Beschimpft, bespuckt und ausgegrenzt

Beschimpft, bespuckt und ausgegrenzt

Maryam flüchtete als Kind mit ihrer Familie aus dem Irak. Zwischen Angst und Hoffnung kam sie nach Deutschland. Fast scheiterte ihre Integration.

Sie ist klein, hat etwas dunklere Haut, lange schwarze lockige Haare und große braune Augen. Man braucht keinen zweiten Blick, um zu erkennen, dass Maryam (Name geändert) einen Migrationshintergrund hat. Maryam ist Irakerin, geboren in Bagdad, heute 23 Jahre alt und besucht die zwölfte Klasse eines Beruflichen Gymnasiums in Trier. Sie ist ein fröhlicher Mensch und hat immer einen kessen Spruch auf den Lippen. Doch war das nicht immer so.

Maryam kam im August 2002 nach Deutschland, da war sie 14 Jahre alt. Aus Angst vor einem angekündigten Bürgerkrieg flohen Maryam, ihre Mutter und der Großvater zusammen nach Deutschland. Ihren Vater hatte Maryam zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal kennengelernt, da er die Familie verließ, als Maryam neun Monate alt war. Verwandte waren schon früher nach Deutschland in das Städtchen Wittlich geflohen.

Mit der Ankunft auf deutschem Boden fingen die Schwierigkeiten an. Ohne Deutschkenntnisse wurden Maryam und ihre Familie in ein Asylheim in Trier gebracht, wo sie eineinhalb Monate lang leben mussten, bis sie eine geeignete Wohnung in Wittlich für sich fanden. Die 8. Klasse hatte Maryam noch in Bagdad mit gutem Erfolg abgeschlossen.

An der Hauptschule Wittlich meldete sie sich zum Schuljahresbeginn an. Am ersten Schultag raste ihr Herz mit ihren zitternden Beinen um die Wette. Mit schwitzigen Händen und Schweiß auf der Stirn stellt sie sich vor: "Hello, my name is Maryam, I came from Bagdad." Mehr kommt aus ihrem von Angst durchströmten Körper nicht heraus, so erinnert sie sich noch heute. Maryam wird gebeten sich hinzusetzen. Der Lehrer brachte ihr Bastelsachen, Stifte und Papier und forderte sie auf, sich selbst zu beschäftigen und einfach etwas zu malen, sie könne ja sowieso nichts verstehen, also könne sie auch Mandalas ausmalen. Doch das war für die ehrgeizige Irakerin nicht genug. Sie versuchte sich mühselig auf Englisch am Unterrichtsgeschehen zu beteiligen, wurde jedoch von den Lehrern und Schülern nur müde belächelt.

In der Schule wurden keine Sprachkurse für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund angeboten, so dass Maryam völlig auf sich allein gestellt war. Nicht nur die Sprache machte ihr zu schaffen, sondern auch die Art und Weise, wie ihre Mitschüler mit ihr umgingen. "Ich wurde beschimpft, bespuckt, meine Sachen wurden schmutzig gemacht, mein Pausenbrot auf den Boden geworfen, und ich wurde an den Haaren gezogen."

Ein Ereignis prägt Maryam heute noch besonders stark, und während sie davon berichtet, presst sie immer wieder ihre Hände aneinander. "Die einzigen Dinge, die ich für die Schule besaß, waren ein Schreibblock, ein Kugelschreiber und die Bilder und Bastelsachen von dem Lehrer, die er mir gegeben hatte. Als ich eines Tages zur Pause ging, kamen eine Gruppe von Mitschülern auf mich zu, entriss mir die Sachen und zündete sie an. Da stand ich nun und musste zusehen, wie das letzte bisschen, was ich noch hatte, in Flammen aufging." Natürlich hätte Maryam zum Schuldirektor gehen können, jedoch war ihr mit Schlägen gedroht worden, wenn sie irgendjemandem von dem Vorfall erzählen würde. Sie wechselte daraufhin die Klasse, blieb aber auf derselben Schule. In der neuen Klasse fühlte sich Maryam immer noch nicht akzeptiert und wurde weiterhin gehänselt, jedoch war es nicht mehr so schlimm wie in der alten Klasse.

Maryam musste die Zähne zusammenbeißen, diese zwei Jahre so gut, wie es nur ging, durchhalten, denn sie wusste, sie war der einzige Lichtblick in der Familie. Ihr Opa war schwer krank, so dass sich die Mutter um ihn kümmern musste und deshalb nicht arbeiten gehen konnte. Maryam lernte öfters ganze Nächte lang, um die neue Sprache zu lernen. Mit Erfolg. Sobald sie ein bisschen Deutsch sprechen konnte, nahm sie Termine auf Ämtern wahr und erledigte formelle Angelegenheiten für die Mutter. Ihre psychische Belastbarkeit war alles andere als stabil, als Maryam die 9. Klasse mit dem Hauptschulabschluss und einem Zeugnisdurchschnitt von 2,4 beendete.

Die Schuldirektorin erkannte Maryams Potential und schickte sie deshalb auf eine andere Schule, wo sie die zehnte Klasse besuchte. Zu diesem Zeitpunkt konnte die junge Irakerin schon fließend Deutsch sprechen. Sie fand Anschluss an eine Gruppe Mädchen, denen sie anfangs vertraute. Was ein Fehler war, wie sich später herausstellte. "Aufgrund des ganzen Stresses begann ich zu rauchen. Ich stand mit der Gruppe von Mädels draußen in der Pause, als eine von ihnen, der der ich am meisten vertraute, mir eine Zigarette reichte. Ich hab mir natürlich nichts dabei gedacht und fing an sie zu rauchen. Auf einmal wurde mir ganz schwarz vor Augen, und ich kippte nach hinten auf den Boden um." Wie sich später herausstellte, war die Zigarette mit Chili präpariert worden. "Ich verstand die Welt nicht mehr, zum ersten Mal dachte ich Anschluss gefunden zu haben, doch wieder wurde ich nur enttäuscht. Es war wie ein Schlag ins Gesicht für mich."

Aus Angst, von der Mädchenclique terrorisiert zu werden, schwänzte Maryam öfters die Schule, schaffte dadurch die 10. Klasse nicht und verließ die Schule nur mit einem Abgangszeugnis. Ihre Motivation war im Keller, und sie verkroch sich nur noch zu Hause. Doch ein einschneidendes Erlebnis in Maryams Leben sollte noch folgen. Als sie 16 Jahre alt war, traf sie zum ersten Mal ihren Vater, der aus den Vereinigten Staaten eingeflogen war, um sie zu sehen. "Ich kann es gar nicht in Worte fassen, wie ich mich damals gefühlt habe", erzählt sie mit Tränen in den Augen. "Er hat mir die Kraft gegeben, weiterzumachen und meinen beruflichen Werdegang weiterhin mit Ehrgeiz zu verfolgen und weiter an mir zu arbeiten."

Um die Familie finanziell zu unterstützen, nahm Maryam einen 1-Euro-Job in einer Malerwerkstatt an. In der Zwischenzeit starb der Opa, und die Mutter begann sich mit einem Schmuckgeschäft selbständig zu machen. Aufmerksam geworden durch einen Zeitungsartikel, bewarb sich Maryam auf einer Privatschule in Trier, wo sie ihren Realschulabschluss nachmachte und mit einem guten Zeugnisdurchschnitt von 2,0 die Schule beendete.

Nach diesem Erfolg strebte sie nach mehr und bewarb sich in Trier am Beruflichen Gymnasium für Gesundheit und Soziales, um das Abitur nachzumachen. Die 11. Klasse schaffte sie nicht, sie war aufgrund der Vorgeschichte und der psychischen Belastung zu oft krank und verpasste viel vom Unterricht. Sie nahm ihre ganze Kraft nochmals zusammen und wiederholte die Klasse mit Erfolg. Heute ist Maryam 23 Jahre alt und in der 12. Klasse. Sie hat ein genaues Ziel vor Augen und arbeitet weiterhin an sich. "Ich mach das alles für mich und mein Selbstwertgefühl. Ich will meinen Kindern später sagen, dass alles hab ich alleine geschafft, und ich kann stolz auf mich sein. Ich bin Optimistin und blicke der Zukunft positiv entgegen."

Allerdings liegt immer noch ein Schatten auf ihrer Vergangenheit. "Aufgrund der psychischen Störungen habe ich heute starke Migräne, bei zu viel Stress auch Magenschleimhautentzündungen, und mein Blutzuckerspiegel ist auch viel zu niedrig. Ich werde nie vergessen können, was mir alles widerfahren ist, jedoch haben mich diese Ereignisse stärker gemacht." Auf die Frage hin, was sie sich von ihren Mitschülern gewünscht hätte, antwortete sie bescheiden und verlegen: "Einfach nur ein wenig Verständnis für mich, meine Person und meine Herkunft. Einfach das Gefühl zu erfahren, dass ich gleichwertig bin wie alle anderen Menschen auch."

Informationen zum Beitrag

Titel
Beschimpft, bespuckt und ausgegrenzt
Autor
Christina Frescher
Schule
Berufliches Gymnasium , Trier
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.07.2011, Nr. 154, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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