Verwandte stellen ihn auf eine harte Probe

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Sieben Jahre war Tansel Gültekin alt, als er mit seiner Familie nach Deutschland kam. Er hat hier geheiratet und fühlt sich gut integriert. Dafür musste er Kompromisse machen. Ich würde die gleiche Frau heiraten und die gleichen Kinder wollen, aber meine Schullaufbahn würde ich definitiv anders gestalten", sagt Tansel Gültekin. Der 1,75 Meter große, schwarzhaarige Deutsch-Türke, der 1972 mit sieben Jahren als Gastarbeiterkind nach Deutschland kam, erzählt seine Geschichte mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Anfänge in Deutschland waren für seine Eltern und seine beiden Geschwister nicht einfach. "Zuerst lebten wir bei Bekannten in Nürnberg-Altenfurt, bis wir letztendlich nach Ludwigsburg umzogen." Tansel musste die erste Klasse in Deutschland wiederholen, da er keinerlei Deutschkenntnisse besaß. "Brot war das erste Wort, das ich lernte." Doch das Erlernen der Sprache fiel ihm leicht. "Meine Freizeit verbrachte ich fast nur mit deutschen Altersgenossen. Das half, mein Deutsch voranzubringen." Heute spricht er nicht akzentfrei, das Schwäbische hat ihn sichtlich beeinflusst. Probleme, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden, gab es keine. "Meine Mitmenschen haben mich gut aufgenommen, und meinerseits bestand ein großes Interesse, das Land und die Kultur kennenzulernen." Es liegt wahrscheinlich an der Offenheit und Kontaktfreudigkeit des sympathischen Deutsch-Türken, der von Freunden nach der VfB-Stuttgart-Legende Hansi Müller benannt wurde und nun den liebevollen Spitznamen Hansi trägt. Als Klassenclown war er bei den Mitschülern beliebt. Doch in der siebten Klasse wurde ihm dieser Ruf zum Verhängnis, und er flog aufgrund von Fehlverhalten von der Hauptschule. "Ich jobbte bei diversen Betrieben, um nicht auf der faulen Haut herumzuliegen." Durch seinen Vater, der als Gastarbeiter bei Porsche in Zuffenhausen arbeitete, kam er zu seinem heutigen Arbeitgeber. Sein Traumberuf als Fernfahrer erfüllte sich fast. Anstatt eines 40-Tonners fährt er einen silbernen Mercedes Sprinter und ist Kurierfahrer für Porsche seit nunmehr 24 Jahren. "Dieser Beruf hat mir immer ein Stück von Freiheit vermittelt, außerdem gefiel mir immer der Spruch ,King of the Road'." Die Integrationswilligkeit seiner Landsleute sieht er kritisch. "Vor allem die Entwicklung der dritten Generation halte ich für bedenklich. Sie schotten sich immer mehr von der Gesellschaft ab, außerdem gibt es für sie in ihren Augen keinen Grund, sich zu integrieren." Seine deutsche Frau lernte er in einer Disco kennen. "Nach dem ersten Kuss habe ich gewusst, das ist die Frau fürs Leben." "Drei Wochen später erfuhr ich per Zufall von seiner Nationalität", erzählt die vierzigjährige Heike Gültekin lachend. Die 1,65 Meter große blonde, zweifache Mutter meint, dass in ihrer 23-jährigen Beziehung nicht immer alles zum Lachen war. Die Eltern beiderseits hofften auf eine kurz andauernde Beziehung, da sie andere Partner für ihre Kinder vorsahen. "Ich sollte eine jungfräuliche Türkin heiraten und meine Frau alles außer einen Türken oder Moslem." Um die Beziehung langfristig aufrechtzuerhalten, mussten beide Partner Kompromisse eingehen. "Es gab gewisse Dinge, die wir vor der Hochzeit vereinbarten, sonst würde unsere Ehe heute nicht so gut funktionieren. Beschneidung, türkische Vornamen für die Kinder oder das gemeinsame Feiern von christlichen sowie islamischen Feiertagen waren Vereinbarungen, die wir trafen." Doch die Ehe stellte das junge Paar vor eine schwere Probe. Verwandte und Freunde wandten sich von ihnen ab. "Uns hat das Gerede der anderen nie interessiert." Tansel Gültekin überraschte die Schwiegereltern mit ständiger Hilfsbereitschaft und behandelte diese wie seine eigenen Eltern. "Wenn irgendetwas anstand, war ich der Erste, der zur Stelle war. Nicht um jemandem etwas zu beweisen, sondern da es sich für mich um Familie handelte." Jahr um Jahr wurde dafür das Verhältnis zu seiner Familie schlechter. "Viele verstanden einfach nicht, wie ich eine deutsche Frau heiraten konnte. Ich wurde zu Feiertagen nicht mehr angerufen, und auch sonst wurde der Kontakt immer weniger, was sich auch bis heute nicht geändert hat." Im Jahre 1994 gab es einen schweren Schicksalsschlag für die junge Familie. Ein schwerer Unfall beförderte Tansel, der kurz zuvor zum zweiten Mal Vater geworden war, ins Koma. "Zwölf Tage lang war ich nicht ansprechbar und stand kurz vor dem Tode. Meine Frau hat mir in dieser schwierigen Zeit viel Kraft gegeben." Seiner Ehefrau fällt es heute immer noch nicht leicht, über diese Zeit zu reden. "Niemals hätte ich mir so ein Horrorszenario vorstellen können. Ich wollte meine Kinder nicht ohne Vater aufwachsen lassen und versuchte deswegen alles, meinen Mann aus dem Koma zurückzuholen." Zum Glück aller wachte Tansel wieder auf und fand stärker denn je ins Leben zurück. "Dieser Unfall hat mich in meinem weiteren Leben beeinflusst. Heutzutage achte ich mehr auf mich und meine Umgebung." 16 Jahre nach diesem Unfall blickt Tansel Gültekin auf eine erfolgreiche Zukunft. "Ich habe einen gesicherten Arbeitsplatz, meine Söhne machen bald Abitur, und meine Frau und ich lieben uns noch wie am ersten Tag."

Informationen zum Beitrag

Titel
Verwandte stellen ihn auf eine harte Probe
Autor
Deniz Gültekin, Goethe-Gymnasium, Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.04.2010, Nr. 92 / Seite N6
Projekt
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