Kornnattern im Müll und ein Nilwaran im Wald

Eine Frau kommt mit Tränen in den Augen aus dem Berliner Tierheim.

Traurige Augen beherbergt das graue Gebäude am Rande des Berliner Stadtteils Lichtenberg viele. Das Heim ist 110 Jahre alt und befindet sich seit zehn Jahren an seinem jetzigen Standort. Mehrere Dutzend Tierarten finden hier ein neues Zuhause. Schon aus weiter Entfernung hört man das Bellen der Hunde, so als würde jeder seine traurige Geschichte erzählen und den Besucher anbetteln, ihn mit nach Hause zu nehmen.

12 000 Tiere werden jährlich im Berliner Tierheim abgegeben oder an den unmöglichsten Stellen ausgesetzt. Der kräftige, bärtige Tierheimleiter und Landwirt Michael Begall berichtet von einer Handvoll junger Kornnattern, die im Müll entsorgt wurden, und einem Nilwaran, der in einem Sack im Wald ausgesetzt wurde. Das Aussetzen junger Tiere findet er am schlimmsten, weil sie die wenigsten Chancen zum Überleben haben.

Auch das Schwein namens Rudi wurde in einem Wald ausgesetzt und lebt seit zwei Jahren im Heim. Rudi war nicht gekennzeichnet, was unerlaubt ist und das Finden des Halters verhinderte. Tierpfleger Andreas Golke berichtet, dass Rudi auf den Menschen geprägt ist. Dies erschwert eine Vermittlung, da Rudi schlecht mit anderen Schweinen auskommt. Er lebt wie andere Nutztiere in einem Gehege auf dem kleinen Bauernhof des Tierheims, der genügend Platz für Ziegen, Gänse, Hühner, Schweine und ein Pony bietet. Die Shetlandpony-Mischlingsdame Kathrin leidet an einer chronischen Huferkrankung, was zur Folge hat, dass nicht mehr auf ihr geritten werden kann. Chronisch kranke Tiere wie Kathrin sind kostenintensiv, so dass sie schwer vermittelbar sind. Wie die meisten Tiere im Tierheim, hat Kathrin eine traurige Vorgeschichte. Ihr ehemaliger Besitzer ist neben ihr gestorben, verrät Andreas Golke gerührt.

Außer dem Bauernhof gibt es im Berliner Tierheim neben den Gebäuden für Katzen, Vögel, Kleintiere und Hunde auch eine neue Exotenauffangstation mit großen artgerechten Terrarien. "Heute kommt hier jeden Tag 'n Reptil rein", sagt Tierheimleiter Begall und berichtet, dass Reptilien wie Schlangen, Bartagamen und Leguane heutzutage mehr "in" sind als Katzen. So befindet sich in der Exotenauffangstation in einem großen, mit Blättern übersäten Terrarium ein Chamäleon, das das Berliner Tierheim von einem anderen Tierheim übernahm. Solche Tiere werden häufig abgegeben, weil es den Besitzern an Fachkompetenz fehlt und sie keinen Platz oder keine Zeit und kein Geld für eine artgerechte Haltung haben. Außerdem werden zum Beispiel Leguane sehr groß, wenn sie ausgewachsen sind, was Tierhalter beim Kauf eines Jungtiers oft nicht beachten.

"Wir sind das größte Tierheim der Welt", behauptet Begall stolz. Ernst fügt er jedoch hinzu: "Dieses Tierheim kriegt keinen Pfennig Geld vom Staat." Es wird ausschließlich durch Spenden finanziert. Zum Glück gibt es diese Spender, die vielen ehrenamtlichen Helfer und das fürsorgliche Personal.

Hide Out ist eine der mehr als 650 Katzen hier und lebt seit vier Jahren in einem der drei Katzenhäuser. Ein großes Gehege mit einem Kratzbaum, Spielzeug, vielen Liege- und Kuschelflächen und einem großen Außengehege ist ihr neues Heim. Hide Out wurde abgegeben, weil ihre Besitzerin Opernsängerin war und sie die schrillen Töne nicht aushielt. Sie entwickelte eine Abneigung gegenüber Frauen und kann nur noch von Männern gehalten werden. Als sie vor ein paar Jahren von einem Mann aufgenommen wurde, griff sie diesen nach einigen Monaten jedoch auch an, so dass sie zurück ins Tierheim kam. Wegen dieser unvorhersehbaren Angriffe ist sie schwer vermittelbar.

Viele Tiere können jedoch relativ schnell vermittelt werden, was auch zwingend erforderlich ist, da der Platz für neue Tiere benötigt wird. Allerdings werden Affen nicht an Privatpersonen vermittelt. Sie leben in einem Gehege mit vielen Klettermöglichkeiten und werden hauptsächlich von ausgebildeten Zootierpflegern betreut. Seit Dezember 2008 leben außer den Rhesusaffen und Meerkatzen auch Ceylon-Hutaffen, die aus einer Auffangstation übernommen wurden, in der Exotenauffangstation des Berliner Tierheims. Das Heim lehnt die Haltung von Affen bei Privatpersonen grundsätzlich ab, da Affen eine spezielle Nahrung, ein großes Innen- und Außengehege und mindestens zwei Artgenossen benötigen.

Der Leiter und seine Mitarbeiter legen großen Wert auf artgerechte Haltung, deshalb halten sie auch nichts von Zirkushaltung. Ehrenamtliche Helfer überprüfen nach einiger Zeit die Unterbringung von aus dem Tierheim aufgenommenen Tieren bei den Privatpersonen. Denn, so betont Tierpfleger Andreas Golke: "Man soll Tiere Tier sein lassen!"

 

Informationen zum Beitrag

Titel
Kornnattern im Müll und ein Nilwaran im Wald
Autor
Alicia Korne
Schule
Leonardo-da-Vinci-Oberschule , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.2011, Nr. 172, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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