Erfolge der Hippotherapie

Früher hatte er nie etwas mit Pferden am Hut. Heute muss schon viel kommen, damit er seine Reitstunde ausfallen lässt", versichert Korinna Reich. Und tatsächlich: Ihr Mann Volker sitzt freudestrahlend auf dem Rücken des 16-jährigen Kaltblüters Lukas. Dass er Ende 2007 drei Wochen im Koma lag, kann man sich bei diesem Anblick kaum vorstellen. Damals erlitt Volker Reich eine schwere Gehirnblutung. Wäre er nicht zufällig wegen einer Augenuntersuchung zur selben Zeit schon im Krankenhaus gewesen, hätte er das wohl nicht überlebt. Seither ist er querschnittsgelähmt und kann nur wenig sprechen.

Der 32-Jährige hat vieles ausprobiert. Einen Lichtblick brachte die Hippotherapie beim Verein für therapeutisches Reiten Bolheim. Seit zwei Jahren kommt Volker Reich nach Möglichkeit wöchentlich in das ostwürttembergische Dorf. Mit vereinten Kräften hebt man den Patienten von seinem Rollstuhl aus über eine Rampe auf das Pferd. Seine Therapeutin Pia Mettenleiter schwingt sich hinter den gelernten Krankenpfleger, der nun selbst auf die Hilfe anderer angewiesen ist. "Die Hippotherapie ist etwas Einzigartiges. Diese dreidimensionale Bewegung des Rumpfes in der Vorwärtsbewegung des Pferdes kann man mit keiner anderen Methode nachahmen", sagt die 47-jährige Physiotherapeutin mit der Zusatzausbildung in Hippotherapie. "Das kann keine Maschine der Welt."

Durch den Gang des Pferdes wird die Dynamik des Rumpfes des Patienten angeregt: Die Bewegung der Hüfte nach vorne und hinten, links und rechts, sowie die Rotation des Beckens. Die Therapie erfolgt so gewissermaßen automatisch. "Für unsereiner ist es ganz einfach, auf dem gehenden Pferd zu sitzen. Für meine Patienten ist es so anstrengend, als würde man zehn Kisten Sprudel auf einmal in den zehnten Stock tragen müssen", erklärt Mettenleiter. Das liegt daran, dass die Rumpfmuskulatur der meisten Patienten erschlafft ist oder sich völlig zurückgebildet hat. Ziel der Hippotherapie ist das Erlangen eines besseren Körpergefühls und einer größeren Beweglichkeit.

Mettenleiter hat auch jüngere Patienten, wie einen geistig und körperlich behinderten 14-Jährigen. Für ihn ist die Hippotherapie wichtig, um ein Gefühl für den eigenen Körper zu erlangen und diesen besser kontrollieren zu können. Pia Mettenleiter stützt den Jungen vom Boden aus am Rücken und stabilisiert ihn so, während das Pony Gino von einer Helferin geführt wird. "Nicht so schief und scheps", fordert Mettenleiter ihn während der Therapiestunde mehrmals energisch auf, damit dieser sich aufrichtet und streckt, was ihm von Mal zu Mal besser gelingt.

Auch wenn Volker Reich anfangs noch sehr bucklig auf dem Pferd gesessen ist, macht er mittlerweile große Fortschritte. "Es ist, als würde Herr Reich selbst laufen. Sein Körper macht beim Reiten die gleichen Bewegungen wie beim Laufen, nur dass die Beine bei der Hippotherapie außen vor sind", sagt Pia Mettenleiter. Sie sitzt hinter ihrem Patienten, um ihn zu sichern und zu stabilisieren.

Die Pferde, die sie einsetzt, müssen regelmäßig ein sogenanntes Gelassenheitstraining absolvieren, also Übungen mit unbekannten Geräuschen, Flatterbändern, Planen und Fahrzeugen. Es dient dazu, die Pferde an außergewöhnliche Situationen zu gewöhnen und die Gefahr eines Erschreckens zu vermeiden, da dies für die unsicheren Patienten gefährlich sein könnte.

Durch die Therapie hat Volker Reich ein neues Lebensgefühl gewonnen. Dazu trägt erheblich sein fast zweijähriger Sohn Raffael bei. Am Ende der Stunde präsentiert Volker Reich selbstbewusst seinen Sprachcomputer, mit dem er sich anderen besser mitteilen kann. Langsam fährt er mit seinem Zeigefinger über die Tasten. Er schaut auf und lächelt, als am Display seine Nachricht erscheint: "Es geht mir gut, Frau Mettenreiter."

 

Informationen zum Beitrag

Titel
Erfolge der Hippotherapie
Autor
Laura Knödler
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.2011, Nr. 172, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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