Turbinen an und immer in Topform sein

4.12 Uhr. Das Telefon klingelt. Klaus Schröder ist plötzlich hellwach. "Hier ist Crew Control. Guten Morgen, Klaus. Es ist jetzt 4.12, wir haben was zu fliegen für dich." - Bereitschaftsdienst. Der Koffer ist schon gepackt. Die dunkelblaue Uniform mit den vier goldenen Streifen am Jackettärmel hängt gebügelt am Schrank. Es bleibt keine Zeit für einen Kaffee. Innerhalb von einer Stunde muss der Kapitän am Flughafen sein.

Für Klaus Schröder ist das normal. "In 80 Prozent der Bereitschaftstage werde ich aktiviert." In Tegel angekommen, bekommt er am Check-in seine Bordkarte für den Flug nach Frankfurt und fährt dort mit dem Bus zum Crew-Raum, um seine Unterlagen abzuholen und mit der Crew den Flug zu besprechen. "Wetter, wie viele Passagiere, eventuelle Besonderheiten, das alles muss vorher abgeklärt werden." Dann betritt er mit der Crew das Flugzeug, das betankt wird, in der Zwischenzeit kommt das Catering. Je nach Wetterlage wird mal mehr, mal weniger getankt, wie viel genau, entscheidet Schröder, der nun das Flugzeug von außen begutachtet. Das Flugzeug ist die Embraer 190/195 und gehört zur Lufthansa. Während Schröder den Computer programmiert, steigen die Passagiere ein. Der Push-Track schiebt die Maschine zur Landebahn "Turbinen an! Und dann geht es los." Schröder fliegt seit 39 Jahren. "Eigentlich wollte ich Lokführer werden, doch ich hatte damals gesehen, wie ein Hochhaus gebaut wurde mit Hubschraubern, das hat mich fasziniert. Das ist mein Traumberuf." Er fing mit Transportflugzeugen an und fliegt heute Passagierflugzeuge. "Die Verantwortung für die Passagiere ist mir ständig bewusst, man muss auch immer auf gutem Wissensstand und in Topform sein, in dem Bewusstsein, dass die Passagiere einem vertrauen können."

Als Verkehrsflugzeugführer muss man zweimal im Jahr in den Simulator. Vier Stunden lang werden die Piloten mit Problemsituationen wie Rauch, Feuer, Triebwerksausfälle konfrontiert. "Vor den Simulatorprüfungen ist er meistens sehr angespannt, weil er ja nicht weiß, was auf ihn zukommt", sagt seine Frau Regina Schröder. Für sie und Klaus Schröders Töchter, 24 und 20, ist der Beruf nicht weiter aufregend. "Wir empfinden das als etwas ganz Normales." Angst um ihren Mann kennt die 53 Jahre alte Frau nicht. "Ich habe eigentlich überhaupt keine Angst, das brauche ich auch nicht, ich weiß, dass beide Piloten einen guten Job machen und alles im Griff haben. Außerdem, wenn Klaus wüsste, dass ich mir Sorgen mache, dann könnte er ja gar nicht zur Arbeit gehen."

Klaus Schröder fliegt von München und Frankfurt aus europaweit. Da er in Berlin wohnt, beträgt schon sein Arbeitsweg drei Stunden. Das stört ihn nicht. "Am größten ist der Stress am Boden", also die ganze Organisation, die vor und nach dem Flug gemacht wird. "Schließlich versucht jeder Pilot innerhalb des Slots in die Luft zu gehen." Das ist das vorgegebene Zeitfenster, in dem ein Flugzeug starten soll, damit sich die Flugrouten nicht schneiden. "Schafft der Pilot das nicht, muss alles neu berechnet werden."

Manchmal fliegt er fünf Strecken am Tag. Morgens geht's um 4.00 Uhr los, um 19.00 Uhr ist er wieder zu Hause. Er hat ungefähr 35 Minuten "Turn Around", Zeit, in der er am Boden ist, bevor er weiterfliegt. Manchmal geht's in ein Hotel. "Das ist die einzige Einschränkung für mich, dass wir unser ganzes Leben nach Klaus' Dienstplan richten, ich plane sogar meinen Friseurbesuch danach", sagt Regina Schröder. "Als die Kinder noch klein waren, war es schlimmer, da waren sie sehr traurig, wenn Klaus an Heiligabend fliegen musste." Für ihren Mann gibt es viele schöne Momente: "Das Schönste ist, wenn man an einem Herbstmorgen, wenn es neblig und kalt ist, startet, die Wolken durchbricht und die Sonne hinter den Alpen aufgeht", sagt er und strahlt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Turbinen an und immer in Topform sein
Autor
Franziska Schön
Schule
Leonardo-da-Vinci-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2011, Nr. 178, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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