Christoph 7 ist bis zu 230 Kilometer schnell

Ab Sonnenaufgang ist der Rettungshubschrauber einsatzbereit und wird in der Regel viermal am Tag von Patienten rund um Kassel gebraucht. Ein erfahrenes Team fliegt mit.

Was haben wir?", fragt die 50-jährige Notärztin Marion Regenbogen und schlüpft in ihre leuchtend orange Einsatzjacke. "Das Übliche . . . eine ältere Dame hat Herzschmerzen", antwortet Rettungsassistent Hans-Dieter Bohlander, während er durch die Luke tritt, die auf das Dach des Rot-Kreuz-Krankenhauses in Kassel führt, wo der Rettungshubschrauber Christoph 7 seit Sonnenaufgang einsatzbereit steht. Dort hat der Berufspilot der Bundespolizei Peter Keim den Motor bereits gestartet. Der Rettungsassistent nimmt den Platz links neben dem Piloten ein, die Notärztin sitzt hinter ihm. Im hinteren linken Teil des Hubschraubers befindet sich eine Patientenliege. Neben der umfangreichen notfallmedizinischen Ausrüstung, die immer komplett im Hubschrauber vorhanden sein muss, von Spritzen und Infusionen bis hin zu einem mobilen Beatmungsgerät, ist im Christoph 7 nun nur noch sehr wenig Platz übrig.

Ungefähr zwei Minuten sind vergangen, seit der Pieper Alarm gegeben hat. Die fünf Meter langen Rotorblätter drehen sich immer schneller und verschwimmen zu einem einzigen schwarzen Kreis, bis sich der Hubschrauber um 9.15 Uhr donnernd in den milchigen Himmel Kassels erhebt. Christoph 7 wird täglich während der Nachtstunden im Hangar der Bundespolizei in Fuldatal gewartet und mit 345 Litern Sprit betankt. Er verbraucht um die 200 Liter in der Stunde bei einer Fluggeschwindigkeit von bis zu 230 Stundenkilometern, so dass er je nach Flugstrecke auch im Laufe des Tages Kerosin nachtanken muss. Zahlreiche Einsätze liegen in einem Radius von fünf bis zehn Kilometern Luftlinie vom Rot-Kreuz-Krankenhaus entfernt. Gelegentlich werden Strecken von bis zu 100 Kilometern zurückgelegt.

Die Alarmierung des Hubschraubers erfolgt über eine Leitstelle, die den Einsatzort und die Gründe für die Alarmierung so exakt wie möglich beschreibt. Christoph 7 ist mit einem Navigationsgerät ausgestattet. "Die Orientierung aus der Luft ist gar nicht so einfach, und es ist notwendig, dass der Rettungsassistent die Navigation unterstützt", erklärt Pilot Keim.

Für kurze Strecken liegt die Flughöhe normalerweise bei 150 Metern, bei weiteren Strecken fliegt der Pilot aber auch manchmal 300 Meter hoch. Bei dieser Flughöhe muss er sich über Funk auch mit dem Flughafen Kassel-Calden verständigen, um Zusammenstöße zu verhindern. Auch Vögel können den Hubschrauber schädigen. "Einmal habe ich einen kleinen Vogel während des Fluges in die Triebwerke gesaugt. Das war hinterher eine große Sauerei", erinnert sich der Pilot und fährt sich über seine kurzen blonden Haare. Kleine Vögel können dem Hubschrauber keinen ernsthaften Schaden zufügen. Von einer Taube kann jedoch schon Gefahr ausgehen, da sie die Vorderscheibe durchschlagen kann.

Nur fünf Minuten nach der Alarmierung landet der Hubschrauber am Einsatzort, und die Patientin wird von Notärztin und Rettungsassistent versorgt. "Wir transportieren etwa 20 Prozent unserer Patienten mit dem Hubschrauber. Für schwerverletzte, meist narkotisierte Patienten ist das der angenehmste und vor allem schnellstmögliche Weg. Bei Patienten, die bei vollem Bewusstsein sind, wird im Einzelfall entschieden, ob sie besser mit einem Krankenwagen fahren sollen. Denn für sie ist das Fliegen viel unangenehmer als der bodengebundene Transport", erklärt Notärztin Regenbogen. So wird die Frau mit den Herzbeschwerden von einem Notarztwagen ins nächste Krankenhaus gebracht, während das Team von Christoph 7 nach einer Stunde wieder mit dem Hubschrauber zum Standort zurückkehrt.

Nun folgt wie immer die Nachbereitung des Einsatzes. Regenbogen heftet das Protokoll ab, das während des Einsatzes geführt wurde, und trägt die Daten der Patientin und deren Beschwerden ein. "Bei der Nachbereitung der Einsätze geht es in erster Linie um Qualitätssicherung. Es ist sehr wichtig, dass wir alles genau dokumentieren. Auch im seltenen Falle einer Gerichtsverhandlung sind wir durch eine exakte Dokumentation besser geschützt", erklärt sie und lässt ihre grünen Augen prüfend über den Bildschirm gleiten. "Besonders anspruchsvoll ist die Versorgung von Kindernotfällen. Dazu haben wir uns in zahlreichen Fortbildungen spezialisiert. Kinder erleben Notfallsituationen auf ganz eigene Weise, und es ist uns sehr wichtig, dass sie nicht nur medizinisch auf höchstem Niveau versorgt, sondern während des Fluges auch einfühlsam begleitet werden." Zwei weitere Einsätze folgen, die das erfahrene Rettungstrio erneut zu einem Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt und zu einem schweren Motorradunfall führen.

Der Hubschrauber fliegt immer von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, so dass das Luftrettungspersonal im Sommer bis zu 16 Stunden arbeiten muss. Die Schicht beginnt um 6.30 Uhr und endet um 22.30 Uhr. "Natürlich kommt es hin und wieder vor, dass wir gar keinen Einsatz haben. Dann ist die Zeit sehr lang, und man kann trotzdem nicht wirklich entspannen", erklärt Regenbogen und nippt an ihrem Kaffee. "Manchmal haben wir aber auch zehn Einsätze am Tag. Das ist dann wirklich sehr anstrengend, da man nie in Ruhe essen oder auch nur auf die Toilette gehen kann. Doch das ist eher die Ausnahme, durchschnittlich fliegen wir vier Einsätze pro Tag."

Im Sommer ist es ohne Klimaanlage im Innern des Christoph 7 manchmal unglaublich heiß. Trotzdem muss das Personal immer die signalfarbenen Einsatz-Jacken und -Hosen tragen. Diese sind zum Schutz vor Verletzungen lang und gefüttert, falls die Rettungscrew beispielsweise ein Stück durch den Wald laufen muss, um zu ihrem Einsatzort zu gelangen. Die klobigen schwarzen Schuhe sind hochgeschlossen und haben vorne Stahlkappen. "Die Schuhe sind fest wie Skischuhe, und ich fühle mich schon geschützt, wenn ich sie trage, aber im Sommer sind sie unglaublich warm", lacht die dunkelhaarige Ärztin.

"Das Fliegen macht mir sehr viel Spaß, aus der Luft bekommt man viel zu sehen und hat eine willkommene Abwechslung zur Arbeit als Anästhesistin im OP. Andererseits gibt es auch Einsätze, die mir tagelang nicht aus dem Kopf gehen. Und seit mein Sohn den Führerschein hat, ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich schon aus der Luft versuche, die Fahrzeugkennzeichen zu lesen, und aufatme, wenn er nicht dabei sein kann", gesteht die Mutter eines 18-jährigen Sohnes.

Um 18.20 Uhr macht sich Peter Keim bereit, den Rettungshubschrauber nach Fuldatal zur Fliegerstaffel Mitte der Bundespolizei zu bringen, wo er nachts stationiert ist. Der Pilot ergreift seine Tasche, ruft "Macht's gut!", geht die schmale Holzwendeltreppe hinauf aufs Dach und lässt den Motor an. Die Rotorblätter drehen sich laut, bis Christoph 7 abhebt, noch ein Mal durch ein Blinken des zentralen Frontscheinwerfers grüßt und schließlich im Sonnenuntergang entschwindet.

Informationen zum Beitrag

Titel
Christoph 7 ist bis zu 230 Kilometer schnell
Autor
Noemi Rittmeyer
Schule
Engelsburggymnasium , Kassel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2011, Nr. 178, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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