Geldstrafen oder drohendes Gefängnis bewirkten wenig

Geldstrafen

"Der Knast allein ändert niemanden", sagt Hafez. Erst die Auseinandersetzung mit dem Islam hat ihm geholfen. Ein Berliner Verein setzt sich für straffällig gewordene muslimische Jugendliche ein.

Der Knast allein ändert niemanden. Er ist wie ein Kinderclub mit Tischtennis und Fußballkickern", erklärt Ibrahim Hafez (Name geändert) und lacht über seinen Vergleich. Der 24-Jährige ist ein muskulöser, etwas kleinerer Mann mit dunklen, straff nach hinten gegelten Haaren und lebhaften grauen Augen. Im Alter von vier Jahren kam der gebürtige Kosovo-Albaner 1991 mit seinen Eltern nach Berlin. Die Familie erhoffte sich hier ein besseres Leben und mehr Sicherheit für ihre Kinder als im krisengeplagten Serbien.

Die hohen Erwartungen erfüllten sich aber vorerst nicht. "20 Jahre lang ging das hin und her mit unserer Aufenthaltsgenehmigung", sagt Hafez. "Man ist mit einem Duldungsstatus wie gefangen. Seit ich nach Deutschland kam, habe ich meine restliche Familie im Kosovo nicht mehr gesehen." Er wirkt wütend, seine Miene verfinstert sich. Viele der damaligen Flüchtlinge aus dem Kosovo leiden seit ihrer Ankunft unter ihrem unsicheren Aufenthaltsstatus in einem Land, das längst Heimat für sie geworden ist.

"Wenn man nur geduldet ist, dann darf man nicht arbeiten, nicht studieren und auch nicht verreisen. 150 Euro zahlt das Sozialamt. Doch davon kann man nicht leben." Seine damaligen Freunde fragten Hafez, warum er denn überhaupt zur Schule gehe, wenn man ihn und seine Familie am Ende doch abschiebt. "So fing das an. Mit 15 Jahren in der Pubertät beginnt man dann das zu glauben. Ich habe die Schule geschmissen und bin dadurch auf die schiefe Bahn geraten." Weil er mit dem Geld nicht auskam, begann er mit Freunden in Tankstellen einzubrechen. "Mit Gullydeckeln haben wir die Scheiben eingeworfen und Zigarettenstangen geklaut, die wir dann verkauft haben, aber das ist fast neun Jahre her." Dafür landete er mit 16 Jahren für vier Monate in der Jugendhaftanstalt Kieferngrund, einer Außenstation der Justizvollzugsanstalt Plötzensee in Berlin-Lichtenrade. Dort traf er auf die Islamgruppe von Lichtjugend e.V. Der Verein setzt sich für die Reintegration von straffällig gewordenen muslimischen Jugendlichen ein. Gemeinsam mit sieben Freunden hat Chalid Durmosch 2003 den Verein gegründet. Der heute 34-jährige Ingenieur, Sohn einer deutschen Mutter und eines syrischen Vaters, kam mit sechs Jahren aus Syrien nach Deutschland. Die Probleme der Jugendlichen sind ihm durchaus bekannt. In seiner "Sturm-und-Drang-Zeit", wie er sie nennt, hat er auch Party und Bodybuilding gemacht, dunkle Klamotten getragen und einige schiefe Dinger gedreht. "Ich wurde damals fast kriminell. Aber wenn ich Mist gebaut habe, bin ich zum Glück immer direkt erwischt worden", schmunzelt er. So war es auch, als er mit einem Freund Ersatzteile aus einem Auto entwenden wollte. Ein Streifenwagen war direkt vor Ort, es blieb bei einer Verwarnung. Dann kam es zu drastischen Einschnitten im Leben des besonnen wirkenden Mannes. Seine Schwester starb mit knapp zwanzig Jahren an einem Herzfehler. "Nach einer solchen Erfahrung beschäftigt man sich dann doch intensiver mit der Sinnfrage des Lebens. Der Islam hat mir dabei geholfen, Antworten auf meine Fragen zu finden." Durmosch hat ein Studium in Islamologie und Wirtschaftsingenieurswesen abgeschlossen. Mit dem Verein will er Jugendliche von der schiefen Bahn zurückholen. "Wir wollten mit unserer Religion helfen, diese Jugendlichen aus ihrer Orientierungslosigkeit zu befreien." Er und seine Freunde haben sich an Gefängnisse gewendet und gefragt, ob Bedarf an einer Betreuung besteht. Die Haftleiter der Jugendanstalt Plötzensee war dankbar für das dringend benötigte Betreuungsangebot für die überwiegend muslimischen Häftlinge.

"Das ist dann wie eine Unterrichtsstunde einmal die Woche. Man liest aus Büchern islamischer Theologen zu einem Thema, das entweder wir festlegen oder die Jugendlichen sich aussuchen. Sie lernen, über ein Thema, das sie wirklich beschäftigt, nachzudenken und auch nachzufragen", erklärt Durmosch das Konzept.

Hafez ist zunächst nur zu den Gruppensitzungen gegangen, weil das seine Freunde taten und weil man im Knast nicht so viele Alternativen hat. Als er feststellte, dass die Teamleiter nicht versuchten, die Jugendlichen zu missionieren, sondern ihnen dabei halfen, Antworten auf ihre Fragen zu finden, weckte das sein Interesse. "Wenn ich jemanden zusammengeschlagen habe, hat man mir mit Geldstrafen und Gefängnis gedroht, das hat mich aber nicht beeindruckt. Die Leute aus der Islamgruppe meinten jedoch: Stell dir mal vor, jemand würde deinen Bruder so zusammenschlagen. Das war ein Anlass nachzudenken. Dadurch wurde das Leben im Gefängnis ruhiger und besser", sagt er. Der Verein hat zehn ehrenamtliche Mitarbeiter, ihm wurde 2010 die Auszeichnung als "Botschafter für Demokratie und Toleranz" verliehen.

Doch ganz so einfach war es dann für Hafez doch nicht, den Konflikt mit dem Gesetz dauerhaft zu meiden. Ein paar Monate nach dem Absitzen der ersten Haftstrafe musste er wegen einer Schlägerei erneut für 18 Monate ins Gefängnis. "Der Knast allein ändert niemanden. Aber es hat auch etwas Positives. Man hat Zeit, über das, was man getan hat, nachzudenken." In dieser Zeit las er viele Bücher über den Islam. "Wenn du den Islam studierst, dann änderst du dich. Er gibt dem Leben einen Sinn, denn der Islam hat auf jede Frage eine Antwort." So habe er gelernt, was es heißt, Geduld zu haben und sich mit wenig zufriedenzugeben. "Ich will nicht mehr das Haus und die Millionen, sondern bin mit dem zufrieden, was ich habe. Aber das bringt dir nicht der Knast, sondern der Islam bei", ist Hafez sich sicher.

Als er mit 19 Jahren entlassen wurde, wollte er endlich Klarheit und nicht mehr mit einer Duldung leben. "Ich habe die Ausländerbehörde angezeigt. Viele Leute trauen sich nicht, diesen Schritt zu gehen, weil sie Angst davor haben, dass der Richter auf Abschiebung entscheidet. Aber ich hatte die Schnauze voll." Er hatte Glück. Der Richter hielt ihn für einen intelligenten jungen Mann und gab ihm die Chance, einen Schulabschluss zu erwerben und dadurch einen gesicherten Aufenthaltsstatus zu erlangen. "Ich habe als Klassenbester meinen erweiterten Hauptschulabschluss gemacht", erzählt Hafez stolz. Durmosch erklärt: "Viele der Jugendlichen mit einer Duldung werden straffällig, weil sie sich ausgeschlossen fühlen. Sie versuchen, auf Umwegen an der Gesellschaft zu partizipieren, indem sie sich auf illegale Weise Geld besorgen."

Hafez will sich nun mit einem Wasserpfeifen-Café im Norden Neuköllns selbständig machen. "Ich will mein eigener Chef sein, denn früher bei der Ausländerbehörde haben sie mir immer gesagt, was ich alles nicht darf." Noch wird renoviert, bald will er sein Café eröffnen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Geldstrafen oder drohendes Gefängnis bewirkten wenig
Autor
Vincent Streichhahn
Schule
Leonardo-da-Vinci-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.2011, Nr. 160, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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