Nur kein Mitleid zeigen

Nur kein Mitleid zeigen

Alte Holzhütten reihen sich mit ihren farbenfrohen, blumenverzierten Fensterläden und Zäunen aneinander. An viele Häuser lehnt sich eine Banja, eine Sauna mit einem Waschraum, woraus ein stark nach Birkenholz riechender Rauch aufsteigt. In den großen Gärten wachsen Tomaten, Gurken, Bohnen, Äpfel und Himbeeren. Vereinzelt streunen Hunde und Katzen auf den dreckigen und staubigen Straßen. Dieses russische Dorf namens Jaja, das im Süden Sibiriens liegt, ist auch das Zuhause des 26-jährigen Sergej Ivanov. Morgens um sechs Uhr beginnt die Arbeit des großen Mannes mit den graublauen Augen.

Sein Alltag als örtlicher Polizist ist nicht einfach, auch wenn er gegenüber den Bauern und Handwerkern des Dorfes sozial höher steht. Morgens beginnt er mit dem Sortieren von Akten und Personalien. Im Laufe des Tages muss er im eigenen sowie in nahegelegenen Dörfern nach dem Rechten sehen. Da viele Menschen in Armut leben, ist Diebstahl an der Tagesordnung. "Man muss eine starke Persönlichkeit haben, sich durchsetzen können und nicht immer zu viele Emotionen, wie Mitleid, zeigen. Das ist schon alles", lautet seine Antwort auf die Frage, ob ihm die Armen nicht manchmal leidtun. Ordnung müsse sein. Ein großes Problem sei der Alkoholkonsum, sagt Sergej. Nicht nur die Jugend, sondern auch die ältere Generation trinke gerne mal zu viel, dann kommt es schnell zu unerlaubtem Autofahren und sogar zu brutalen Schlägereien. "Besonders dieser Teil meiner Arbeit ist sehr unangenehm, da man nie genau weiß, was auf einen zukommt." Es kam auch schon vor, dass Jugendliche im betrunkenen Zustand auf Sergej und seine Kollegen losgegangen sind. Jeden Tag ist er froh, wenn er unversehrt zu seiner Frau und seinem Kind heimkehren kann.

Wie die meisten Frauen im Dorf arbeitet Sergejs Frau Olga nicht. Sie muss sich um das Kind, den Haushalt, den Garten und die Tiere im Stall kümmern. Ihr Tag beginnt sehr früh. Falls das Kind morgens noch schläft, macht sie sich an das Melken ihrer einzigen Kuh. Die Milch ist sehr wichtig für die Familie. Einerseits für den eigenen Verbrauch und andererseits zum Weiterverkauf. Stolz ist sie auch auf ihre beiden prächtigen Schweine, die sie von Ferkelbeinen an gepäppelt hat. "Unser Garten darf aber auf keinen Fall zu kurz kommen. Wir brauchen jede Kopeke, da nutzt uns kein verdorbenes Gemüse." Deswegen schaut Olga jeden Tag genau nach, welche Tomate oder welches Radieschen schon reif genug ist. Den meisten Platz beanspruchen die Kartoffeln. In Russland sind sie sehr beliebt. Oft sitzen Frauen am Straßenrand und verkaufen Gemüse oder Blumen. Da die Winter eiskalt und lang sind, sorgen die Frauen für ausreichend Vorräte. Viel Gemüse wie Tomaten oder Kraut wird in Gärgefäße eigestampft und mit Hilfe von Salz haltbar gemacht. Diese Gefäße werden dann mit den vielen Kartoffeln in der Scheune oder im hauseigenen Keller gelagert.

"Das Leben im Dorf ist nicht immer leicht, doch ich möchte keineswegs tauschen", sagt Sergejs Frau stolz. Trotz Problemen mit dem fließenden Wasser und beschränktem Platz sind sie zufrieden, so wie es ist. In den langen Sommernächten versammeln sich die Dorfbewohner zum Essen und feiern ausgelassen bis zum Morgengrauen. Dann ist es friedlich in diesem kleinen Dorf, in dem die Zeit stehengeblieben ist. Und Sergej hofft, dass er diesmal keine Streitereien von Feiernden schlichten muss, die zu tief ins Glas geschaut haben.

Nur kein Mitleid zeigen

Informationen zum Beitrag

Titel
Nur kein Mitleid zeigen
Autor
Kristina Lier
Schule
Graf-Stauffenberg-Gymnasium , Flörsheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.2011, Nr. 160, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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