Erdbeereispizza auf Rezept

Der Mann, der morgens die Station 4b des Krankenhauses Kreuznacher Diakonie in Bad Kreuznach betritt, trägt eine weite Hose im Schottenmuster, seine linke Socke ist orange wie die Hosenträger, die rechte Socke ist grün, und an seinem Revers steckt eine Blume. Die Frau, die ihn begleitet, trägt eine Matrosenmütze, rot-weiße Ringelsocken zu gelben Schuhen - Größe 48 - mit grünen Schnürsenkeln. Ihr T-Shirt ist rot-weiß geringelt. Dr. Lächele und Dr. Rosina sind Clown-Doktoren. Ihr Ziel: Die Kinder während ihres Krankenhausaufenthaltes für einen Augenblick die Angst vergessen zu lassen. Dazu führen sie Seifenblasenbehandlungen durch, machen Lach- und Stärketests, transplantieren Clownsnasen oder verschreiben eine Erdbeereispizza. Mit ihrem Charme begeistern sie Patienten im Rhein-Main-Gebiet, Gießen und Marburg. Ihre Späße aktivieren die Selbstheilungskräfte, unterstützen die medizinische Therapie mit der Kraft des Humors und fördern die Rehabilitation.

Jeden Mittwoch besuchen sie die Patienten der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin, der einzigen pädiatrischen Abteilung in der Region. Traditionell klopfen sie an die Tür und fragen: "Dürfen wir hereinkommen?", bevor sie auf Wunsch der Kinder ein Zimmer betreten oder fernbleiben. Zuvor besprechen sie mit den Pflegern und Pflegerinnen, welche Kinder besucht werden können und welche nicht, welches Kind auf dem Weg der Genesung ist und welches besonders viel Zuwendung braucht.

Im Laufe der Clown-Visite führen sie Zaubertricks vor und ziehen mit ihrer Vorstellung Patienten und Eltern gleichermaßen in den Bann. Bleibt der erwartete Beifall einmal aus, stellt Dr. Rosina mit trauriger Miene fest: "An der Stelle kommt eigentlich immer Applaus" und greift zu ihrer Geheimwaffe: dem berühmten "Salto Mortalis', einer etwas anderen Art des Radschlagens mit angewinkelten Beinen, um nichts kaputtzumachen. Und spätestens da ertönt Beifall. Bisweilen scheint es sogar, dass die Eltern mehr Spaß daran haben, eine rote Nase hinter dem Ohr hervorgezaubert zu bekommen, als die Kinder. Manchmal werden die Clown-Doktoren aber auch ganz leise. Dann singen sie einem kranken Kind ein Schlaflied oder erzählen leise eine Geschichte.

Wer steckt hinter Dr. Rosina, Dr. Johannis Kraut, Dr. Lächele oder Dr. Schnickschnack? Es sind Menschen mit professioneller Pantomimen-, Clownsoder musikalischer Ausbildung, die über Fingerspitzengefühl verfügen. Denn als Clown-Doktor besucht man Kinder jeden Alters und jeder Nation, muss sich mit Krankheit, Genesung, aber auch dem Tod auseinandersetzen. Darum werden nur Bewerber mit langjähriger künstlerischer Erfahrung zu einem Gespräch eingeladen, in dem auch über die Beweggründe für die Arbeit gesprochen wird. Wer langfristig für den Wiesbadener Verein Die Clown Doktoren e.V. arbeiten möchte, wird "Clown-Doktor auf Probe". Nach 26 Einsätzen ist die Probezeit vorüber. Der Verein finanziert sich ausschließlich durch Spendengelder, Verwendung finden diese in der Honorierung der Clowns aber auch in der Anschaffung von Clownskitteln, -puppen, -nasen und Seifenblasen.

"Man hat wirklich das Gefühl, die Kinder brauchen einen. Die gemeinsamen Momente sind einfach berührend, das ist ein schönes Gefühl", sagt Sigi Karnath, bekannt als Dr. Rosina. Die selbständige Clowndarstellerin lebt in Bad Kreuznach. Axel Schwenk alias Dr. Lächele lebt in Mainz und ist Vater einer dreijährigen Tochter, Hausmann, freischaffender Clown und Schauspieler. "Das ist eine sinngebende Arbeit auf hohem Niveau, man bekommt keinen Applaus aus Höflichkeit. Die Kinder sind schon sehr direkt. Es ist in jedem Zimmer spannend. Natürlich haben wir ein gewisses Repertoire, aber größtenteils muss man improvisieren." Beide bezeichnen ihre Arbeit als besinnlich und intensiv.

Informationen zum Beitrag

Titel
Erdbeereispizza auf Rezept
Autor
Nina Decker
Schule
Lina-Hilger-Gymnasium , Bad Kreuznach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.06.2011, Nr. 148, S. N8
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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