Musik gegen die Isolation

Es ist ein anstrengender Beruf, der mir aber viel Freude macht", sagt Axel Rüdiger, bevor er den Raum betritt, in dem zwölf alte Menschen auf ihn warten. Axel Rüdiger ist Musiklehrer, der seit 16 Jahren auch als Musiktherapeut in geriatrischen Krankenhäusern und Altenheimen in Nordhessen arbeitet. Er hat sich unter anderem auf die Therapie von Demenzerkrankungen spezialisiert. "Das Schlimmste an der Demenz ist die soziale Isolation", sagt Axel Rüdiger. "Genau dabei will ich den Leuten helfen. Durch das gemeinsame Singen haben die Menschen wieder ein Gruppenerlebnis und sozialen Kontakt." Axel Rüdiger geht dabei seinen eigenen Weg: "Ich habe mich gefragt, wie ich als Teilnehmer an einer solchen Therapie es gerne hätte, und kam zu dem Schluss, dass ich mich mit der Musik identifizieren muss. So kam ich auf die Idee, mit den Patienten Volkslieder zu singen, da sie diese in einer frühen Lebensphase gelernt haben."

Die Sonne durchflutet den Raum im Altenheim Renthof in Kassel. Zwölf Bewohner sitzen auf Stühlen oder in Rollstühlen im Kreis zusammen. Sie sind zwischen 75 und 93 Jahre alt. Ihre Demenzerkrankung ist unterschiedlich weit fortgeschritten. Die Atmosphäre im Raum ist bedrückend. Die Menschen wirken apathisch und gelangweilt. Unterhaltungen finden nicht statt. Eine Frau nimmt fortwährend ihr Gebiss aus dem Mund und setzt es sich wieder ein. Auch die Ehefrau eines gar nicht so alt wirkenden Mannes ist zu Besuch. Eine Altenpflegerin ist ebenfalls anwesend.

Axel Rüdiger tauscht sich zunächst kurz mit der Pflegerin über das momentane Befinden der Teilnehmer aus. "Für mich ist es wichtig, immer jemanden dabeizuhaben, der die alten Leute schon den ganzen Tag erlebt hat und mich im Vorfeld auf eventuelle Schwierigkeiten hinweist. Denn Demenzkranke reagieren oft unerwartet auf die Musik. Plötzliche Gefühlsausbrüche können von Heulkrämpfen bis hin zu Aggressionen reichen." Nachdem er diese Dinge kurz mit der Pflegerin geklärt hat, geht es dann aber auch schon los. Axel Rüdiger packt seine Zither aus, stimmt das Instrument und zupft ein paar Akkorde. Er stellt so einen ersten Kontakt mit seinem "Publikum" her, das oft nicht mehr durch verbale Ansprache zu erreichen ist. Er weiß, dass viele Demenzkranke ein Lied schon nach den ersten Tönen erkennen werden. "Es ist sehr erstaunlich. Viele vergessen die Namen ihrer Angehörigen oder können sich an ihr früheres Leben kaum oder gar nicht mehr erinnern. Dafür sind aber Melodien und Liedtexte aus ihrer Kindheit und Jugend noch vollkommen präsent und abrufbar."

So ist es dann auch. Als er anfängt zu spielen und die Ersten die Melodie von "Alle Vögel sind schon da" erkennen, fangen sie an mitzusingen oder melodisch im Takt zu wippen. "Die Reaktionen sind oft sogar noch heftiger", sagt Axel Rüdiger. "Manchmal fangen sie an zu tanzen, obwohl sie kaum noch laufen können." Sein heutiges Repertoire reicht von "Der Mai ist gekommen", "Wenn alle Brünnlein fließen" bis hin zu deutschen Schlagern wie "Veronika, der Lenz ist da" und "Tulpen aus Amsterdam". Als Axel Rüdiger dieses Lied anspielt, bricht das Eis endgültig. Die Wirkung der Musik ist nicht mehr zu übersehen. Die alten Menschen sind wie ausgewechselt. Sie fangen an zu reden und auch ein bisschen über sich zu erzählen. Eine Frau nennt ihren Namen und erzählt, wie es ihr geht. Eine ehemalige Konzertsängerin, die seit drei Jahren im Renthof lebt, sagt: "Das Gefühl für Musik ist eine der wichtigsten Gaben, die der Mensch hat." Diesen Satz wiederholt sie mehrfach in den nächsten Minuten.

"Natürlich mache ich mir vor jeder Sitzung Gedanken über die Menschen und deren musikalischen Lebenslauf", sagt Axel Rüdiger. "Häufig aber muss ich von meinem Plan abweichen und auf Wünsche und Äußerungen der Menschen eingehen." Mit "Äußerungen" meint Axel Rüdiger oft nahezu unverständliche Melodie- und Wortfetzen, mit denen die alten und kranken Bewohner versuchen, sich zu beteiligen. Als eine Frau anfängt, an ihm herumzuzupfen und -zuzerren, reagiert er ruhig, freundlich und bestimmt. Das ist wichtig, um die erreichte positive Stimmung nicht zu gefährden und keine Aggressionen aufkommen zu lassen.

Die Wirkung der Musik hält auch über die Therapiestunde hinaus noch an. "Die Wirkung auf unsere Bewohner hilft uns bei der Arbeit. Sie sind aufgeweckter, ansprechbarer und vor allem ausgeglichener. Die sonst oft extremen Gefühlsschwankungen werden deutlich abgeschwächt und eine ausgeglichene Stimmung kommt allen zugute", sagt die anwesende Pflegerin. Nachdem die Musikstunde mit der ersten Gruppe vorüber ist, geht es zur zweiten Gruppe in einen anderen Raum. Die ehemalige Konzertsängerin will auch an der zweiten Musikstunde teilnehmen. "Es hat mir so viel Spaß gemacht", sagt sie und begleitet den Therapeuten.

Eine ähnliche Wirkung der Musik zeigt sich auch bei der zweiten Gruppe. Die Menschen sind offener, fröhlicher und aktiver. Auch die ehemalige Konzertsängerin singt wieder begeistert mit. "Meine Arbeit ist eigentlich unzureichend", sagt Axel Rüdiger. "Um wirklich dauerhaften Erfolg zu erzielen, müsste man das, was ich hier alle zwei Wochen mache, täglich eine halbe Stunde tun."

Auch bei den Angehörigen kommt diese Art der Therapie gut an. "Viele fragen sogar gezielt nach, wann ich wiederkomme, da sie merken, wie positiv ihre pflegebedürftigen Angehörigen auf die Musik reagieren. Die Musiktherapie ist eine sehr gute Behandlungsmöglichkeit für Demenzkranke, die leider viel zu wenig eingesetzt und gefördert wird." Aber auch sie stößt an ihre Grenzen. "Diese Art Therapie wird nicht mehr lange so erfolgreich sein, da das deutsche Liedgut ausstirbt. Die Menschen, die heute hier sitzen, kennen noch die alten Volkslieder und können sich mit ihnen identifizieren. Die nächste Generation kann das schon nicht mehr", erklärt Rüdiger. "So wird eine sehr effektive Behandlungsmethode für die kommenden Generationen wegfallen, was uns alle angesichts der demographischen Entwicklung vor ein großes Problem stellen wird." Er bezieht sich damit auf demographische Untersuchungen, die besagen, dass der Anteil alter Menschen an der Bevölkerung zunehmen und sich die Anzahl der Demenzkranken bis 2050 ungefähr verdoppeln wird. Das sind dann vier Prozent aller Deutschen und somit jeder fünfundzwanzigste.

Informationen zum Beitrag

Titel
Musik gegen die Isolation
Autor
Mathias Albracht
Schule
Engelsburg-Gymnasium , Kassel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.08.2011, Nr. 184, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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