Die stahlverstärkten Türen des Panda zittern sich zum Erfolg

Es ist laut. Sehr laut. Eine große Menschenmenge hat sich um zwei unscheinbare Autos versammelt. Um einen schwarzen Fiat Panda stehen mehrere Leute und drücken mit aller Kraft gegen Türen und Scheiben. "Ready, set, go!", hallt durch Lautsprecher. Auf einem Monitor läuft nun ein Countdown von 0:30 gegen null. Auf einmal ist ein monströses Dröhnen zu hören. Die Türen, das Dach und alle anderen Teile des Fiat Panda fangen an zu vibrieren und zu zittern. Der Monitor zeigt einen Zahlenwert an: 162,9. Es handelt sich um Dezibel (dB), die Messeinheit für Schalldruck. Sehnsüchtig wird der Wert des zweiten Autos erwartet. 160,5 dB, der Fiat hat gewonnen.

"Das ist das Beste am dB-Drag-Racing, wenn man sieht und spürt, wie alles funktioniert", sagt Udo Kühnel, der mit dem "Team Schlegelmilch" aus dem unterfränkischen Haßfurt bei der Weltmeisterschaft des dB-Drag-Racing auf der Car-Style-Messe in Hamburg an den Start geht. Der Sound kommt nicht etwa aus den Motoren der Kleinwagen, sondern aus den mächtigen, im Inneren verbauten Boxen. "Das ist sozusagen Formel1 für Lautsprecher, Verstärker und Gehäusebau", erklärt Udo Kühnel. Beim dB-Drag geht es schlicht und einfach darum, am lautesten zu sein. Jeder Teilnehmer hat das Ziel, den höchsten Sound Pressure Level (SPL), also Schalldruck, in seinem Auto zu erzielen.

"Angefangen hat alles mit einem Kunden, der ein möglichst lautes Auto brauchte, um damit an Wettbewerben teilzunehmen", erklärt der auf Soundanlagen spezialisierte Kfz-Mechaniker. "Als er dann Erfolg hatte, beschlossen wir, das Ganze selbst eine Nummer größer zu machen." So entstand in etlichen Arbeitsstunden aus einem alten Fiat Panda ein Weltklasse-dB-Drag-Auto. Seit 2003 tritt das Team um Udo Kühnel, Robert Krebs, Maik Seidel und Pietro Cocco mit diesem Wagen weltweit bei Wettbewerben an und sicherte sich sofort den Europameistertitel. Seitdem konnten sie viermal den deutschen Meistertitel in ihrer Klasse holen und insgesamt drei Weltrekorde aufstellen. Das Team nimmt hauptsächlich an Wettbewerben in der Klasse "Super Street 1-2 No Wall" teil. In dieser Klasse dürfen höchstens zwei Lautsprecher verbaut werden, und die Bauten im Auto dürfen alle nicht höher als die Unterkante der Fenster sein. "Das macht es besonders schwierig, die perfekten Bedingungen für die Schallwellen zu schaffen", erklärt Udo.

Beim Bau des Autos steht die Crew vor einigen Herausforderungen. Zuerst muss das Fahrzeug mit Beton und Stahl verstärkt werden, um dem Druck standhalten zu können. "Ohne die Verstärkungen würden die Teile den Druck nicht aushalten", erklärt der 45-Jährige. Der Druck ist sogar so stark, dass die Türen bei der Schallmessung von mehreren Personen kräftig zugehalten werden müssen, "sonst könnten die Schlösser aufspringen, aber bei der Messung müssen die Türen geschlossen bleiben". Im Inneren des Wagens werden außerdem Winkelstücke angebracht. "So können wir noch mal einige Dezibel rausholen."

Schließlich wird die maßangefertigte Lautsprecherbox in der zuvor exakt berechneten Position in das Auto gebaut. "Die genaue Position der Box ermittelt man durch Probieren, das ist eine Wissenschaft für sich", erläutert Udo. Ist dann noch die richtige Frequenz für den Sinuston, der zur Messung dient, ermittelt, ist das Auto startbereit. Die Kosten von rund 35 000 Euro für den Umbau übernehmen verschiedene Sponsoren und das Team selbst. Mit allen Umbauten hat das Gefährt ein Gewicht von 1,8 Tonnen. "Wichtig ist, dass das Auto noch aus eigener Kraft in die Lane, also den Messbereich, fahren kann, deshalb muss der Motor funktionsfähig bleiben", sagt Udo.

Die nächste Runde beginnt bei der WM in Hamburg. Noch hatten die Teams Zeit, eifrig an ihren Wagen zu schrauben. Das Team Schlegelmilch fährt in die Lane. "Ready, set, go!" Ab jetzt haben die beiden gegeneinander antretenden Teams 30 Sekunden Zeit, das beste Ergebnis abzuliefern. "In den 30 Sekunden muss alles stimmen, sonst ist es vorbei", sagt der Mechaniker. Einmal war es selbst für das Team Schlegelmilch knapp, Udo erinnert sich: "Der Radio hatte nicht funktioniert, und wir mussten ihn neu starten. Dann haben wir in den letzten Sekunden noch eine Messung hinbekommen, das Ergebnis war der deutsche Meistertitel." Wieder beginnt das laute Dröhnen. Das Haßfurter Team "drückt", so bezeichnen das die Profis, einen Wert von 162,9 dB und kann das Halbfinale für sich entscheiden.

Im Finale erwartet sie ein härterer Gegner. Das Team Carmania-Tom, gegen das sie aber bisher noch nie verloren haben. "Das schöne am dB-Drag ist, dass alle untereinander befreundet sind, selbst wenn man den anderen gerade besiegt hat", sagt Udo. "Man ist wie eine große Familie und hilft sich immer gegenseitig." Auch die Frauen oder Freundinnen packen mit an oder sprechen ihnen Mut zu. Diese Familie trifft sich mehrmals in der Saison, um auf Wettbewerben gegeneinander anzutreten und Punkte zu sammeln. Wenn man 75 Punkte gesammelt hat, bekommt man eine Einladung von Wayne Harris, dem Gründer der Liga, und darf an der Qualifikation zur Weltmeisterschaft teilnehmen. Jetzt aber muss Udos Team gegen den Holländer von Carmania-Tom ran. Das unglaublich laute Dröhnen beginnt. Die Niederländer legen respektable 165 dB vor und gewinnen. "Beim nächsten Mal müssen wir eben noch lauter sein", sagt Udo.

 

Informationen zum Beitrag

Titel
Die stahlverstärkten Türen des Panda zittern sich zum Erfolg
Autor
Kai Zimmermann
Schule
Regiomontanus-Gymnasium , Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.07.2011, Nr. 166, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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