Leicht abgestumpft zu sein erleichtert die Arbeit

Leicht abgestumpft

Jörg Boller betritt die Justizvollzugsanstalt in Kiel durch zwei schleusenartige Glastüren. Es ist ruhig, nur ab und zu knallt laut eine Tür, Schlüssel klimpern. Für den Justizvollzugbeamten der Beginn eines normales Arbeitstages. In seiner blauen Uniform mit großem Schlüsselbund und Funkgerät bewaffnet arbeitet er im Schichtdienst und fängt entweder morgens, mittags oder abends an. Sein Aufgabenbereich ist der Abteilungsdienst. Zellenkontrollen und das Beaufsichtigen der Gefangenen stehen auf der Tagesordnung. Weiter geht es für ihn mit dem Bearbeiten der Post und schriftlichen Aufträgen. Papierkram im Gefängnis? "Hier ist alles streng geregelt. Die Gefangenen können hier Sport wie Volleyball, Fußball und Basketball betreiben, müssen sich aber vorher anmelden", sagt der engagierte Mann, der einmal im Jahr mit der Fußballmannschaft zu einem Turnier nach Lübeck fährt. "Unsere Mannschaft ist meistens nicht so gut. Das liegt daran, dass die Insassen höchsten dreieinhalb Jahre hier sind. Da bleibt nicht so viel Zeit zum Trainieren." Die meisten Gefangenen sind wegen Drogenbesitzes, Diebstahl oder Einbruch in Haft.

Nach seinem Hauptschulabschluss machte Boller eine Ausbildung zum Bäcker, arbeitete anschließend als Lkw-Schlosser und drei Jahre als Fahrlehrer. Nachdem er eine Zeitlang als Busfahrer tätig gewesen war, wollte er weiter im öffentlichen Dienst arbeiten und bewarb sich für den mittleren Dienst bei der Kripo. Er wurde zum Test zugelassen und bestand. "Sie entschieden sich dann jedoch für jüngere Bewerber, ich war damals Ende zwanzig. Sie sagten mir jedoch zu, meine Testergebnisse für weitere offene Stellen zu verwenden und sich dann an mich zu wenden", sagt der Justizvollzugsbeamte. So kam er dann zu seinem heutigen Job. Eigentlich wusste Boller nicht direkt, worauf er sich da einließ. "Anfangs war das für mich schon wie ein Sprung ins kalte Wasser." Doch er gewöhnte sich schnell daran. "Man muss halt irgendwie etwas abgestumpft sein, das kommt so mit der Zeit." Der 46-Jährige sagt, dass es wichtig sei, sich den Häftlingen gegenüber als Autoritätsperson zu behaupten, anders sei ein solcher Job nicht zu bewältigen. Den Umgang mit den Gefangenen beschreibt er als relativ unkompliziert. "Es gibt Regeln, und an die wird sich meistens gehalten. Eigentlich ist es etwas wie in einer Jugendherberge." Wer an ein Gefängnis denkt hat oft dunkle Gänge und gewalttätige Gefangene im Kopf. Doch hier erinnert wenig an die düsteren Szenen aus amerikanischen Serien. Die Gänge sind hell, und anstatt einer großen Kantine, wo einer über den nächsten herfällt, bekommen die Häftlinge ihr Essen durch eine Luke in ihre Zelle. Das einzig zutreffende Klischee ist Bollers riesiger Schlüsselbund. Eine Waffe brauche er nicht. Und falls doch mal etwas passieren sollte, hat er an seinem Funkgerät einen grünen Knopf, der seinen Kollegen dann darüber informiert, in welchem Abschnitt er sich gerade aufhält. Ansonsten sind überall in den Gängen rote Knöpfe an der Wand, die ebenfalls Aufschluss über seinen aktuellen Standort geben würden. Angst hat er keine vor den Gefangenen. Entweder sind sie in ihrer Zelle, haben gerade Hofgang oder arbeiten. Durch das Arbeiten können sie bis zu 180 Euro im Monat verdienen.

Am Nachmittag ertönt eine laute Glocke. Die Gefangenen gehen in ihrer blau-grünen Kleidung zu ihren Arbeitsplätzen. Ein Großteil der 250 Inhaftierten arbeitet innerhalb der Justizvollzugsanstalt in der Näherei, der Schuhmacherei, der Buchbinderei oder Druckerei. "Man muss sich das hier wie einen kleinen Tante-Emma-Laden vorstellen", beschreibt einer der Aufseher der Näherei die Werkstätten. Damit meint er die fast familiäre Atmosphäre sowie die verschiedenen Aufgabenbereiche, die hier zusammenkommen.

So wie im normalen Leben müssen auch hier Bewerbungen geschrieben werden. Wenn die Inhaftierten dann eingeteilt wurden, dauert es einige Wochen, bis sie angelernt sind. "Strafe haben die alle schon. Man kann ihnen nur was anbieten", findet der Beamte. Die Gefangenen nehmen dieses Angebot dankend an, da sie so schließlich auch etwas Geld für ihre Zukunft verdienen können. Damit dies auch wirklich gewährleistet ist, müssen Dreisiebtel des Gehalts gespart werden. Den Rest geben die Männer für alles Mögliche aus. Die großen Versandhäuser senden ihre Kataloge immer wieder. "Die machen damit ein riesiges Geschäft. Vor kurzem wurde in einem Monat für ungefähr 11 000 Euro eingekauft." Viele der Inhaftierten haben DVD-Player und eine Playstation in ihren Zellen, in der sich sonst nur ein Bett und eine Toilette befinden.

Um 17 Uhr schließt Jörg Boller mit Kollegen dann die Zellen ab. Nach etwas über sieben Stunden verlässt er die JVA in Kiel wieder durch die zwei schleusenartigen Glastüren. An einigen Tagen geht der ledige Mann dann noch zum Fußballtraining. Er führt ein Leben zwischen aufstrebenden Fußballtalenten und gescheiterten Existenzen. Denn seiner Erfahrung nach würden nur fünf bis zehn Prozent der Entlassenen nicht wieder inhaftiert.

Informationen zum Beitrag

Titel
Leicht abgestumpft zu sein erleichtert die Arbeit
Autor
Miriana Koch
Schule
Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium , Quickborn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.2011, Nr. 160, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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