Xu Yfei aus Schanghai

Xu Yfei aus Schanghai

Die zierliche Chinesin, Xu Yfei, genannt Yvette, zieht nach ihrem zwölfstündigen Flug von Hongkong nach Hamburg-Fuhlsbüttel ihre zwei großen Koffer den langen Korridor hinunter. Sie läuft angespannt und unsicher durch den dämmrigen Flughafen. Ihre kurzen, schwarzen Haare hängen platt herunter, die Brille sitzt auf der verschwitzen Nase, und die Anstrengung ist ihr ins Gesicht geschrieben.

Ihr erster Gedanke beim Blick aus dem Flugzeug war: "Öko-Deutschland", denn im Gegensatz zu ihrer Heimat Schanghai erblickt sie großflächige Felder mit viel Grün, was in Schanghai undenkbar wäre, denn dort dominiert der Smog. "Die Natur wird mir sonst nie so nah vor die Füße gelegt." Auch die unbekannte Stille ist ihr fremd, denn in Schanghai dominieren die vielen Menschen und der Lärm. "Bei mir zu Hause werden die Schritte der Menschen von den Autos überdeckt, und manchmal kann man sein eigenes Wort gar nicht mehr verstehen."

Quickborn, eine Stadt vor den Toren Hamburgs, die nun Yvettes Heimat auf Zeit wird, ruft bei ihr das Gefühl hervor, einsam und verlassen zu sein. Es ist für sie ungewohnt, sich nicht an den Menschenmassen vorbeidrängen zu müssen, die die Deutschen nur aus der Vorweihnachtszeit kennen. In Schanghai ist das Alltag. In dieser Metropole sind dennoch viele auf sich alleine gestellt, ebenso Yvette, die für gewöhnlich die meiste Zeit in einer kleinen, kahlen Wohnung für sich verbringt. "Dekoration und Farben an den Wänden sind bei uns nicht üblich, da wir sehr wenig Zeit zu Hause verbringen." Denn ihre Eltern sind beide berufstätig und haben daher unter der Woche kaum die Möglichkeit, für ihre 17-jährige Tochter da zu sein. Als Ingenieur ist ihr Vater beruflich sehr eingespannt, und zehn Tage Urlaub sind schnell verbraucht. Auch ihre Mutter, die als Buchhalterin in einer international tätigen Firma beschäftigt ist, hat nur wenig freie Zeit.

Yvette wird von ihrer deutschen Austauschfamilie schon freudig erwartet. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube tritt sie ihrer Gastfamilie in der kühlen Ankunftshalle gegenüber. Herzlich wird sie mit einer Umarmung begrüßt. Mit verzerrtem Gesicht lässt sie die ungewohnte Intimität von Fremden über sich ergehen. Hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen den Kulturen. Unter den 19 Millionen Einwohnern in Schanghai sind Gruppenduschen, wie sie in Sportvereinen und Schwimmhallen in Deutschland zur Normalität gehören, und Umarmungen undenkbar, denn in China wird darauf geachtet, dass die Distanz gewahrt wird. Eine Umarmung von Fremden ist für Yvette daher eine völlig neue Erfahrung.

Sofort werden ihr die schweren Koffer abgenommen. "In meinem Heimatland ist es auch für Mädchen selbstverständlich, alles selbst in die Hand zu nehmen. Wir lernen sehr früh, die Rolle der Frau zu übernehmen und unsere Dinge eigenständig zu erledigen." Dazu gehört neben dem Kochen und dem Haushalt auch die gesamte Kindererziehung.

Das äußere Erscheinungsbild der Deutschen signalisiert in Augen der Chinesin ihr Ernsthaftigkeit und Ordnung. Diese Aspekte spiegeln sich für Yvette besonders in der Kleidung wider. "Die Chinesen versuchen sich durch die Mode von der Masse abzusetzen, hier sehen alle gleich aus. Die Vielfältigkeit würde mir fehlen", amüsiert sich das zierliche Mädchen. Die Vorstellung, dass in Quickborn jemand im Dirndl zur Arbeit geht, ist für Norddeutsche unvorstellbar, in China würde man damit hervorstechen und wäre etwas Besonderes.

Selbst Berlin erweckt bei ihr den Eindruck einer klassischen und sauberen Großstadt, als sei diese hauptsächlich für die gehobene Gesellschaftsschicht vorbehalten. Die sauberen Gegenden, wie sie Yvette bei den typischen Touristenattraktionen vorfindet, sind in China vor allem für die Reichen bestimmt. Da sie die abgelegenen und heruntergekommenen Stadtteile in Berlin nicht zu Gesicht bekommt, sieht sie dies als großen Unterschied zu den schrillen und schmutzigen Vierteln in Schanghai. "Als ich den Kurfürstendamm und das Einkaufszentrum KaDeWe besuchte, stachen mir sofort Bilder von reichen Leuten in den Kopf." In China sind solche vornehmen Einkaufsmöglichkeiten eine Seltenheit.

Mühselig versucht Yvette einige deutsche Wörter auszusprechen, doch kein Anlauf gelingt. Aus dem Wort Brötchen wird bei ihr "Botken". Dennoch ist sie beim Frühstück von dem Brötchen so fasziniert, dass sie sofort ihren Fotoapparat holt, der auch beim Kuchenbacken zum Einsatz kommt. Eine deutsche Spezialität genießt sie während ihres Aufenthalts besonders: die Currywurst. Sie ist nach Yvette "die leckerste Spezialität", die sie in Deutschland gegessen hat.

Informationen zum Beitrag

Titel
Xu Yfei aus Schanghai
Autor
Vanessa Lewedey, Christin Breitsprecher
Schule
Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium , Quickborn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.07.2011, Nr. 154, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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