Reizende Blattlaus

Wenn ich diese eine Schnecke habe, dann höre ich auf mit dem Sammeln, dann kaufe ich mir nie mehr ein Steifftier", sagte Joachim Michels aus Haßfurt in Unterfranken vor fünf Jahren. Wie nicht anders zu erwarten, hat der 45-jährige Krankenpfleger seine Leidenschaft, Steifftiere zu sammeln, danach nicht aufgegeben. "Mit 16 Jahren habe ich mir mein erstes Steifftier, einen kleinen blauen Fisch, auf einem Flohmarkt gekauft. Ich habe ihn zufällig gesehen und mitgenommen, weil er mir gefallen hat." Aus seiner Kindheit haben auch noch ein Bär und ein Rabe von Steiff überlebt. Von da an ist Joachim immer öfter auf Flohmärkte gegangen, um dort gezielt seine geliebten Steifftiere zu kaufen.

Allerdings interessieren ihn keine gewöhnlichen Tiere wie Hunde oder Katzen. "Mich reizen viel mehr ausgefallene Tiere wie eine Hummel, eine Blattlaus oder ein Hummer. Wobei ich natürlich auch Hunde und Katzen habe", erklärt er mit einem Lächeln. Sein Lieblingstier ist eine Fledermaus, die ihm seine Frau Cornelia geschenkt hat. "Ich achte zwar darauf, nur günstige Tiere zu kaufen, aber wenn ich ein wirklich sehr schönes und antikes sehe, bin ich bereit, ein bisschen mehr zu zahlen", gibt er grinsend zu. Seine Frau sagt: "Es ist ein teurer Spaß, aber ich unterstütze meinen Mann natürlich. Und hin und wieder schenke ich ihm auch ein Steifftier."

Mittlerweile umfasst seine Sammlung fast 1200 Tiere. Warum ist er ausgerechnet von Steiff so angetan? "Ich finde es einfach beeindruckend, wie naturgetreu diese Tiere dargestellt sind." Richard Steiff, Neffe der Gründerin Margarete Steiff, hat am Anfang der Steifftierherstellung in Zoos Tiere wahrheitsgetreu nachgezeichnet, um eine möglichst realistische Darstellung zu erreichen.

Michels bewahrt auch alte Kataloge, Prospekte und Schilder der Firma Steiff auf. Im Treppenhaus seines Einfamilienhauses gibt es eine Dschungellandschaft mit künstlichen Pflanzen und Steifftieren. Auf mehreren Wandregalen sitzen Tiger und Pandabären. Affen schwingen sich mit Seilen von der Decke und werden von anschleichenden Löwen beobachtet. Auf einem kleinen Baumstamm zwitschern Paradiesvögel. An einer Wand hocken Steiffspinnen in einem Netz.

"Wir hatten auch schon eine Unterwasserwelt mit vielen Fischen und Meerestieren", schildert Michels stolz. Da der Platz begrenzt ist, kann er immer nur eine ausgewählte Anzahl an Tieren verteilen. "Die restlichen Tiere lagere ich auf dem Dachboden." Das gefällt ihm eigentlich nicht. "Mein Traum wäre es, all meine Steifftiere im Haus zu dekorieren. Immer mit der passenden Landschaft natürlich." Deswegen hat er vor 18 Jahren schon einmal seine Steifftiere öffentlich ausgestellt. "Durch die sehr antiken Tiere wurden bei vielen Menschen alte Kindheitserinnerungen geweckt." Heutzutage wird es schwieriger, an solche Steifftiere heranzukommen. "Die Flohmärkte sind ziemlich abgegrast und die Preise in den letzten zehn Jahren drastisch gestiegen. Aber Ebay bietet natürlich neue Möglichkeiten." Vor allem gebe es in Japan und Amerika seit neuestem viele Sammler.

Das Markenzeichen eines Steifftieres ist ein Knopf im Ohr. Es kommt jedoch häufig vor, dass dieser fehlt, vor allem wenn man sich auf Flohmärkten umsieht, da dort die Tiere ja schon in Gebrauch waren. So versuchen viele Verkäufer ihre Kunden übers Ohr zu hauen, indem sie ihnen versichern, dass es sich um ein Steifftier handelt, obwohl es ein gewöhnliches Kuscheltier ist. "Aber ich erkenne ein Steifftier einfach, ich habe den Kennerblick."

Joachim Michels hat noch nie ein Steifftier verkauft, obwohl er etliche doppelt besitzt. "Diesen Schritt habe ich noch nicht gewagt. Nur meinen Kindern habe ich bis jetzt ein Steifftier geschenkt." Seine zwei Töchter und sein Sohn durften kaum mit den Tieren spielen. "Mit Sammlerstücken spielt man nicht."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Reizende Blattlaus
Autor
Lea Michels
Schule
Regiomontanus-Gymnasium , Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.07.2011, Nr. 166, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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