Tee tranken sie aus Marmeladengläsern

Mehmet Kaymaksiz stammt aus der Osttürkei und kam als Gastarbeiter nach Deutschland. Anfangs verdiente er 3,90 DM in der Stunde. Heute lebt er mit seiner Familie im Eigenheim.

Wenn der bald 80 Jahre alte Mehmet Kaymaksiz von seinem Leben erzählt, scheint er zugleich glücklich und traurig zu sein. "Am 12. September 2005 habe ich das letzte Mal meine Heimat, mein Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, besucht." Mehmet Kaymaksiz stammt aus der Osttürkei und ist als Gastarbeiter in den sechziger Jahren nach Deutschland gekommen. "Alle meine Freunde haben damals nicht daran geglaubt, ha, unser Mehmet in Deutschland, das kann nicht sein." Heute hat er ein Haus und lebt mit seiner Familie in Tübingen, seine beiden Töchter stehen im Berufsleben, und ein Sohn, der schwerbehindert ist, besucht die Körperbehindertenförderung Neckar-Alb. Zwei Enkelkinder, die in Deutschland auf die Welt gekommen sind, besuchen das Gymnasium und die Realschule in Tübingen. "Meine zwei Enkel sprechen fließend Deutsch." Nur noch ein Sohn lebt mit seiner Familie in Istanbul. "Es war ein harter Kampf, bis heute." Kaymaksiz' Weg begann mit der Reise nach Istanbul, dort lebt er zwei Monate lang bei seinem Bruder Ahmed, sie besuchen Verwandte und suchen nach Arbeit. "Ich habe mich bei der deutschen Arbeitsagentur in Istanbul als Maurer beworben."

Für Mehmet war es die Chance, nach Deutschland zu kommen. Was er damals nicht wusste: Während er nach Arbeit sucht, liegt seine Mutter im Sterben. "Ich konnte bei der Beerdigung nicht dabei sein, drei Tage hätte die Reise zurück gedauert, ich war unentschlossen und in tiefer Trauer. Aber ich entschied mich schweren Herzens, die Reise nach Deutschland anzutreten." Mit fünf weiteren Kollegen reiste er mit dem Zug nach Frankfurt, von dort wurde er auf seine Bitte hin nach Heilbronn versetzt.

Währenddessen kam im April 1964 seine jüngste Tochter in der Türkei auf die Welt. "Kontakt halten konnte ich nur durch Briefe. Bis die jedoch angekommen sind, waren ein bis zwei Monate vergangen." In Heilbronn arbeitet er auf einer Baustelle, das Heimweh plagt ihn, alles ist fremd. "Wir lebten in Baracken in der Nähe von der Baustelle, teilten uns zu viert ein Zimmer, in dem grad mal so Platz für zwei Hochbetten war, ein Bad oder eine Dusche hatten wir darin nicht." Bei Kälte und Nässe müssen die Männer arbeiten, ihr Lohn beträgt dabei 3,90 DM. Verständigungsprobleme gibt es natürlich auch, Mehmet kann kein Deutsch und seine Freunde auch nicht. "Es gab nicht so wie heute in jeder Stadt Dönerläden oder türkische Einkaufmärkte, die ersten Monate haben wir unseren Tee aus Marmeladengläsern getrunken. Wenn meine Freunde einkaufen gegangen sind und Eier wollten, haben sie die Bewegungen eines Huhns gemacht und Tiergeräusche nachgeahmt. Wollte man Rindfleisch, hat man gemuht. Die Deutschen waren sehr hilfsbereit und haben einen einigermaßen verstanden." Mehmet und auch die Männer denken, sie kehren zurück in die Heimat und werden die deutsche Sprache nicht mehr brauchen. "Tag für Tag haben wir neue Wörter gelernt, beim Einkaufen und auf der Baustelle von unseren deutschen Kollegen. Wir haben es aber leider nicht sehr ernst genommen."

Fremde Sprache, fremde Straßennamen. Um sich nicht zu verlaufen, malen sie mit Kreide Zeichen auf die Straßen, damit sie wieder nach Hause finden. "Bis Dezember hatten wir uns eingelebt, im Winter machte ich Urlaub, die Baustellen gingen für einige Monate in Pause. Ich kaufte Geschenke für meine Familie in der Türkei, Polyester-Hemden kamen damals neu heraus." Mehmet kommt nach seinem Urlaub wieder nach Heilbronn, das Heimweh und die Sehnsucht nach seiner Familie plagen ihn sehr. "Am 22. April 1967 entschloss ich mich, für immer in meine Heimat Yayladere zurückzukehren." Es passiert so viel, das er nicht miterleben kann. "Ich wusste nicht, ob meine Entscheidung richtig war. Das Geld, das ich über das ganze Jahr in Deutschland verdient hatte, wollte ich für den Kauf einer Wohnung nutzen." Von da an arbeitet er zwei Jahre in der Türkei. Eines Tages geht er zur Bank und lernt dort zwei deutsche Touristen kennen, mit denen er ins Gespräch kommt. Mehmet hat Deutschland an sich schon aufgegeben, doch die Urlauber bringen ihn auf die Idee, es noch einmal zu versuchen. "Ich habe ihnen erzählt, dass ich in Deutschland gearbeitet habe, ich war auf der Suche nach Arbeit und habe die zwei gebeten, für mich einen Brief nach Deutschland zu schreiben, um zu schauen, ob dort Arbeiter benötigt werden. Und es wurden welche benötigt." Er erledigt den ganzen Papierkram noch einmal, holt sein Gesundheitszeugnis und seinen Pass. Doch da gibt es ein Problem. "Einige Tage vor der Abreise wollte ich meinen Reisepass abholen gehen, doch der Polizeibeamte wollte ihn mir nur geben, wenn ich ihn bezahle. Er hat mich auf das Klo gezwängt, entweder ich gebe ihm die Hälfte meines Geldes, oder er gibt mir meinen Pass nicht. 1000 türkische Lira sollte ich ihm geben." 1000 türkische Lira sind viel Geld. Mehmet muss seine Reise nach Konstanz bezahlen, das Studium seiner jüngeren Geschwister finanzieren und für seine Familie sorgen. "Ich wollte den Mann später anzeigen, aber mein Bruder Ahmed, bei dem ich wieder vor der Abreise war, meinte, es würde nur Probleme mit sich bringen, und am Ende lassen sie dich vielleicht gar nicht mehr nach Deutschland reisen."

Mehmet Kaymaksiz arbeitete im Tiefbauamt in Tübingen und lebt mit drei Kollegen in einem Zimmer der Stadt in der Seelhausgasse. "Wir hatten das Nötigste, und zwar wirklich nur das Nötigste." Nach der Arbeit geht er nochmals einige Stunden in einem Teppichgeschäft arbeiten, er fegt, mäht den Rasen und hilft beim Verkauf. Während dieser Arbeit verbessert sich durch die vielen Gespräche mit den Kunden und Kollegen sein Deutsch. Seine Bekannten sind der Meinung, dass das Geld in Deutschland nur auf der Straße herumliegt und man es einfach aufsammeln muss. Sie sehen nicht, wie hart Mehmet für sein Geld arbeitet.

Im September 1971 hat er wieder eine schlechte Nachricht zu verkraften. Sein Sohn Ismail ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. "Ich habe meinen Sohn verloren und konnte wieder nicht bei meiner Familie sein, nur noch sein Grab bekam ich zu Gesicht." Zum ersten Mal reist er mit dem Flugzeug von München nach Istanbul, um in sein Dorf zu kommen. "Drei Monate später war ich wieder in Deutschland, ich habe gearbeitet und geweint, tiefe Trauer erfüllte mich. Einige Jahre später starb mein Bruder Ahmed bei einem Verkehrsunfall, ich war an meine Grenzen gekommen."

1981 bringt er seine Frau Serife nach Deutschland, mit ihr seinen Sohn Ibrahim und seine Tochter Emine. Sie geht einige Jahre in Deutschland zur Schule und arbeitet heute in der Frauenklinik. "Emine hat einen Türken aus der Heimat geheiratet, die Ehe verlief nicht gut und endete in einem Rosenkrieg, meine beiden Enkelkinder haben in dieser Zeit stark unter den Streitereien gelitten." Nach Jahren kommt seine erste Tochter Hanife nach Deutschland, seine Familie ist bis auf seinen Sohn Süleyman, der in Istanbul mit seiner Frau und seinen drei erwachsenen Kindern lebt, komplett. Anfangs lebt Mehmet mit seiner Familie in einer kleinen Wohnung ohne Bad. "Wir haben Wasser gekocht, in eine Plastikwanne gefüllt und uns darin gewaschen." Jahre später ziehen sie in ihr heutiges Haus.

Seine Tochter Emine lebt mit ihrem Mann einige Kilometer weiter weg. "Wir waren jahrelang Mieter, bis das Haus zum Verkauf stand, wir wussten, die Mieten werden immer teurer, das Haus war nah an den Schulen der Enkelkinder und den Arbeitsstellen. Was auch klar war, dass wir nicht mehr in die Türkei zurückkehren werden." Mehmet und seine Töchter nehmen einen Kredit auf und kaufen im Frühjahr 2001 ihr Haus und ziehen zusammen. "Es gibt immer schwere Zeiten, man muss nur immer wieder aufstehen, kämpfen und nach vorn schauen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Tee tranken sie aus Marmeladengläsern
Autor
Merve Ergin
Schule
Kepler-Gymnasium , Tübingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2011, Nr. 196, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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