am Wochenende. Gelegentlich werden Sie auch abgeholt. Von montags bis freitags gehen Sie zu Frau König in die Beschäftigungstherapie, im Hof neben dem orangefarbenen Container. Dort erhalten Sie auch Ihren Tabak. Essen: 8 Uhr Frühstück, 12 Uhr Mittagessen, 17 Uhr Abendbrot." Diesen Zettel liest der 47-jährige, grauhaarige Lothar Bender jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen. Er leidet unter dem Korsakow-Syndrom, einer Amnesie, die vor allem alkoholkranke Menschen befällt. "Er kann sich kaum etwas länger als fünf Minuten merken und ist völlig orientierungslos. Dinge, die weit in der Vergangenheit liegen, weiß er aber zu einem großen Teil noch", erklärt Christian Reeh, ein Angestellter im Pflegedienst des Wohnheims in der Pfalz, in dem zurzeit etwa 50 Menschen leben. "Manchmal, wenn Herr Bender durch die Gänge läuft und sieht, dass hier mehrere ihm fremde Menschen leben, glaubt er, er ist auf einem Kreuzfahrtschiff. Dann fragt er, wohin es geht und warum er das Meer nicht sehen kann. Ein anderes Mal dachte er, er sei im Knast, und hat verzweifelt überlegt, was er verbrochen hat", erzählt der Pfleger. "Manchen Bewohnern geht es aber ziemlich gut. Denen würde man nichts anmerken, wenn man sie auf der Straße trifft." Eine von ihnen ist Maria Schneider, eine kleine Frau mit kurzen roten Haaren, die in einer Zwei-Zimmer-Wohnung des villenähnlichen Anwesens lebt, in dem das Wohnheim untergebracht ist. "Ich wollte nie so sein wie meine Eltern. Meine Eltern waren Alkoholiker, und ich war mir sicher, dass ich es besser machen würde als sie", seufzt die Frau und blickt aus dem Fenster ihrer kleinen Wohnküche. "Und jetzt sieh, wo ich gelandet bin." Da sie nicht mehr für sich selbst sorgen kann, lebt Maria seit sechs Jahren in Einrichtungen wie dieser. "Niemand zwingt mich, hier zu sein. Aber irgendwann kam der Punkt in meinem Leben, an dem ich die Wahl hatte: ein Wohnheim oder die Obdachlosigkeit. Und hier geht es mir gut, ich habe alles, was ich brauche." In dem Wohnheim putzt Maria jeden Morgen die Waschräume anderer Bewohner und bekommt dafür 50 Cent in der Stunde. "Ich mache das gerne", sagt sie, "ich brauche diese Tagesstruktur, damit ich weiß, wofür ich aufstehe." Dies ist Teil der Arbeitstherapie der Heimbewohner. "Sie erledigen Umbauten am Haus, alles, was so anfällt, Renovierungen, Malerarbeiten, sie arbeiten in der Küche oder machen Putzdienste", erklärt Pfleger Reeh. "Diejenigen, die dazu nicht in der Lage sind, arbeiten teilweise in einer behindertengerechten Werkstatt und bekommen dafür ein bisschen Geld, um Zigaretten oder Kaffee zu kaufen. Hier wird dafür gesorgt, dass die Bewohner etwas zu tun haben, einen geregelten Tagesablauf haben." Dafür sorgt auch die Beschäftigungstherapie. Mit den Bewohnern werden Spiele gespielt, um bestimmte Hirnregionen anzuregen, wie etwa Memory oder Kartenspiele. Außerdem gehen sie regelmäßig mit einem Betreuer einkaufen oder waschen ihre Wäsche. "Jeden zweiten Dienstagabend fahren wir zusammen zum Kegeln und manchmal auch ins Schwimmbad", sagt Christian Reeh und zeigt auf eine Art Schwarzes Brett, an dem Termine für Theaterfahrten und der Essensplan hängen. Außerdem werden hier eine Töpfergruppe und Selbsthilfegruppen angeboten. Die Bewohner, die hier gelernt haben, ihr Leben selbständig zu regeln, können in ein Außenwohnheim in Alzey ziehen. Dort werden sie wöchentlich kontrolliert, bekommen Arbeitsplätze in einer Schreinerei gestellt und dürfen teilweise sogar Auto fahren. "Ich war 25, als es anfing", antwortet Maria Schneider auf die Frage, weshalb sie nun hier sei. "Ich saß beim Frisör, und auf einmal bekam ich diese Panikattacke. Ich bekam keine Luft mehr, und in diesem Moment war mir klar, dass ich sterben würde. Dieses Gefühl lässt mich bis heute nicht mehr los. Danach war ich in verschiedenen Kliniken, habe mich untersuchen lassen. Sie stellten Herzrhythmusstörungen fest, ich bekam Medikamente fürs Herz und Antidepressiva. Doch es half kaum. Teilweise war ich so verzweifelt, dass ich die Tapete von den Wänden kratzen wollte." Zu dieser Zeit hatte Maria noch keinen Alkohol getrunken, die Angst, so zu werden wie ihre Eltern, war zu groß. "Aber dann sind meine Eltern gestorben. Kurz nacheinander, dazu kam, dass ich und mein damaliger Mann uns hoch verschuldeten, als seine Baufirma insolvent wurde. Dann fing ich an zu trinken. Es hat mir gegen meine Panikattacken geholfen", seufzt sie. "Ich wurde immer kleiner und weniger mit den Jahren." Die damals 30-jährige Frau musste etwa zweimal im Jahr zur Entgiftung und zum Alkoholentzug, machte Therapien wegen ihrer Angsterkrankung, unter anderem in einer Hypnoseklinik. Als sie schließlich entlassen wurde, dauerte es nur wenige Monate, bis sie wieder anfing zu trinken. Nach der Trennung von ihrem Mann lebte die müde wirkende Mutter drei Jahre lang in einem Frauenhaus, dann in einem Wohnheim, ähnlich wie diesem und ist nun seit einem halben Jahr hier. "Ich bin jetzt seit fast zwei Jahren trocken", erzählt sie stolz. "Hatte nur einen Rückfall, einen Abend lang, aber das zählt nicht." Sie lacht. "Kann jedem mal passieren. Ich hoffe, dass ich Ende des Jahres in meine Heimat, die Eifel, zurückkehren kann. So eine Art betreutes Wohnen wäre wirklich toll, eine Wohngemeinschaft, und einmal die Woche kommt ein Sozialarbeiter vorbei." Arbeiten kann die 57-Jährige allerdings nicht mehr. Der Alkohol und die Medikamente, die sie seit so vielen Jahren nimmt, haben ihre Spuren hinterlassen. Das Atmen fällt ihr schwer, und Bewegungen muss sie sehr langsam ausführen. Trotzdem geht es ihr viel besser als noch vor einiger Zeit. "Als ich hierherkam, hab ich fast immer geheult und gezittert. Doch dann wurden die Medikamente umgestellt, und von einen auf den anderen Tag konnte ich wieder leben. Zumindest ein bisschen." Sie lächelt. "Ich danke Gott dafür. Ich habe ihm sogar eine Kerze angezündet, in der Kirche." Doch nicht alle können so optimistisch in die Zukunft blicken wie Maria. Läuft man durch die Gänge des Wohnheimes, begegnet man immer wieder Menschen, die starr in die Ferne blicken, teilweise völlig hilflos wirken. Einer murmelt leise vor sich hin, ein anderer starrt die Wand an und scheint auf irgendetwas zu warten. An den Wänden hängen Bilder von Ausflügen, Fahrradtouren, Picknicks, Kegelabenden. Der Geruch von Zigarettenrauch und Putzmitteln liegt in der Luft, aus vielen Zimmern hört man Geräusche von Fernsehern oder Radios. Um für Ablenkung zu sorgen und den Bewohnern eine Aufgabe zu geben, ist neben dem Haupthaus ein Ziegenstall errichtet worden. "Einer der ehemaligen Bewohner wurde vor etwa fünf Jahren entlassen und kommt immer noch jede Woche, um sich um die Tiere zu kümmern. Sie geben ihm das Gefühl, gebraucht zu werden, das hilft dabei, keinen Rückfall zu bekommen", erklärt Christian Reeh. In der großen Gartenanlage rings um das Heim stehen Tischtennisplatten und ein Grill, ein japanischer Garten mit einem Koi-Teich wurde angelegt. Hier gibt ein großes Gehege mit Papageien. Auch diese werden teilweise von Bewohnern versorgt. Vor dem Gehege steht ein bärtiger Mann und betrachtet die Vögel. Er wirkt missmutig. "Ausgangssperre", brummt er, als Reeh ihn fragt, warum er nicht mit einkaufen gefahren ist. "Hatte 'nen Rückfall." Die Arbeiter im nächstgelegenen Getränkemarkt kennen die Bewohner. "Jedes Mal, wenn ein Neuer hierherkommt, stellen wir ihn dem Personal im Markt vor. Die wissen genau, dass sie denen nichts Alkoholisches verkaufen dürfen", erklärt der Pfleger. "Wenn es jemand aber wirklich drauf anlegt, an Alkohol zu kommen, können wir ihn auch nicht davon abhalten. Hier waren sogar schon welche, die im Zimmer Apfelsaft gären ließen, nur um Alkohol zu bekommen." Ein dicker Mann sitzt alleine in seinem verqualmten Zimmer, raucht und sieht fern. "Der ist einer der Schlimmsten hier", sagt Reeh. "Wie ein kleines bockiges Kind." Eine Angestellte betritt den Raum und fragt den Mann, ob er sein Zimmer schon geputzt hat. "Kann nicht putzen. Bin zu dumm dafür", grunzt er und betrachtet die Frau von oben bis unten. Er pfeift anerkennend. "Lass mich mal 'n Foto von dir machen, Süße", sagt er und erhebt sich schwerfällig, um seine Kamera zu holen. Die Pflegerin lässt sich davon nicht beeindrucken. "Ich komm' in einer halben Stunde wieder. Dann möchte ich, dass es hier sauber ist, ja?", sagt sie freundlich und verlässt das Zimmer. "Er war nicht immer so. Vor einigen Jahren hatte er einen Unfall, wurde von einem Lkw angefahren, seitdem arbeitet sein Gehirn nicht mehr wie früher", erklärt die Frau und fährt mit ihrer Arbeit fort. "Das ist eine der Sachen, die mich hier wirklich stört", sagt einer der Bewohner, der gesund wirkt und sich gerade neue Zigaretten dreht. "Den Leuten hier geht es größtenteils so schlecht, mit kaum einem kann man sich unterhalten. Tiefgründig, meine ich. Das geht hier kaum." "Man kommt hier irgendwie zum Stillstand", klagt ein anderer, "Man fühlt sich so nutzlos. Können Sie sich vorstellen, dass der Staat monatlich über 2000 Euro bezahlt, nur damit ich hier sein kann? Fast 3000 Euro, glaube ich. Dabei bin ich sowieso zu nix nütze. Wissen Sie was? Ich glaube, ich komme hier nie wieder raus." Der Mann wirkt teilnahmslos und betrachtet die Rauchfäden seiner Zigarette im Wind. Er lebt schon seit 15 Jahren hier und ist damit einer der ersten Bewohner des Heims. Äußerlich scheint er gesund und zurechnungsfähig. Doch immer wieder hat er Rückfälle und wird aggressiv. "Er wollte schon des Öfteren ausziehen", sagt Christian Reeh. "Aber der Heimleiter hat ihm ganz unverblümt gesagt, dass er, auf sich allein gestellt, das nächste Jahr nicht mehr erlebt. Er würde sich zu Tode trinken, sobald niemand mehr auf ihn achtet." Reeh trinkt seit seiner Arbeit im Heim fast gar keinen Alkohol mehr. "Die Menschen hier schrecken einen ab. Man sieht, wie weit es kommen kann. Das hier ist kein Leben, das ich mir für mich selbst wünschen würde, auch wenn ich manche der Bewohner wirklich ins Herz geschlossen habe. Ingo zum Beispiel, der mir jeden Tag Ananasbonbons schenkt. Oder Martha, die jeden Tag versucht, den Papageien doch noch das Sprechen beizubringen. Kai läuft jeden Tag mit einer Brasilienflagge durch die Gänge und drückt der Nationalmannschaft die Daumen. Das sind echt liebe Menschen hier, und ich wünsche jedem von ihnen, dass sie noch einmal die Chance haben, sich ein neues Leben aufzubauen." (Die Namen der Patienten wurden geändert.)

Informationen zum Beitrag

Titel
Immer kleiner und weniger mit den Jahren
Autor
Johanna Wadle, Leininger-Gymnasium, Grünstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2010
Projekt
Jugend schreibt

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