Vertrauen kann ich keinem

Vertrauen kann ich keinem

Es ist 6 Uhr morgens, als der Wecker in Nicoles (Namen geändert) Schlafzimmer klingelt. Aufstehen, anziehen und Sachen für die Schule packen, schnell noch das Handy vom Ladekabel trennen und dann in die Küche, wo ihre Mutter mit ihrem neuen Ehemann sitzt. Bernd ist über 50 und fester Bestandteil der dreiköpfigen Familie. Aber Vater ist Bernd für Nicole noch lange nicht.

2005, im Alter von 11 Jahren, erlebte die heute 17-jährige die Scheidung ihrer Eltern hautnah mit. Zu diesem Zeitpunkt konnte sie sich an niemanden wenden, mit dem sie über ihr Problem offen reden konnte. "Ich habe damals alles selbst verarbeitet." Vor sechs Jahren ist ihr Vater direkt nach der Scheidung ausgezogen. Er wohnt seitdem in einem anderen Haus, doch immer noch im selben Ort in der Nähe von Kassel. So wie ihre Mutter lebt auch Nicoles Vater längst mit einem neuen Partner zusammen, was Nicole mittlerweile gar nicht mehr stört. Sie hat keine Geschwister, lebt alleine mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater in einem Haus. Das Verhältnis zu ihrem Stiefvater beschreibt sie als angespannt, da er zwei Gesichter habe. "Der Kerl kann in Ordnung sein, doch bereitet er mir und meiner Mutter immer öfter Probleme, wenn er besoffen nach Hause kommt und meine Mutter zur Sau macht."

Auf die Frage, zu wem sie heute ein besseres Verhältnis habe, sagt die Jugendliche: "Man baut eben zu dem Elternteil ein besseres Verhältnis auf, bei dem man lebt." Zu der Trennung sagt sie: "Es ist klar, dass ich früher sehr traurig über die Scheidung war. Doch heute habe ich es akzeptiert und habe damit kein Problem mehr." Dass es wieder so wie früher wird, scheint ihr unvorstellbar. "Die Lage zwischen meinen Eltern hat sich beruhigt, doch zusammen gehen sie gar nicht."

Oft beschäftigt Scheidungskinder der Gedanke, schuld an der Trennung ihrer Eltern zu sein. "Damals war ich 11 und habe mir über solche Dinge keine Gedanken gemacht. Auch heute bin ich überzeugt davon, dass die schlechte Beziehung zwischen meinen Eltern ausschlaggebend war und es nichts mit mir zu tun hatte." Häufig denkt man an Traumatisierungen, die Scheidungen bei Jugendlichen oder Kindern automatisch auslösen. Damit sind Probleme im eigenen Beziehungsleben gemeint, Hemmungen und Ängste, anderen Vertrauen zu schenken. Auch hier stimmt Nicole nicht zu. "Von solchen Problemen habe ich schon oft gehört, aber an mir selbst konnte ich das noch nicht feststellen." Für einen Moment möchte man ihr fast glauben, dass sie diese einschneidende Phase völlig überwunden hat.

In Deutschland wird jede dritte Ehe geschieden, meist nach dem vierten Jahr. Jährlich werden rund 150 000 Mädchen und Jungen mit der Scheidung ihrer Eltern konfrontiert, dies entspricht täglich 400 Kindern. So erleben 2,3 Millionen der 15,6 Millionen deutschen Kinder die Scheidung ihrer Eltern. Oft widerfährt dies den Kindern im Alter zwischen drei und 13 Jahren. Eine weniger glimpflich verlaufene Scheidung der Eltern musste der 17-jährige Maximilian miterleben. Er war zum Zeitpunkt der Trennung zwölf Jahre alt. Seitdem hat sich in seinem Leben eine Menge geändert. 2006 lebte der Schüler zusammen mit seinen Eltern und seiner drei Jahre älteren Schwester in Kassel. Nach heftigen Streits, so berichtet Maximilian, zogen er, seine Mutter und seine Schwester aus, während sein Vater in dem Haus wohnen blieb.

Die Familie zog in eine Wohnung in der gleichen Stadt, bis sich Schwester und Mutter zerstritten, worauf die damals 16-Jährige zu ihrem Freund zog. "Von da an geriet ich etwas auf die schiefe Ebene." Maximilian erzählt, sein Freundeskreis habe sich verändert. Damals schloss er Kontakt zu vielen Ausländern, die seine Freunde wurden und bei denen er sich "viel Respekt verdiente". Er konsumierte Alkohol und Drogen. "Dank meiner Schwester kam ich von diesen Leuten weg, sie hat mich da rausgeholt." Die schulischen Leistungen verschlechterten sich, sein Engagement für seinen Lieblingssport Tennis nahm ab. Das Schlagzeugspielen gab er auf. "Das Saufen wurde jedes Wochenende zum Alltag." Mit seiner Mutter ging er zu Therapien, die zur Verarbeitung der Scheidung helfen sollten. "Die Therapie war für'n Arsch! Ich bin bloß mitgekommen, um Döner zu essen." Im Gegensatz zu Nicole geht Maximilian auf die Frage der "Traumatisierungen" ganz anders ein: "Richtig vertrauen kann ich keinem mehr und bin seitdem zu 100 Prozent skeptischer, was das Kennenlernen einer neuen Person angeht. Dafür muss ich auch niemandem Vertrauen entgegenbringen, den ich nicht kenne. Bei meinen Freunden ist das natürlich etwas vollkommen anderes." Damals war Maximilian sehr traurig über die Trennung, wie er zugeben muss. "Ich habe meinen Vater zur Sau gemacht."

Heute hat sich die Situation etwas entspannt. Der 17-Jährige wohnt immer noch bei seiner Mutter und pendelt jedes zweite bis dritte Wochenende zu seinem Vater, der mittlerweile umgezogen ist und mehrere Autostunden entfernt wohnt. "Er ruft an, und wenn ich Lust habe, komme ich vorbei." Ist dies der Fall, fährt er mit der Bahn bis zu seinem Vater und lässt sich von ihm am Bahnhof abholen. "Ich würde sagen, die Beziehung zwischen mir und meinen Eltern ist mittlerweile fast besser als vor der Trennung. Ich bin ja auch älter geworden."

Nicole und Maximilian sind sich bewusst darüber, dass die Scheidung ihrer Eltern tiefe Spuren hinterlassen hat. Im Gespräch merkt man, dass es beiden schwerfällt, über dieses private Thema zu sprechen. Jedes Lachen, jedes Lächeln scheint wie ein Schutz, der Wunden verdecken muss. Beide geben nur kurze Antworten und versuchen, die Ernsthaftigkeit im Gespräch aufzulockern. Sie haben ihr Schicksal akzeptiert und werden ihr Leben gut führen, aber das heißt lange noch nicht, dass der tiefe Einschnitt bewältigt ist. 21 Uhr am Samstagabend, Bernd fährt Nicole und Maximilian zum Kino und warnt scherzhaft vor Alkoholexzessen - Nicole verdreht die Augen, alle lachen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Vertrauen kann ich keinem
Autor
Tim Pohlner
Schule
Engelsburg-Gymnasium , Kassel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2011, Nr. 190, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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