Dann explodierte das glänzende Ding

Gewalt und Krieg herrschen in der Heimat der verletzten Kinder, die im Friedensdorf International aufgenommen werden. Ihr Heimweh bleibt.

Die Organisation "Friedensdorf International" fliegt Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten nach Deutschland, um sie hier medizinisch zu versorgen. Gleichzeitig versucht sie, ihnen einen winzigen Teil ihrer Kindheit zurückzugeben. Betritt man den Speisesaal, wird man von einem Schwall von Stimmen empfangen. Gruppen von Kindern sitzen an Tischen, nach Alter und Geschlecht getrennt. Sie unterhalten sich, lachen, spielen. Ab und zu kehrt Ruhe ein, wenn die ermahnende Stimme eines Erwachsenen ertönt. Fast ist es, als sei man in einer Jugendherberge bei einer Klassenfahrt. Aber schaut man genauer hin, zeigen sich Unterschiede. Nicht nur, dass die Kinder aus unterschiedlichen Ländern kommen, bei einigen liegt eine Krücke unter dem Tisch, und ein anderes isst nur mit einer Hand - seiner einzigen.

Wir sind in Oberhausen, im "Friedensdorf International". Die Kinder kommen aus Afghanistan, aus Angola, vom Kaukasus und aus Zentralasien. In ihrer Heimat herrschen Gewalt und Krieg. Sie sind die Opfer. Sie verloren zum Beispiel ihre Hand beim Greifen nach dem schönen glänzenden Ding, das auf dem Boden lag, aber dann explodierte. Ein Mädchen wollte den Herd anmachen, als er plötzlich in die Luft flog. Das Friedensdorf hat sie zur Behandlung nach Deutschland gebracht.

Und obwohl die Kinder oft schwere Verletzungen und große Schmerzen haben, können sie hier wenigstens ein bisschen Kind sein. Sie müssen nicht wie zu Hause arbeiten, sondern dürfen spielen - und das ohne die Angst, im nächsten Moment auf eine Mine zu treten. "Was wir im Friedensdorf machen, ist etwas, worauf jedes Kind ein Recht hat, nämlich ein ganz normales und gesundes Kind zu sein", sagt Wolfgang Mertens, einer der stellvertretenden Leiter. "Das ist unsere Aufgabe, unsere Philosophie, und deshalb gibt es das Friedensdorf schon seit 44 Jahren, und es wird es auch die nächsten 44 Jahren geben." Entstanden ist die Idee während des israelisch-arabischen Sechs-Tage-Krieges. Während des Vietnamkriegs kamen 1967 erstmals Kinder über das Friedensdorf nach Deutschland. Jährlich werden rund 1000 Kinder zur Behandlung hierhingebracht.

Heute kommt Hamudi (die Namen der Kinder sind geändert) aus dem Krankenhaus ins "Dorf". Er kann nur schwer laufen und wird mit dem Rollstuhl gebracht. "Paschtu oder Farsi", fragt eine der Mitarbeiterinnen den Neuankömmling, der noch kein Deutsch spricht. "Paschtu", bringt der Junge heraus. Ein anderer paschtunischer Junge aus Afghanistan wird als Übersetzer geholt. So einfach lassen sich Sprachhürden nicht immer überwinden. Der Übersetzer heißt Abdulmahfoos. Er ist erst 14, doch seine Hände sind so rauh wie die eines 40 Jahre alten, hart arbeitenden Mannes. Er könne schon Lastwagen fahren, erzählt er stolz. Ja, pflichten die anderen ihm bei, in Afghanistan, da dürfe jeder Motorrad fahren. Die Jungen unterhalten sich laut, umringen einen, wollen wissen, was man hier macht. Sie lachen und diskutieren, sind fröhlich. Doch dann steht plötzlich die Frage im Raum, woher Abdulmahfoos kommt? "Aus Taliban-Gebiet", antwortet einer der Jungen kurz. "Viele Kämpfer da." Für einen Augenblick ist es still. Alle denken an ihre Heimat. Manche sind schon zwei Jahre in Deutschland, der einzige Kontakt nach Hause sind Briefe. Obwohl der Krieg in der Heimat herrscht, sehnen sie sich zurück.

Für die Kinder aus Angola ist der Tag der Rückkehr, an dem sie endlich wieder von ihren Eltern in die Arme geschlossen werden können, bald da. Um sich hübsch für die Familie zu machen, haben sich die Kinder gegenseitig kunstvolle Zöpfe und Muster in die Haare geflochten. Am nächsten Morgen versammeln sie sich vor dem Speisesaal und warten auf das Frühstück. Ein paar Jungs aus Angola stehen im Kreis und üben Hip-Hop-Bewegungen. Ihre Verletzungen scheinen sie manchmal gar nicht zu spüren. Afghanische Jungs haben sich nach dem Frühstück um einen Baum versammelt und singen Lieder ihrer Heimat. Ein Eimer dient als Trommel. Der kleine Sekan erhebt seine Stimme mit ernstem Gesichtsausdruck. Er singt, wie sein Publikum erzählt, Lieder über die Liebe, über Romantik, aber auch über Trauer. Mirza aber, dem der Schalk im Nacken sitzt, scheint einen schwermütigen Text etwas umgedichtet zu haben. Alle fangen an zu lachen. Es sind diese Momente, in denen man die Krücken ausblendet, die die Kinder mit sich tragen, den Rollstuhl, in dem sie sitzen, und in denen man den fehlenden Arm nicht bemerkt.

Doch dann werden wir ganz schnell wieder in die Realität zurückgeholt. Als der erst gestern eingetroffene Hamudi aus Afghanistan aufstehen will, kippt er plötzlich wieder um. Er schreit vor Schmerz. Keiner weiß genau, was los ist. Mitarbeiter kommen angerannt. Doch der Junge will sich nicht hochheben lassen, zu groß ist der Schmerz im Bein. Mit vereinten Kräften gelingt es dann doch, ihn ins Haus zu tragen. Er zittert vor Schmerzen, ist kurz bewusstlos, sein Gesicht ist tränenüberströmt. Ein Krankenwagen kommt und holt ihn ab.

Die ethnischen und religiösen Konflikte zu Hause reichen oft bis ins Friedensdorf hinein. Zwei Jungen aus Usbekistan geraten plötzlich aneinander. Der eine geht auf den anderen los. Der habe gesagt, dass Moslems schlecht seien, nur Christen seien gut. Das könne er sich nicht gefallen lassen. Doch nachdem die Streithähne getrennt wurden und sich beruhigt haben, geben sie sich die Hand. Hier im Friedensdorf unterbricht der Streit den Frieden, während in der Heimat der Kinder der Sachverhalt umgekehrt erscheint: Da unterbrach in der Vergangenheit der Frieden oft den als selbstverständlich geltenden Krieg.

Informationen zum Beitrag

Titel
Dann explodierte das glänzende Ding
Autor
Marlon Saadi
Schule
Elisabethenschule , Frankfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2011, Nr. 190, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180