Max wegzugeben kam nie in Frage

Max wegzugeben kam nie in Frage

Als sie es mir gesagt hat, wusste ich nicht, ob jetzt Wut oder Freude angebracht war", erinnert sich Jens Schmidt (Name geändert) an den Moment, in dem seine damalige Freundin ihm eröffnete, dass sie schwanger sei. Ab da war für das junge Paar nichts mehr, wie es vorher war. Jetzt drehten sich die Gespräche um Abtreibung oder Geburt. "Für mich war immer klar, dass ich niemandem das Leben nehmen möchte", sagt der 19-Jährige, der aus einem kleinen Ort am Fuß der Schwäbischen Alb kommt. Trotzdem war es eine schwierige Entscheidung für beide. Sie hatten sich ihre Zukunft ohne ein Kind vorgestellt. Nach vielen schlaflosen Nächten entschied sich das Paar für das Kind. "Der Tag, an dem Max dann zur Welt kam, änderte mein Leben schlagartig. Ich bin jetzt Vater."

Seine Freundin war gerade einmal 16, als sie Max zur Welt brachte, Jens 18. Heute lebt der eineinhalb Jahre alte Max zu Hause bei seinem Vater. Jens und die Mutter seines Sohnes haben sich kurze Zeit nach der Geburt getrennt, sie sind auch nicht mehr befreundet. Beide haben sich während der Schwangerschaft auseinandergelebt, Streit über das erwartete Kind und viele Meinungsverschiedenheiten waren die Gründe dafür. Seine Freundin ging nach der Geburt in ein Mutter-Kind-Heim. Die 16-jährige Mutter war damals mit ihren Nerven am Ende, hatte noch keinen Schulabschluss, da blieb wenig Geld und Zeit für den Sohn übrig. Damals sah Jens seinen Sohn nur selten. Das änderte sich schlagartig, als seine Freundin keine Lust mehr hatte, sich um ihr Kind zu kümmern. Das Kind wegzugeben kam für Jens nie in Frage. "Richtig kindisch von der, dass die urplötzlich einfach keinen Bock mehr auf Max hatte." Mit der Mutter seines Sohnes hat er jetzt nur noch zwangsweise Kontakt. Sie kommt einmal im Monat zu ihm, um Max zu sehen. Jens findet dieses Verhalten "unverantwortlich". Er, der Tag und Nacht für Max sorgt, möchte seinem Sohn seine Mutter jedoch nicht vorenthalten. Die Suche nach einer neuen Freundin fällt Jens sehr schwer, da Max viel Zeit in Anspruch nimmt. Jens ist sich unsicher, was Mädchen, die ihn nicht kennen, zu Max sagen werden. "Aber irgendwann wird schon eine kommen, die sich mit meiner Situation abfindet."

Derzeit wohnt Max mit Jens, dessen Eltern und zwei Brüdern in einem großen Haus. "Das Einzige, was ich von meinen Eltern bekam, war Geld, die Windeln haben sie aber noch nie gewechselt." Seine Eltern unterstützten Jens kaum, da sie möchten, das ihr Sohn lernt, selbständig zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Deshalb musste er auch seine Ausbildung zum Zimmermann abbrechen. Für Fußball und Joggen hat er nun keine Zeit mehr. Kleidung für Max bekommt er viel von Verwandten, deren Kinder älter sind. Häufig kauft Jens' Mutter Kleidung für Max, um keine schlechte Oma zu sein. Viele seiner Freunde konnten sich nicht damit abfinden, dass Jens nie Zeit für sie hat. "Heute kann ich die Freunde, die ich habe, an einer Hand abzählen." Party machen und lange Nächte gibt es für Jens heute kaum noch. Zwar kümmert sich Jens' Mutter in letzter Zeit öfters um Max als zu Beginn, doch seinen eigenen Sohn ganz der Oma überlassen möchte Jens nicht. Vor wenigen Wochen nahm Jens einen Aushilfsjob als Kassierer in einem Supermarkt an. "Irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich nicht mehr bei meinen Eltern wohnen werde." Jens will immer mehr auf eigenen Beinen stehen und unabhängig werden. Dass ein Aushilfsjob auch nicht das Gelbe vom Ei ist, ist ihm bewusst: "Aber mit irgendwas muss ich ja mal anfangen." Er möchte seinem Sohn eine schöne Kindheit geben, so wie sie ihm von seinen Eltern gegeben wurde.

In Jens' Zimmer steht nun ein hölzernes Kinderbett, der große Schreibtisch wurde zum Wickelplatz umfunktioniert, über dem Schreibtisch hängt ein Mobile mit Tiermotiven. Es ist 16 Uhr. Jens füttert Max mit Früchtebabybrei, Max sitzt in einem Kinderstuhl, bekommt einen gelben Latz umgebunden und isst einen Löffel nach dem andern. Auf Jens' weißem Nike-Pullover sind rote und gelbe Flecken zu sehen, diese sind noch von Tagen, an denen Max weniger Lust hatte etwas zu essen. Trotz vieler schlafloser Nächte wegen des vielen Geschreis bereut Jens keine seiner Entscheidungen. Für ihn gibt es nichts Schöneres, als auf die Wünsche seines Sohnes einzugehen. "Ich glaube, ich würde alles für Max tun", sagt er mit einem leichten Lächeln. Manchmal plagen den so stolzen Vater jedoch Zukunftsängste. Dabei geht es weniger um finanzielle Sorgen, sondern vielmehr um Dinge wie Mobbing und Hänseleien. "In zwei, drei Jahren steh' ich am Kindergarten, zwischen lauter 35-Jährigen, um Max abzuholen." Dass sein Sohn Probleme damit haben werde, einen jungen Vater zu haben, glaube er nicht, eher habe Jens Angst vor der Meinung anderer. Solche Ängste begleiteten ihn manchmal nächtelang, obwohl ihm bis jetzt niemand kritisch begegnet sei. Jens ist einer der nach dem Statistischen Bundesamt 220000 in Deutschland lebenden alleinerziehenden Väter.

"Auch wenn es manchmal wirklich schwierig ist, würde ich jetzt nichts konkret ändern wollen." Jens ist schnell erwachsen geworden und weiß nun, was es heißt, selbst zurückzustecken, um seinem Kind vieles ermöglichen zu können. Vermissen tue er zwar so manches, aber für seinen Sohn sei ihm das alles wert.

Informationen zum Beitrag

Titel
Max wegzugeben kam nie in Frage
Autor
Sandra Hinderer
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2011, Nr. 190, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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