Wie in der Badewanne hin und her rutschen

Lotsen sind Antivirenprogramme." So beschreibt Martin Finnberg seinen Beruf. Der stellvertretende Ältermann der Kieler Lotsenbrüderschaft ist das genaue Gegenteil aller Vorurteile. Kein weißbärtiger, pfeiferauchender Mann im Fischerhemd, sondern ein moderner, hemdtragender 42-Jähriger sitzt in dem Neubau auf der Schleuseninsel im Kanal in Kiel-Holtenau. Ein Mann, wie man ihn in einem normalen Büro erwarten könnte, wäre da nicht sein Fernweh.

Der Weg zum Lotsenberuf ist lang. Zu den zahlreichen Pflichtjahren auf See kommen noch Studium und Ausbildung. Alles in allem kann es bis zu 20 Jahre dauern, bis ein ehemaliger Matrose sich Lotse nennen darf. Das ist auch der Grund, warum es kaum weibliche Lotsen gibt, sie fahren selten die ganze Pflichtzeit zur See, weil sie eine Familie gründen wollen. Während seiner Ausbildung sammelt der angehende Lotse, im Fachjargon Aspirant, Erfahrungen und lernt viel: So kennen alle Kieler Lotsen die Untiefen des Nord-Ostsee-Kanals, die Strömungen und Weichen, also die Stellen, wo der Kanal breit genug zum Überholen ist. Die Arbeit der Lotsen beginnt beim Leuchtturm Friedrichsort, das heißt, die Schiffe werden auch durch die Kieler Förde und den Hafen gelotst. Jedes größere Schiff ist verpflichtet, einen Lotsen an Bord zu nehmen, die ganz großen Schiffe auch noch einen Kanalsteurer. Die einzige Ausnahme sind die Fähren nach Oslo und Göteborg in Kiel, die Kapitäne kennen ihre Strecke so gut, dass sie eine Prüfung abgelegt haben und jetzt ohne Lotsen fahren dürfen.

Lotsen haben die Informationen, wann wo welches Schiff ist und wer wann wen überholen kann. Das ist wichtig, denn der Nord-Ostsee-Kanal ist mit rund 30 000 Schiffen im Jahr der meistbefahrende Kanal der Welt. Viele wollen die 1000 Kilometer lange Passage durch den Skagerrak und das Kattegat abkürzen.

"Jeder macht Fehler", aber gerade um diese schnellstmöglich zu beheben, beraten sich Kapitän, Steuermann, Kanalsteurer und Lotse ständig. Der Kanalsteurer kämpft auf großen Schiffen gegen die Hydrodynamik des Kanals, denn "im Kanal fahren ist wie in der Badewanne hin und her rutschen, das Wasser strömt um das Schiff und drängt es irgendwo an den Rand". Früher waren Schiffe höchstens 100 Meter lang, heute sind es bis zu 300. "Es gibt für immer mehr Schiffe immer weniger Wasser, dadurch werden die Entscheidungszeiten immer kleiner. Kein Kapitän kann es alleine schaffen, ein 300 Meter langes Containerschiff sicher durch den Hamburger Hafen an seinen Anlegeplatz oder durch den schmalen Nord-Ostsee-Kanal zu bringen."

Der Lotse selbst darf ein Schiff nicht steuern, seine Aufgabe ist nur eine beratende. Er kann Vorschläge machen, die der Kapitän dann annimmt oder verwirft, schließlich hat dieser die Verantwortung für sein Schiff. Laut Gesetz soll jedes Schiff, egal ob die Mannschaft kundig oder unerfahren ist, den Kanal schnell und sicher durchfahren. Mit etwas Erfahrung sehen die Lotsen einem Schiff schon von weitem an, ob es leicht oder schwer zu lotsen ist, ob die Mannschaft an Bord erfahren ist oder nicht, ob die Technik an Bord intakt ist. Die 144 freiberuflichen Kieler Lotsen haben sich in einer Lotsenbrüderschaft organisiert, am Ende des Monats wird der gesamte Verdienst auf alle Lotsen aufgeteilt. Auch kranke Lotsen bekommen 80 Prozent des Verdienstes. Die Schiffe werden durch eine Reihenbört gerecht auf die Lotsen verteilt. Hinter diesem norddeutschen Wort aus dem 17. Jahrhundert steckt ein ähnliches Prinzip wie hinter einem Bahnhof-Taxistand. Jeder Lotse hat einen Platz in der Reihenbört, der Erste übernimmt das nächste Schiff, ist er fertig, reiht er sich wieder am Ende ein. Weil die ungefähre Anzahl und Ankunftszeit der Schiffe vorher bekannt ist, können sich die Lotsen errechnen, wann sie wahrscheinlich das nächste Mal raus müssen, ein Durchlauf dauert etwa 24 Stunden. Der Nord-Ostsee-Kanal ist in zwei Lotsengebiete eingeteilt. Die Lotsen fahren nur bis Kilometer 55, bis Rüsterbergen, dort wird gewechselt, ein Lotse aus Brunsbüttel übernimmt das Schiff, und der Kieler Lotse bringt das nächste Schiff sicher zurück nach Kiel.

Geleitet wird die Bruderschaft von den Ältermännern. "Ältermänner sind so etwas wie Klassensprecher", sie organisieren nur und haben selbst keine Macht, alles wird beredet und schließlich abgestimmt. "Niemand wird Lotse, um als Ältermann in der Verwaltung zu arbeiten, aber irgendjemand muss es ja machen", sagt der stellvertretende Ältermann Martin Finnberg.

Besonders zur Kieler Woche, dem größtem Segelsportereignis der Welt, ist der Beruf eines Lotsen aufregend. Ein großes Containerschiff durch 100 Traditionssegler und ein Meer aus kleineren Segelschiffen zu manövrieren ist eine schwierige Aufgabe. Teilweise sind die Segelschiffe nur zehn Meter vom Schiffsrumpf entfernt. Viele werden Lotse, weil sie eine Familie gründen wollen. Dieses ist aber mit einem Arbeitsplatz an Bord eines Schiffes schwer zu vereinbaren, Seeleute sind meist vier Monate auf See und danach drei Monate zu Hause.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wie in der Badewanne hin und her rutschen
Autor
Marie Josefin Bartelt
Schule
Kieler Gelehrtenschule , Kiel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2011, Nr. 178, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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