Gardinen zu, die Polizei naht

Gardinen zu, die Polizei naht

Marschrutka - jedem, der schon einmal in Russland war, wird dieses Wort in Erinnerung geblieben sein. Denn wer durch die Straßen dieses Landes kommen will, wählt oft diese Fahrzeuge. Es ist eine Mischung aus Taxi und Bus und für viele Menschen nicht mehr aus dem Alltag der Großstadt Omsk wegzudenken. Oft beginnt die Fahrt vor der Haustür. Denn man kann diese Kleinbusse überall anhalten. Wenn man die Hand ausstreckt, kommt der Fahrer in dem gelben Auto der russischen Marke Gazelle neben einem zu stehen. Dass das Auto eigentlich gelb ist, lässt sich in den meisten Fällen nur schwer erkennen, denn die Staub- und Schmutzschicht, die anscheinend nach dem Winter noch nicht entfernt worden ist, lässt die Marschrutka eher grau erscheinen. In dem Fahrzeug ändert sich dieses Bild nicht. Vor allem durch das hintere Fenster kann man kaum blicken. Dafür sieht man die zerschlissenen Sitze auf der Ladefläche und Werbungen für Anwälte und Drogenberatungsstellen an den Wänden.

Der Fahrer fährt wieder los, und eine Frau mit Einkaufstasche hat Mühe, nicht hinzufallen. Mühselig muss sie sich durch das enge und niedrige Auto zum letzten freien Platz begeben. Kaum sitzt sie, kramt sie auch schon nach dem Geld, holt einen 100-Rubel-Schein heraus und gibt ihn wortlos einem Mann, der das Geld weitergibt, bis es schließlich beim Fahrer landet. Der Fahrer ist ein 43 Jahre alter Mann namens Alexander. Während er fährt, nach Fahrgästen Ausschau hält und telefoniert, muss er das Geld wechseln. Mühselig zählt er die 88 Rubel aus, denn eine Fahrt kostet 12 Rubel, was ungefähr 30 Cent entspricht. "Nehmen Sie mal", gibt er das Geld dem am nächsten sitzenden Kunden auf der umgebauten Ladefläche. Dabei erzählt er: "Oft geben die Fahrgäste einen viel zu großen Betrag. Ich muss ja auch noch fahren. So gefährden sich die Menschen praktisch selbst." Aber das Rauchen scheint für den braungebrannten, glatzköpfigen Mann keine Schwierigkeit darzustellen. Auch durch einen anderen Regelverstoß gefährdet er seine Fahrgäste: "Eigentlich dürfen keine Fahrgäste im Stehen mitgenommen werden. Doch wenn wir nur die erlaubten 13 mitnehmen, verdienen wir kaum was. Deswegen haben wir auch fast immer Gardinen an den Fenstern. So kann die Polizei die stehenden Menschen von außen nicht sehen. Und sollte ein Polizist so stehen, dass er von vorne in das Auto gucken kann, bitten wir die Fahrgäste einfach, sich hinzuknien. Das klappt fast immer."

Auch ökologisch betrachtet ist diese Fahrt ein Problem. Auf den täglich 300 Kilometer langen Tagesstrecken eines dieser Autos werden ungefähr 60 Liter Benzin verbraucht, was einem Verbrauch von 20 Litern auf 100 Kilometern entspricht. Doch trotz dieser Negativaspekte ist sich Alexander sicher, dass die Marschrutki nicht verboten werden: "Viele Menschen nutzen sie. Es ist immer noch besser, als wenn jeder Auto fahren würde. Außerdem kommen sie viel öfter als die Busse der gleichen Linie und fahren auch schneller. Menschen kommen so in kürzerer Zeit von A nach B."

Die Frau mit der Tasche scheint ihr Ziel erreicht zu haben. Von der hinteren Ladefläche hört man sie rufen: "Leninplatz." Das ist eine Aufforderung für den Fahrer, dort stehen zu bleiben. Doch er reagiert nicht. "Ich habe gesagt, dass sie am Leninplatz stehen bleiben sollen!" Alexander legt eine Vollbremsung hin, und die Frau verlässt wütend die Marschrutka. Neue Fahrgäste steigen ein und geben ihr Geld durch. Diesmal passend abgezählt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gardinen zu, die Polizei naht
Autor
Evelina Anklam
Schule
Kieler Gelehrtenschule , Kiel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2011, Nr. 202, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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