Mit Herz und Schnauze

Amy, nicht so wild", ermahnt Ingrid Zakel ihre Hündin, nicht zu stürmisch einem Leckerli hinterher zu hetzen. Das sechsjährige Golden-Retriever-Weibchen mit dem kupferroten Fell ist jeden Dienstagmorgen der Star im Wöllner-Stift-Altenheim in Rösrath. Schon seit fünf Jahren besucht Ingrid Zakel einmal in der Woche das Heim. Anfangs waren auch noch ihre beiden anderen Retriever mit auf Tour, "doch da auch Hunde alt werden", sagt Ingrid Zakel, darf inzwischen nur noch Amy ran. Denn das Engagement im Altenheim liegt irgendwo zwischen Spaß und Schwerstarbeit, sowohl für Mensch als auch für Tier.

In die Wege geleitet werden diese Besuche von dem ehrenamtlichen Verein "Tiere helfen Menschen", der versucht, Kranken und Einsamen durch den Kontakt mit entsprechend sozialisierten Hunden und Katzen eine besondere Freude zu ermöglichen. Der Hund ist zugleich Zuhörer und Animateur, er leistet beruhigende Gesellschaft und motiviert zum Spielen und Berühren. Bei den Heimbewohnern ist das Füttern aus der Hand, neben dem Spiel mit dem Ball, besonders beliebt.

Daher hat Ingrid Zakel immer einen kleinen schwarzen Plastikbeutel mit Hundekuchen zur Belohnung des Tieres dabei, da die Treffen auf jeden Fall "positiv für den Hund" sein müssen. Die 80-jährige Erika Schumacher (Namen der Patienten geändert) ist seit mehreren Jahren bettlägerig. In ihrem kleinen hellen Zimmer im Erdgeschoss ist die Tür zum Innenhof weit geöffnet. Frische Luft und Blumenduft vermischen sich mit dem Zitronengeruch von Putzmitteln. Im Fernsehen läuft, weithin hörbar, eine Talkshow, und auf dem weißen Beistelltisch stehen noch die Reste des nur halb gegessenen Frühstücks. Der Golden Retriever springt augenblicklich mit den Vorderpfoten zu Erika Schumacher auf die Bettkante und lässt sich von ihr füttern. "Hunde habe ich am liebsten", sagt sie und lacht herzhaft auf, als Amy mit der kalten Hundeschnauze an ihrem Arm entlangstreift. Die Rheinländerin hat sich den ganzen Morgen auf den Besuch von "Amychen" gefreut.

Insbesondere an Demenz erkrankte Heimbewohner "kommunizieren überwiegend durch den Hund", sagt Ingrid Zakel.

Die 82-jährige Petra Meisner leidet seit einigen Jahren an Altersdemenz und verbringt die meiste Zeit in ihrem Zimmer in einem Nebentrakt des Pflegeheims. Den Tagesablauf bestimmen vorwiegend Depression und Monotonie. Doch als sie aufgefordert wird, den Ball zu werfen, die Hündin den gelb-roten Tennisball apportiert und gegen Belohnung in Form von Streicheleinheiten und einem Hundekuchen der alten Dame vor die Füße legt, scheint jegliche Lethargie aus ihrem Gesicht wie weggewischt. Und ihre Augen blitzen auf.

Im Gemeinschaftsraum steht Amy schnell im Mittelpunkt. Zwischen Repros von van Gogh und Monet läuft Amy unter Stühlen und Tischen umher und wird von allen Seiten berührt, getätschelt und gestreichelt. Zusätzlich zu den emotionalen Auswirkungen eines solchen Kontakts, wie dem Trösten über den Verlust eines geliebten Menschen oder die Überbrückung von Kontaktängsten, vermag die Interaktion mit dem Hund sogar Blutdruck zu senken, Stress abzubauen und zu Aktivität zu motivieren. Der Beutel voller Hundekuchen leert sich in rasanter Geschwindigkeit, und Ingrid Zakel muss wieder und wieder zur Mäßigung bei der Belohnung mit Hundekuchen mahnen. "Immer nur eins", bremst sie allzu ausufernde Großzügigkeit der Heimbewohner.

Trotz der teilweise hohen zeitlichen und körperlichen Belastung für Mensch und Tier denkt Ingrid Zakel nicht an ein Ende ihrer Tätigkeit. "Jeder braucht Beschäftigung, auch der Hund." Am nächsten Tag steht ein Besuch in einer Leverkusener Wachkoma-Station ebenso auf dem Terminkalender wie ein Behindertenheim. Nach eineinhalb Stunden ist der wöchentliche Besuch im Altenheim beendet. Die Heimleiterin bedankt sich bei Ingrid Zakel und nimmt ihren kurzen Bericht entgegen. Man ist hier froh über ehrenamtliches Engagement, da es das Personal entlastet und die Bewohner fast ausschließlich positiv reagieren.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit Herz und Schnauze
Autor
Thomas Hoogh
Schule
Freiherr-vom-Stein-Gymnasium , Rösrath
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.08.2011, Nr. 184, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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