Tellerwaschen statt Kellnern

Tellerwaschen statt Kellnern

Schon mit zwölf Jahren begann ich nach der Schule zu arbeiten, um meine Familie finanziell zu unterstützten", sagt Daoud Gharbi, ein 23-jähriger junger Tunesier mit schwarzgelocktem Haar. Er sitzt in seiner Arbeitspause erschöpft auf der leeren Terrasse des Nobelrestaurants "Waldheim" in Zug. Er trägt eine alte blaue Jeans und ein schmutziges T-Shirt, dass nach Pommes riecht. "Später fing ich eine Ausbildung als Flugzeugmechaniker an, musste jedoch das Studium nach sechs Monaten abbrechen, da meine Eltern zu wenig Geld hatten. Also besuchte ich ein Jahr die Gastronomieschule in Soliman und arbeitete als Kellner in einem Restaurant. Leider konnte ich in Tunesien nur saisonal arbeiten, und es war schwierig, mit so wenig Geld zurechtzukommen. In der Schweiz habe ich nach meiner Heirat überraschend schnell eine Arbeitsstelle als Officemitarbeiter gefunden", sagt Daoud in gebrochenem Deutsch-Französisch. Als Küchenhilfe ist er für den Abwasch zuständig, hilft beim Kochen und Vorbereiten der Büffets. Im Ferienresort wo Daoud als Kellner arbeitete, hatte er Denise Bischofsberger, seine 20 Jahre ältere Frau kennengelernt. Die Detailhandelsfachfrau und Mutter von zwei Jungen im Alter von acht und vierzehn Jahren erhoffte sich in Tunesien Abstand von ihrem mühevollen und einsamen Alltag zu bekommen. Die schmerzliche Scheidung setzte ihr sehr zu. Es war Liebe auf den ersten Blick. So viel Aufmerksamkeit und spannende Gespräche hat Denise, eine Frau mit langen schwarzen Haaren und dunkelbraunen Augen, lange Zeit vermisst. "Es war unendlich hart für mich, als Denise mit ihren Kindern ins Flugzeug stieg und in die Schweiz zurückflog." Der Gedanke, dass er sie im Herbst wiedersehe, falls sie das Geld zusammenbringt, tröstete beide.

Daouds Eltern waren skeptisch, als er eröffnete, dass er eine Europäerin christlichen Glaubens zu heiraten gedenke und seine Zukunft in der Schweiz sehe. Da jedoch viele junge Tunesier keine Arbeit im eigenen Land finden, konnte er seine Eltern überzeugen. Er war nervös, als er Denise seinen Eltern vorstellte. "Eine Woche lang putzten meine zwei Schwestern und meine Mutter das Haus und bereiteten Lamm mit Couscous und Harissa, das tunesische Festmahl, vor." Die Eltern waren von der Schweizerin italienischer Abstammung sehr angetan und spürten die innige Verbundenheit der beiden. Mehrere Monate dauerte es, bis Daoud in die Schweiz einreisen durfte, um dort zu heiraten. Es war sofort klar, dass Daoud Arbeit finden musste. Sein erster Job als Tellerwäscher beendete er als Patient im Spital Limmattal, da er seinen Fuß mit kochendem Wasser verbrannte. So hatte er sich das alles nicht vorgestellt. Die Warterei auf Arbeit, die Schmerzen, das Vermissen der Eltern setzten ihm zu. "Es hat mich fast verrückt gemacht, jedoch habe ich die Zeit genutzt, um Deutsch zu lernen." Nachdem die Verletzung verheilt war, fand er schnell Arbeit im Restaurant Waldheim". Er verdient sehr wenig als Office-Mitarbeiter und arbeitet jeden Tag außer Sonntags von 8 Uhr morgens bis Mitternacht. Die längere Arbeitspause von mehr als vier Stunden verbringt er mit Warten und Spazieren am See.

Trotz der Schwierigkeiten fühlt sich Daoud wohl und akzeptiert von seiner neuen Familie und den Kollegen. Mit Rassismus wurde er nicht konfrontiert. Er möchte sich weiterbilden, um die Familie selbst ernähren zu können. "Der Entschluss, meinem Herzen zu folgen, war der richtige. Ich liebe meine Frau und die Jungs. Ich möchte für sie ein guter Vater sein", sagt er strahlend.

Informationen zum Beitrag

Titel
Tellerwaschen statt Kellnern
Autor
Dennis Shushack
Schule
Kantonsschule , Limmattal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.09.2011, Nr. 208, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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