Niedergestochen für ein paar Rubel

Niedergestochen für ein paar Rubel

Der Mann aus Kasachstan steuert ein Taxi durch Kiel. Das ist ungefährlicher als seine Arbeit in Almaty.

Und da habe ich mir vorgenommen: nie wieder werde ich Taxi fahren!", sagt der aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Alexander Anklam in perfekten, aber unzeitgemäß klingenden Deutsch und blickt traurig durch seine Brille. Bis jetzt hat er den Tod eines langjährigen Freundes nicht verarbeiten können. Die beiden Freunde haben in Almaty, der ehemaligen Hauptstadt von Kasachstan, als Taxifahrer gearbeitet. Doch dann ist der Freund wegen des Geldes und belangloser Sachen, die er bei sich trug, außerhalb der Stadt in seinem Taxi von zwei Männern überwältigt und mit mehreren Messerstichen grausam ermordet worden.

"Zur damaligen Zeit gab es so etwas oft, sehr viele konnten für ein paar Rubel mehr in der Tasche solch eine niederträchtige Schandtat begehen. Laut der Polizei seien es vermutlich Drogenabhängige gewesen. Doch der Fall wurde nie gelöst. Es scheint niemanden interessiert zu haben." Für den mittlerweile ergrauten Mann war es damals mehr als nur ein Schock. Er konnte einfach nicht mehr als Taxifahrer arbeiten. "Damals war es nicht schwer, Taxifahrer zu werden. Hattest du ein Auto, konntest du nach einem kurzen Behördengang schon deinen neuen Beruf ausüben. Man fuhr einfach los, und nahm dann Menschen mit, die einen auf der Hauptstraße heran winkten." Dass man ein Auto telefonisch oder über Funk bestellt, war in den frühen neunziger Jahren nicht üblich. Vor allem nicht bei den selbstständigen Fahrern. "Damals bist du losgefahren und hast schnell Kunden gefunden. Denn da gab es verhältnismäßig wenig Taxis für die damals über eine Millionen Menschen umfassende Stadt. Besonderes Glück hatte man, wenn vor allem kleine Unternehmer an mehreren Tagen den Taxidienst in Anspruch nehmen wollten. Das war ein gutes Geschäft für beide Seiten. Der Fahrer verdiente schneller Geld und beide konnten sich sicherer fühlen, wenn nach einigen Fahrten das gegenseitige Misstrauen geringer war. Denn eine gesunde Portion Misstrauen ist in diesem Beruf niemals verkehrt."

Nachdem der in einem deutschen Dorf in Kirgistan geborene und aufgewachsene Mann 1995 als Spätaussiedler nach Deutschland gekommen ist, hatte er verschiedene Arbeiten, zum Beispiel bei der Deutschen Post oder als Lkw-Fahrer. Doch schließlich kam er wieder zum Taxifahren und arbeitet jetzt bei einem Kieler Taxiunternehmen. Warum fährt er jetzt wieder? "Mit der Gesundheit steht es nicht mehr so gut. Taxifahren ist da eine der wenigen Berufe, die ich noch ausüben kann, und schließlich ist es hier auch um einiges sicherer. Die Zentralen können jederzeit bestimmen, wo sich ein Taxi befindet und ob Fahrgäste im Auto sind. Dadurch mache ich mir weniger Sorgen um meine Sicherheit als in Almaty."

Doch es gebe hier ein anderes Problem: Da es sehr viele Taxifahrer gebe, stehe man oft stundenlang an derselben Stelle und wartet auf einen Auftrag. "Die Fahrer, die weiter oben in der Rangordnung stehen, bekommen einfach die besseren Aufträge. Ich muss dann länger auf meine Kunden warten. Das frustriert natürlich sehr." Ob es dann, wenn man endlich einen Fahrgast hat, oft vorkommt, dass Fahrgäste nur wenige hundert Meter gefahren werden wollen? "Oh ja", sagt der 58-Jährige, "vor allem alte Menschen, denen das Laufen schwerfällt, wollen oft nur bis zur nächsten Hausecke gebracht werden. Doch ich versuche es gelassen zu nehmen, schließlich habe ich ihnen helfen können. Außerdem ist es unsere Pflicht, jeden dorthin zu befördern, wo er hin will. Auch wenn es nur einen Katzensprung entfernt ist." Zum Glück bekommt er ein Festgehalt. "Und ich erhalte 40 Prozent von der Summe, die ich pro Tag durch die Fahrten einnehme." Für Fahrten außerhalb der Landeshauptstadt sei dieser Teilbetrag geringer. Aber Auswärtsfahrten seien selten.

Am meisten Freude bereitet ihm der Kundenkontakt. "Als Taxifahrer muss man immer auf den aktuellen Kunden eingehen. Will er reden oder nicht?" Besonders schlimm ist es für ihn, wenn Kunden schlecht gelaunt in den Wagen steigen. "Ich bin ja kein Schuhabtreter. Wenn die Kunden ihre Laune an mir auslassen, vergeht mir der Spaß an meiner Tätigkeit", sagt der mittlerweile seit drei Jahren als Taxifahrer in Kiel arbeitende Mann empört. Dass es aber auch anders gehen kann, zeigen die komischen Situationen seines Berufes: "Ein Fahrgast hat mich einmal nach dem Grundpreis gefragt. Als ich ihm sagte, der Grundpreis betrage 2,50 Euro, erwiderte der Mann scherzhaft, er werde einfach in das fahrende Auto springen, um diesem Grundpreis zu entgehen. Die Kunden sind oft sehr erfinderisch, wenn es darum geht, den Taxipreis zu senken."

Darf ein Fahrer Fahrgäste ablehnen? Ja, er darf. Wenn sich ein Fahrgast schon vorher gewalttätig verhält oder betrunken ist. "Das Risiko trage ich. Ich muss in jeder Situation selbst entscheiden, ob ich einen solchen Fahrgast befördere. Es ist schließlich mein Geld, was ich verdiene oder halt nicht. Und auch meine Sicherheit, um die es letztlich geht." Aus diesem Grund macht er keine Nachtfahrten mehr, auch wenn sie ihm mehr einbringen. Es sei einfach zu gefährlich, auch wenn Kiel im Vergleich zu Großstädten relativ ruhig und sicher ist. Trotzdem kam es schon einige wenige Male zu eskalierenden Situationen. "Das Wichtigste ist, sich ruhig zu verhalten, schnell anzuhalten und auszusteigen, um einen Konflikt auf dem engen Raum des Autos zu vermeiden. Außerdem ist die Anwesenheit von Zeugen nützlich. Nicht zuletzt, um gewaltbereite Fahrgäste zu beruhigen." Was das Schlimmste ist an seinem Beruf? "Die Verantwortung. Trotz bestens ausgestatteter Autos und moderner Sicherheitsvorkehrungen kann es im Straßenverkehr zu schweren Unfällen kommen. Zum Glück habe ich noch keine gefährliche Situation verursacht, aber es ist schon mal passiert, dass in einem Auto vor meinem Taxi eine junge Fahranfängerin an der Ampel den Rückwärtsgang eingelegt hat. Mein Kunde und ich sind mit dem Schreck davongekommen und auch an beiden Autos kam es nur zu kleinen Blechschäden."

Informationen zum Beitrag

Titel
Niedergestochen für ein paar Rubel
Autor
Evelina Anklam
Schule
Kieler Gelehrtenschule , Kiel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2011, Nr. 202, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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