Man muss gewollt werden

Der "Fuchsbau" mitten in Berlin Kreuzberg ist kaum zu finden und wirkt wie verlassen. Drinnen herrscht eine studentische Atmosphäre. Im Gang sitzt Maxim Mehmet, der schon in vielen Kinofilmen mitgespielt hat, so auch in "Männerherzen" an der Seite von Til Schweiger. Mehmet, der seinen Nachnamen seinem Großvater, einem Krimtataren, zu verdanken hat, trägt kurze blonde Haare, eine Hornbrille, eine dunkelblaue Seemannsstrickjacke und Jeans. Den Drei-Tage-Bart lässt er sich für den nächsten Film wachsen. Maxim Mehmet hat zwar wenig Zeit, ist jedoch entspannt. Man hat das Gefühl, einen ganz normalen Menschen vor sich zu haben, so ganz ohne die üblichen Kinostar-Allüren.

"Ich hatte das Glück, die richtigen Eltern dazu zu haben, die mir das Ganze ermöglicht haben ohne die und deren Großzügigkeit wäre ich wahrscheinlich auch nicht da gelandet, wo ich heute bin", gibt er offen zu. Er wuchs auf einem Bauernhof in Nordhessen auf und machte beim Schultheater mit. Nach dem Zivildienst absolvierte er Praktika. Auch Ablehnungen folgten: "Bei einem Einschreiben für visuelle Kommunikation haben sie die Mappe genommen, aber mich nicht, was letztendlich mein Glück war." Schließlich gründete er mit Freunden eine freie Theatergruppe. Der Spaß dabei überzeugte ihn, Schauspiel zu studieren. "Diese Findungsphase war noch schwieriger für mich als die Pubertät. Ich hatte Abitur, ich hätte eigentlich alles machen können. Wenn man weiß, was man will, ist das natürlich umso besser, also grandios, aber wenn man nicht so genau weiß in welche Richtung, ist das schwierig." Nach der Schauspielschule in Potsdam hat er gleich im letzten Studienjahr 2004 seine erste Kinorolle von Leander Hausmann in "NVA" bekommen, für die er durch drei Castings musste, die sich über ein halbes Jahr erstreckten.

Hätte das alles nicht geklappt, hätte er "wohl oder übel" angefangen, Kulturmanagement zu studieren. "Gerade am Anfang, wenn man noch so exponiert und unsicher ist, ist es schwer, weil man noch so verletzlich ist. Da haut so eine Kritik von Schauspielprofis manchmal ganz schön rein. Ich bewundere die Leute, die nach 15 Castings trotzdem nicht ihr Ziel aus den Augen verlieren. Das erfordert echt Stärke. Ich weiß nicht, ob ich die gehabt hätte." Wieder stand er vor einer wichtigen Entscheidung. "2005 war ich fertig und hatte die Möglichkeit, ans Theater zu gehen oder frei zu arbeiten, mit dem Risiko, im Endeffekt nichts zu tun zu haben. Ich hatte aber Hoffnung, schon ein bisschen den Fuß in der Tür beim Filmgeschäft zu haben, und so habe ich es einfach probiert. Bisher hat es auch ganz gut funktioniert mit Angeboten." Es gibt viele Rollen, in die er gerne hineinschlüpfen würde. Er hat schon alles durch: vom Werbespot bis hin zu einer Rolle in einer Vorabendserie. Auch am Sonntagabend im Leipziger "Tatort" ist er als Kriminaltechniker zu sehen.

Es habe auch schon Drehs gegeben, bei denen er mit seiner Rolle ganz und gar nicht zufrieden gewesen sei: "Das war in einer Folge "Großstadtrevier" letztes Jahr zu Weihnachten. Die ist irgendwie nicht gelungen." Für den gefühlvollen Schauspieler ist es ein Gradmesser, ob man der Figur glaubt oder nicht, ob man meint, dass so jemand wirklich existieren könnte, ob man Anteil an ihr nimmt, ob sie einen auf gewisse Weise berührt. Seine Lieblingsrolle war bisher die in dem Film "66/67", der 2009 im Kino lief. "Es war eine tolle Figur, weil sie sehr ambivalent war. Ich war Polizist und gleichzeitig Hooligan."

Maxim gefällt es, immer wieder mit neuen Leuten zusammen zu arbeiten, auch wenn der ständige Wechsel auch anstrengend ist. Richtige Freunde habe er bisher "ein bis zwei" im Filmgeschäft gefunden, ansonsten seien es eher gute Bekannte. "Der Kontakt bricht dann doch mehr oder weniger ab, man schickt vielleicht noch einen Neujahrsgruß, aber mehr auch nicht."

Ihm fällt es "immer total schwer" die Zeit zwischen den Filmdrehs zu überbrücken. Beim Theater sei das anders. Da laufe man eher "auf Vulkanfleisch", da man so viele Stücke auf einmal probe. Beim Film sei es eher das andere Extrem. "Man ist abhängig und darauf angewiesen, gewollt zu werden, und muss aushalten können, die Dinge nicht wirklich beeinflussen zu können. Das erfordert schon ein gewisses Vertrauen und die Fähigkeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen."

Beim Thema Liebesszenen sei Professionalität gefragt, da beim Dreh nicht auf vorhandene Sympathie Rücksicht genommen werden könne. "Aber es passiert auch bei vielen, dass sie sich in einander verlieben, weil es so eine unnatürliche Situation ist, dass man sich so schnell so nah kommt." Bisher hat der glücklich Verheiratete diese Erfahrung aber selbst noch nicht gemacht.

Wie schnell kann es passieren, dass man vom Boden abhebt? Bei der Frage, wie er sich davor schützt, antwortet er zögerlich: "Ich glaube, dass es vielleicht hilft, daran zu denken, dass die Welt auch noch aus anderen Menschen und Berufen und nicht nur aus Schauspielern besteht. Ich glaube, es ist einfach die innere Einstellung." Auch wenn in der Öffentlichkeit mitunter Allüren erwartet und sogar von speziellen Presseagenten gefördert werden, so glaubt Maxim Mehmet nicht, dass die tatsächlich nötig sind, um in dem Geschäft existieren zu können.

Bisher hat er nur bescheidene Autogrammkarten. Sein Privatleben möchte er aus dem Berufsleben raushalten. Auch seine Frau Rosa hat kein Interesse, ihn zu Events zu begleiten und sich der Öffentlichkeit auszusetzen. Der Beruf hat für ihn nichts mit Starsein zu tun, sondern mit Spielen und Leidenschaft. Seine Kinder müssten jedoch "Wirtschaftsmathematik und Ingenieurwesen studieren. Ich muss ja irgendwie meine Rente sichern", meint er keck. Mehmets Ziel ist es nicht, später einmal das neue "Pedigree" von Paparazzi zu werden. "Ich bin schon glücklich, wenn die Rollenangebote und die Drehbücher stimmen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Man muss gewollt werden
Autor
Martha Rave
Schule
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium , Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.06.2011, Nr. 148, S. N8
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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