Rotz und Wasser heulen

Rotz und Wasser heulen

Manche Paare leben aus beruflichen Gründen nicht zusammen oder sie haben sich trotz der Distanz kennen- und lieben gelernt. So ist es zum Beispiel bei Johanna Walther, einer 18-jährigen Abiturientin aus Londorf in der Nähe von Gießen. Sie lernte ihren Freund Michael Reck im Urlaub in Kroatien kennen. Seitdem sind die Hessin und ihr Freund aus Gemünd in der Eifel zusammen. Die beiden trennt eine Strecke von rund 250 Kilometern. "Während der Schulzeit sehen wir uns alle zwei bis drei Wochen und in den Ferien meistens komplett, eine Hälfte bei ihm, die andere bei mir", sagt Johanna, die einen braunen Lockenkopf hat, "oder wir fahren zusammen mit unseren Eltern oder auch alleine in den Urlaub."

Größer ist die Distanz bei Julia Schwarz und ihrem Freund Shawn-White. Er lebt in New Jersey in den Vereinigten Staaten, sie lebt in Alten-Buseck in der Nähe von Gießen. "Meistens können wir uns alle zwei bis vier Monate für drei Wochen sehen. Entweder er fliegt in seinen Ferien zu mir oder ich in meinen zu ihm", sagt die brünette Julia. Kennengelernt haben sie sich durch einen gemeinsamen Freund vor viereinhalb Jahren. "Ich finanziere mir die Flugtickets durch einen 400-Euro-Job, und meine Eltern steuern auch noch etwas dazu", sagt die 19-jährige Fachabiturientin, die eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin macht.

Während der Tage, in denen sich Johanna Walther und Michael Reck nicht sehen, kommunizieren sie, indem sie sich viele SMS schreiben, telefonieren und abends eine feste Stunde eingeplant haben, in der sie sich über einen Instant Messenger unterhalten und über die Webcam sehen können. "Für uns haben wir damit eine Art Ausgleich geschaffen", sagt der 18-jährige Michael, der eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann macht. Auch Julia Schwarz und Shawn White kommunizieren jeden Tag per SMS und Facebook sowie durch Telefonate und über einen Instant Messenger. Sprachprobleme gibt es keine. "Nein, im Gegenteil, wir verbessern uns eher gegenseitig und lernen so viel dazu", sagt Julia.

Wenn sich Johanna Walther und Michael Reck sehen und sich vom Bahnhof abholen, haben sie "Schmetterlinge im Bauch", unternehmen viel und genießen die kurze Zeit. Der Abschied nach einem Wochenende fällt schwer. "Einerseits freut man sich auf zu Hause, die Familie und die Freunde, sowie auf die Zeit für sich, aber andererseits weiß man, dass man sich zwei Wochen nicht sieht, und ist traurig. Da gab es schon Momente, wo ich Rotz und Wasser heulte, wenn ich ihn zum Zug gebracht hatte", sagt Johanna. "Allerdings fällt der Abschied weniger schwer, je öfter man sich sieht. So kommt es, dass es heute nicht mehr so schlimm ist wie am Anfang unserer Beziehung", sagt Michael, den sein dunkelblonder Irokesenschnitt zu einer auffälligen Erscheinung macht. Auch wenn Julia Schwarz und Shawn White sich wiedersehen, sind die Gefühle ähnlich. "Im ersten Moment ist es seltsam, den anderen wiederzusehen, und man kann es gar nicht fassen, dass man seinen Schatz wieder bei sich hat. Bis man das richtig realisiert, sind schon zwei Tage vorbei, aber es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl", sagt die junge Frau lächelnd. "Dabei lassen wir uns nicht mehr aus den Augen und versuchen jede Sekunde zusammen zu sein. Man fühlt sich wieder wie frisch verliebt, genießt jeden Augenblick und merkt, dass es sich lohnt, die Zeit zu warten und zu vermissen. Dann merke ich immer, dass wir uns wirklich lieben." Die drei Wochen, in denen sie sich sehen, sind sehr kurz. Während der letzten Tage kommen bei Julia wieder die Gedanken an den Abschied, und sie ist traurig. "Bei Problemen können wir uns nur durch Schreiben oder Telefonieren aufmuntern, und das ist manchmal schon hart", klagt sie. Wichtig, um eine Fernbeziehung zu erhalten, ist für sie, dass man sich "Gutes und auch Schlechtes erzählt und sich nicht belügt oder betrügt". In einem Punkt sind sich beide Paare einig: Ohne Vertrauen geht es nicht. Natürlich gibt es Konflikte. Für Johanna und Michael ist es manchmal problematisch, Termine "unter einen Hut zu bekommen", was schon mal zu Streitigkeiten führt. Die positive Seite ist für Julia, dass es für sie "etwas Besonderes" ist und sie sich sozusagen immer wieder neu in ihren Freund verliebt. Ihre Gespräche werden nie langweilig für sie, "da wir beide verschiedene Dinge erleben und uns so alles über den Tag erzählen oder wir immer über unsere schönen Erinnerungen reden können". Für ihre Zukunft planen Johanna und Michael, dass sie zusammenziehen wollen. Bei Julia und Shawn ist es konkreter: "Ich werde nächsten Sommer zusammen mit Shawn nach seinem Besuch nach Amerika gehen und dort ein Praktikum machen. Er wird währenddessen auf ein College gehen." Danach zieht sie ebenfalls den Besuch eines College in Betracht, je nachdem, "was passiert und wohin es uns führt".

Informationen zum Beitrag

Titel
Rotz und Wasser heulen
Autor
Sina Fuchs
Schule
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium , Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.09.2011, Nr. 208, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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