In der Rolle des naiven Zuschauers

Ein Theaterstück zu inszenieren fordert viel Arbeit. Meist vergeht bis zur Premiere ein Jahr. Ein Dramaturg am Pfalztheater in Kaiserslautern gewährt Einblick hinter die Kulissen.

Die Stimmen von Sängern, die sich einsingen, hallen durch die Flure, die Wände sind mit Plakaten und Spielplänen beklebt. Balletttänzer und Schauspieler laufen zu ihren Proben. Im Pfalztheater Kaiserslautern arbeiten unter anderem Bühnenbildner, Musiker, Schauspieler, Tänzer, Regisseure, Dramaturgen und Techniker zusammen. "Am kreativen Prozess ist hier jeder beteiligt. Ich glaube, es gibt niemanden, der hier arbeitet und während einer Aufführung nichts findet, zu dem er beigesteuert hat", sagt Axel Gade, Dramaturg und Jugendreferent.

Das Theater beherbergt neben den Bühnen und dem Foyer eine Maskenabteilung, eine Schneiderei, Probebühnen und -räume und viele Büros. Nicht alle der 326 Mitarbeiter arbeiten hier. Die Bühnenbilder werden in separat gelegenen Werkstätten hergestellt. Im großen Haus ist ein Baustellengerüst auf der Bühne aufgebaut. Davor steht ein Baucontainer, der, umgedreht, ein Kinderzimmer beinhaltet. "Das ist unser Bühnenbild für Hamlet", sagt Axel Gade, "damit hatten die Bühnenbildner viel Arbeit. Alles muss detailliert dargestellt sein, damit der Effekt für die Leute in den ersten Reihen nicht verlorengeht." Er deutet in Hamlets Kinderzimmer, in dem krakelige Zettel an den Wänden Hamlets Rachepläne offenbaren. "Die Leute in den ersten Reihen sollen sogar die Rechtschreibfehler auf den Zetteln Hamlets bemerken." Für die benötigten Requisiten gibt es Angestellte, die diese selbst herstellen oder auf dem Flohmarkt kaufen. "Manche Personen sollen mit teurem Schmuck behängt auftreten, den wir natürlich nicht einkaufen können. Dann ist es die Aufgabe der Requisiteure, billigen Schmuck teuer aussehen zu lassen." In der Maske werden Perücken geknüpft und Masken hergestellt. Die Regale sind voller Puppenköpfe mit Perücken in allen Farben, auf einem Tisch liegt ein Kopf eines Gorillas. "Hierher kommen die Schauspieler kurz vor den Auftritten, um geschminkt zu werden", erklärt Gade. "Die Perücken werden zur Sicherheit mit einem Spezialkleber an der Stirn und im Nacken festgeklebt. Es gibt ja nichts Peinlicheres, als wenn einem Spieler mitten auf der Bühne die Perücke vom Kopf fällt."

Die Arbeitszeiten orientieren sich größtenteils an den Proben, die jeden Tag von 10 bis 14 und von 18 bis 22 Uhr stattfinden. Die Probenpläne werden jeden Tag für den nächsten Tag erstellt. Dafür ist Markus Alsfasser vom künstlerischen Betriebsbüro zuständig. "Gegen elf Uhr geht es hier meistens mit den Krankmeldungen los. Wenn diese Leute eigentlich Auftritte haben, dann wird es hier ganz schön hektisch. Wir haben nicht für jede Rolle einen Ersatzspieler, also versuchen wir dann kurzfristig jemanden zu finden, der die Rolle kennt, weil er sie an einem anderen Theater spielt", erklärt er. Natürlich müssen die Ersatzspieler eingewiesen werden. "Besonders schwierig wird es, wenn die Kostüme nicht passen."

Der Kostümfundus und die Schneiderei bilden die Kostümabteilung. "Viele Kostüme werden neu geschneidert, aber manchmal ist nicht mehr als ein Umfärben des Kostüms nötig, und schon kann es für andere Vorstellungen benutzt werden", sagt Axel Gade. In einem kleinen Raum, der bis zur Decke vollgestopft ist und sich die "Hexenküche" nennt, bekommen die Kostüme ihren letzten Schliff. Hier liegen Perlen, Federn und Glitzerstaub bereit.

Bis ein Stück Premiere feiert, ist es ein weiter Weg. Der Spielplan wird etwa ein Jahr vor der tatsächlichen Spielzeit von den Dramaturgen festgelegt. Die Stücke werden dann unter den vier Dramaturgen des Pfalztheaters zur Betreuung aufgeteilt. "Wir besuchen andere Theater und

schauen, welche Inszenierungen uns besonders gut gefallen", erklärt Gade. "Dann kontaktieren wir den Regisseur und bieten ihm an, ein Stück bei uns zu inszenieren. Das ist wie Regisseure einkaufen", sagt er lachend. "Wenn wir zum Beispiel einen Schulklassiker wie ,Der Besuch der alten Dame' aufführen, dann suchen wir nach einem Regisseur, der es schafft, den Staub vom Klassiker wegzublasen. Das Stück soll aufgepeppt werden, so dass sich die Schüler während der Vorstellung nicht langweilen, aber der Text sollte nicht zu stark abgeändert werden." Als Dramaturg ist Axel Gade Ansprechpartner für die Regie. "Etwa drei Monate vor der Premiere sollte die Strichfassung des Stückes vorliegen. Manchmal kommt es auch vor, dass ein Stück extrem gekürzt werden muss und sogar Figuren herausgenommen werden. Dann treffe ich mich schon fast ein Jahr vor der Premiere mit dem Regisseur und überlege, was gekürzt werden kann." Ein Dramaturg besucht auch einige Proben, um den Regisseur zu bestätigen oder zu kritisieren. "Ich spiele dann praktisch einen naiven Zuschauer, um zu sehen, ob Leute, denen die Stücke fremd sind, die Handlung und die Emotionen nachvollziehen können", sagt der Dramaturg, der zunächst Mathematik und Theologie auf Lehramt studierte, dann aber an der Folkwangschule in Essen den Studiengang Pantomime belegte. "Nach drei Jahren war mir klar, dass ich lieber hinter der Bühne arbeiten möchte, als auf der Bühne zu stehen. Außerdem wollte ich auch mehr finanzielle Sicherheit." Er studierte dann Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Bochum. Nach seinem Abschluss und Praktika an verschiedenen Häusern wurde er Regieassistent am Theater in Oldenburg, später Dramaturg. Seit 2003 arbeitet er am Pfalztheater. "Es gibt sehr viele Leute, die zum Theater wollen, und relativ wenige Stellen. Deshalb sind Praktika und auch Glück notwendig."

Informationen zum Beitrag

Titel
In der Rolle des naiven Zuschauers
Autor
Johanna Wadle
Schule
Leininger-Gymnasium , Grünstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.06.2011, Nr. 148, S. N8
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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