Merhaba oder doch lieber Hallo

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Guck dir den strömenden Regen an", sagt Sabri Cakmak, 60 Jahre alt und runzelt dabei die Stirn. Es ist ein Montagmorgen, und der Rentner sitzt mit seiner Frau Zehra am Küchentisch und trinkt Cay - türkischen Tee. Vor sieben Wochen sind sie aus der Türkei nach Deutschland geflogen, um in Münster ihre zwei Töchter und Enkelkinder zu besuchen. An das Wetter konnten sie sich jedoch immer noch nicht gewöhnen. Verständlich, da es um diese Jahreszeit in der Türkei meist nie unter 30 Grad wird. Was sie an Deutschland aber schätzen, sind "die vielen, wunderschönen Landschaften und die freundlichen Menschen", seien es die Nachbarn oder Passanten, die beim Vorbeigehen ein freundliches "Hallo" entgegnen. Dabei stört sie auch fast gar nicht mehr die Tatsache, dass sie kein Wort Deutsch verstehen oder sprechen können. "Die Deutschen sind sehr aufgeschlossen, höflich und ordentlich", sagt Zehra, die ab und zu beobachtet, wie die Nachbarn Stunden im Garten verbringen, um ihre Blumen zu pflegen, das Gras zu gießen, oder mit ihren Tieren Gassi gehen, ja, gewundert haben sie sich über die besonders große Liebe zu den Tieren. "Sogar mit ihren Katzen an der Leine gehen manche Menschen spazieren", sagt sie dann erstaunt, aber doch positiv überrascht. So kennen sie es in der Türkei nicht, da gehöre es zum Alltag, dass Tiere einfach ausgesetzt werden und den Rest ihres Lebens auf der Straße verkommen. Die Tierliebe gehört zu einem der Dinge, die die beiden an den Deutschen sehr achten. In der türkischen Nachbarschaft sprechen sie oft erhobenen Hauptes über ihre Kinder in Deutschland. Beide sind stolz auf das, was ihre Kinder hier alles geschafft haben. Ihre älteste Tochter, die vor 20 Jahren mit ihrem Mann nach Deutschland ausgewandert ist, hat zwei Kinder und ein eigenes Haus. Sie arbeitet im Studentenwerk Münster als Großküchen-Angestellte und spricht fließend Deutsch. Zu Beginn war es für das Rentnerpaar schwer loszulassen, denn schließlich war ihre Tochter mit 18 Jahren noch jung und unerfahren. Nachdem sie während eines Urlaubs in der Türkei ihren heutigen türkischstämmigen Mann Yusuf Ekici kennengelernt hat, ist sie aus dem kleinen Dorf in Izmir nach Münster gezogen. Er ist Schichtführer einer Steinwolle-Firma. Sabri Cakmak wusste schon beim ersten Besuch in Deutschland, dass er sich ein Leben hier nicht vorstellen kann. Sein ganzes Leben hat er in der Türkei verbracht, dort früher als Postbote gearbeitet, um seine Familie ernähren zu können. Seine Frau Zehra hat zu Hause auf die drei kleinen Kinder aufgepasst. Früher mussten sich die drei Kinder ein Zimmer teilen, und das Wohnzimmer wurde abends für das Ehepaar als Schlafzimmer umfunktioniert. Heute leben sie beide in einem großen Haus in Izmir. In Deutschland haben sie schon viel gesehen: den Allwetterzoo in Münster, den Kölner Dom und den Fernsehturm in Düsseldorf. Einmal sind sie bis Amsterdam gefahren. Erstaunt waren sie außerdem über die vielen in Duisburg lebenden Türken, berichtet Sabri. "Ich habe in Deutschland noch keine Stadt gesehen, in der es extra eine Türkenstraße gibt, wo nur türkische Geschäfte sind." Wenn die Enkel zu Hause deutsche Fernsehkanäle gucken, sitzen beide gerne daneben und gucken zu. Auch hier gibt es das Problem der Verständigung, aber wenn die Enkelkinder übersetzen, stellt dies auch kein großes Problem dar. Sie sind stolz auf ihre Enkelkinder, die hier zur Schule gehen, auf ihre Enkeltochter, die das Abitur macht und dann studieren will. Dass sie westlich erzogen werden und sich auch so verhalten, stellt für die beiden kein Problem dar. "Es ist selbstverständlich", sagt Zehra, dass die Kinder einen deutschen Freundeskreis haben, viel Deutsch sprechen und in die Disco gehen. Für sie stelle das kein Problem dar, denn "wer in Deutschland lebt, muss sich auch integrieren und anpassen können". Dafür ist die Mutter da, die zu Hause mit den Kindern Türkisch spricht und ihnen die türkische Tradition näherbringt. Die Großeltern würden gerne jedes Jahr zu Besuch kommen, wenn die Möglichkeit bestünde. Dann würden sie im Garten sitzen, Cay trinken, sich über die Nachbarn unterhalten, die Stunden mit dem Unkrautjäten verbringen, und zwischendurch würden Passanten an ihnen vorbeilaufen und ein freundliches Hallo statt Merhaba entgegnen. Sie würden dann in einem gebrochenen Deutsch antworten "guten Tag."

Informationen zum Beitrag

Titel
Merhaba oder doch lieber Hallo
Autor
Sibel Ekici, Valoriana Mucolli. Schillergymnasium, Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.04.2010, Nr. 92 / Seite N6
Projekt
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