Spaß am Strafrecht

Du musst auf eine hohe Schule, eine noch höhere Schule, am besten auf die Universität." Dieser Satz ihres Vater hat die mittlerweile 54-jährige Tülin Kraemer, geborene Ünal, geprägt. "Ich war immer bedacht darauf, gut zu sein", sagt die dunkelhaarige, 1,62 Meter große Frau mit den halbmondförmigen, ausdrucksstarken Augen. Ihr Weg von der kleinen türkischen Immigrantin bis zur Kriminalhauptkommissarin verlief steinig.

Mit sechs Jahren kam sie nach Deutschland zu ihrem Vater, der hier seit einem Jahr als Gastarbeiter beschäftigt war. Zunächst wurde sie in einer deutschen Pflegefamilie bei Stuttgart untergebracht und hatte große Probleme mit der Sprache. Schließlich hatte sie zuvor in ihrer Geburtsstadt Istanbul noch nie ein deutsches Wort gehört oder gar gesprochen. Auch ihr Vater hatte nur geringe Deutschkenntnisse und konnte sie aufgrund seiner Tätigkeit in der Automobilproduktion nur am Wochenende besuchen. Mitten im Schuljahr wurde sie eingeschult und konnte dem Unterricht nur mit Schwierigkeiten folgen. "Auf meinem ersten Zeugnis stand, dass ich gut integriert bin", berichtet sie allerdings stolz. Die Pflegefamilie war immer bedacht darauf, Tülin Deutsch beizubringen. Jeden Abend wurde geübt: "Ich möchte bitte ein Stück Brot. Ich möchte bitte eine Gabel." Schließlich zog Tülin mit ihrem Vater nach Berlin, wohin auch der Rest der Familie kam. Neun Monate waren vergangen, bis sie ihre Mutter und ihre beiden älteren Brüder wieder in die Arme schließen konnte. Doch Tülin konnte sich nicht mehr mit ihnen verständigen. Türkisch hatte sie komplett verlernt. Deutsch war bereits nach dieser kurzen Zeit wie eine Muttersprache für sie. Um sich dennoch verständigen zu können, wurde ein deutsch-türkisches Wörterbuch benutzt. Erst zehn Jahre später, als ihre ältere Schwester nach Berlin kam, begann sie wieder Türkisch zu lernen. "Sie sprach Türkisch mit mir, und ich antwortete ihr auf Deutsch. So lernte sie Deutsch und ich Türkisch", erinnert sie und fängt dabei an zu lächeln, da ihre Sprachversuche, aufgrund eines starken Akzents oft zur Belustigung ihrer Brüder führten. Mit zwölf Jahren wechselte sie auf eine Gesamtschule und war dort bis zum Abitur die einzige türkische Schülerin. Erstmals hatte sie nun den Wunsch, Polizistin zu werden. Prompt rief sie bei der Polizei an und erfuhr, dass sie alle Voraussetzungen erfüllt und es nur ein Problem gibt: Sie muss deutsche Staatsbürgerin werden. Dieses Problem schien lösbar, die deutsche Staatsbürgerschaft war schnell beantragt. Jedoch setzte Tülin ihre Eltern davon nicht in Kenntnis, da sie wusste, dass sie diese Entscheidung niemals unterstützen würden. Als ihre Mutter trotzdem zufällig davon erfuhr, war sie so enttäuscht, dass sie sehr krank wurde. Tülin zog den Antrag zurück und begann ein Jurastudium an der Freien Universität in Berlin. "Ich hatte beim Jurastudium nur Spaß am Strafrecht." Sehr zur Freude ihrer Mutter unterbrach sie das Studium und ging der Liebe wegen zurück nach Istanbul. Drei Jahre verbrachte sie dort, bis ihr klar wurde, dass die Familie ihres Freundes sie nicht akzeptierte, da sie zu selbstbewusst war und nicht dem Typ Frau entsprach, der dem Sohn zugedacht war. Als sie nach Deutschland zurückkehrte, sprach sie fließend Türkisch. In Berlin angekommen, begann sie als Sprachmittlerin bei der Kriminalpolizei zu arbeiten. Glücklicherweise war dafür keine deutsche Staatsbürgerschaft nötig. Mit Erlaubnis ihres Chefs durfte sie Vernehmungen von Zeugen, die nur die türkische Sprache beherrschten, nach kurzer Zeit eigenständig durchführen. Das sprach sich bald bis zum Personalrat herum, der sie zu einem Gespräch einlud: Sie sei an der Stelle einer Sprachmittlerin nicht richtig und solle schnellstmöglich auf die Fachhochschule gehen, um Polizistin zu werden, forderte er und ermutigte sie somit erneut, ihrem eigentlichen Berufswunsch nachzugehen. Dieses Mal überzeugte sie auch ihre Eltern, die sich endlich einsichtig zeigten, dass ihre Tochter Deutsche werden musste. "Ich habe mich durchgesetzt", sagt sie ernst und voller Stolz. Während der Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft noch lief, besuchte sie schon die Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege. Das grenzt jedoch an ein kleines Wunder. Erst eine Sondervorlage, die durch den Bundestag ging, machte ihr das möglich. Dieses Thema fand Gefallen in den Medien, und sie sei zum Politikum geworden, ohne es zu wissen, erinnert sich Tülin. Doch der Medienrummel gefiel ihr nicht. "Sogar ,Wetten, dass..?' wollte mich, aber ich habe alles abgeblockt." 1983 erhielt sie die deutsche Staatsangehörigkeit und wurde mit Beendigung ihres Studiums zur ersten türkischstämmigen Kriminalbeamtin Berlins.

In der ersten Zeit hatte sie einen schweren Stand im Kollegium. Viele zeigten der Polizistin ihren Neid und kränkten sie mit beleidigenden Worten. Tülin Kraemer selbst ist noch heute fassungslos über diese Reaktionen. "Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt. Ich wollte nur meinen Beruf ausüben." Nach mittlerweile 30 Dienstjahren und inzwischen zwei Beförderungen, blickt die Kriminalhauptkommissarin des Landeskriminalamtes Berlin, die im Bereich der Bekämpfung von Schleusungs- und Dokumentenkriminalität tätig ist, stolz auf ihren Werdegang zurück.

Informationen zum Beitrag

Titel
Spaß am Strafrecht
Autor
Beatrice Bielert
Schule
Leonardo-da-Vinci-Oberschule , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2011, Nr. 196, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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