Trommelnd in die Kindheit

Orientalische Trommelklänge erfüllen die Einkaufsstraße in Frankfurt, kämpfen gegen die Geräusche der Straße, gelegentlich setzen sie sich durch, häufiger aber gehen sie unter. Einige Fußgänger bleiben stehen, hören zu, einige eilen schnell vorbei. Der 37-jährige Ender Gürsoy kennt die Zeil. Der Mann in einer bunten Jacke spielt in der lebhaften Frankfurter Einkaufsstraße, die um diese Zeit voller Menschen ist. Er spielt auf einer türkischen Trommel, der Darbuka.

1989, er war gerade 22 Jahre alt, kam er nach Deutschland. "Ich machte mich aus einem kleinen anatolischen Dorf auf den Weg nach Deutschland", erinnert sich der schlanke Mann mit einem Dreitagebart. "Ich wollte es besser haben." In der ersten Zeit in Deutschland macht er mit Freunden Straßenmusik. "Wenn ich spielte, war ich wieder an dem Ort meiner Kindheit, als mir mein Vater das Trommelspiel beigebracht hat."

Sein Leben in Deutschland ändert sich plötzlich, als seine Freundin schwanger wird. "Mit 24 Jahren hatte ich immer noch keine feste Arbeit", sagt er bedauernd. Er fühlt sich für die Freundin verantwortlich. "Ich musste mein Leben komplett umstellen. Mit Straßenmusik konnte ich keine Familie versorgen. Ich half zunächst in einer Dachdeckerei aus, bekam bald einen Ausbildungsplatz." Ein großer Wendepunkt in Ender Gürsoys Leben.

Mittlerweile hat das Paar vier Kinder, seine Frau Nuriye versorgt die Kinder und den Haushalt. Er ist bis zum späten Nachmittag Dachdecker, danach Straßenmusiker. "Um 18 Uhr fängt mein wirkliches Leben an", betont er in fließenden Deutsch. "Dann kann ich meinen Traum ausleben. Die Musik bestärkt mich." Der 1,90 Meter große Mann mit den großen braunen Augen schaut auf seine Darbuka. Mit der Musik verdient er sich ein kleines Zubrot. "Ich liebe die Straßenmusik. Musik lähmt mein Heimweh und entspannt mich", beteuert er.

Er bedauert, zu wenig Zeit für die Familie zu haben. Er wolle gleichzeitig ein guter Vater, Musiker und Arbeitnehmer sein. Verwirklichen lässt sich dieses Ideal aber kaum. "Nur einmal im Monat nehme ich mir Zeit für Ausflüge mit der Familie, auf dem Programm stehen dann Schwimmen, ein Zoobesuch oder eine besondere Veranstaltung." Die Reaktionen auf der Straße sind nicht immer positiv. "Viele Menschen fühlen sich von der Straßenmusik belästigt", beklagt er. "Einige sind sogar feindselig, auch Beleidigungen höre ich oft." Aber es gibt auch genug Glücksmomente. "Ich bekomme häufig Komplimente von Passanten. Dies macht mir Mut und stärkt meine Hoffnung, dass mich mehr Menschen hören wollen", sagt er freudig. Wie es mit der Straßenmusik weitergeht, weiß er nicht. "Natürlich träume ich von einem Plattenvertrag", fügt er optimistisch hinzu und "von mehr Respekt gegenüber Straßenmusikern."

Informationen zum Beitrag

Titel
Trommelnd in die Kindheit
Autor
Sarah Khazali
Schule
Rudolf-Koch-Schule , Offenbach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2011, Nr. 196, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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