Kokett kreisende Hüften

Bulería, bulería, tan dentro del alma mía, es la sangre de la tierra en que nací." Stolz steht David Bisbal auf einem Felsen hoch oben im Gebirge. Hinter ihm erstrecken sich die Berge Andalusiens. Mit halb aufgerissenem Hemd und wilden Locken besingt er inbrünstig die bulería, einen der beliebtesten Flamencotänze. Eine Tänzerin in einem knöchellangen, weißen Kleid lässt ihre Hüften kreisen. Elegant verdreht sie vor Bisbal ihre Arme, Hände und Finger, wirft den Kopf kokett zur Seite, um gleich wieder mit schüchternem Blick aufzuschauen. "Oh bulería, bulería, so tief in meiner Seele verankert, bist du das Blut des Landes, in dem ich geboren wurde."

Rund 2100 Kilometer von Almería, der Heimatstadt des bekannten spanischen Sängers, entfernt und 30 Kilometer östlich von Stuttgart trainieren acht solcher Tänzer, wie sie auch in dem Videoclip zu sehen sind. Mit verschiedenfarbigen Röcken, pompös mit Volants, tanzen sie Fandango, Bulería, Alegría. Flamencokunst mitten in Schorndorf. Trainerin Lela de Fuenteprado, eine international gefragte Flamencotänzerin, steht mit dem Rücken zu der Spiegelwand, die Hand gestützt auf einem Gehstock. Mit dem Stock stampft sie auf den Boden, um die betonten Akzente zu verstärken und die Schüler bei den schwierigen Rhythmen zu unterstützen. Jeden falschen Schritt bemerkt sie und verzieht das Gesicht. "Oh, den Schluss müssen wir noch mal machen." Kurze Pause.

Die Gruppe, die seit sechs Jahren gemeinsam tanzt und aus sieben Frauen und einem Mann besteht, ist erschöpft von den Taconeos, den Paseos und den ausschweifenden Armbewegungen. Taconeo, das ist die so komplizierte Fußperkussion, bei der der Tänzer mit seinen mit Nägeln beschlagenen Schuhen aufstampft. "Der Tanz ist voller kontrollierter Erotik, ungeheurer Kraft und Körperspannung. Flamenco ist sehr beherrscht und doch ausgesprochen emotional. Kummer, Verzweiflung, Sehnsucht, Glück - alle wesentlichen Gefühle des Lebens werden in ihm besungen und vertanzt", schwärmt Lela de Fuenteprado, die, seit sie professionell Flamenco tanzt, diesen Künstlernamen trägt. Geboren wurde sie nämlich im unterfränkischen Wiesenbronn. Mit den dunkelbraunen, zurückgenommenen Haaren und dem konzentrierten und dennoch heiteren Blick könnte sie genauso gut aus Sevilla stammen. Lela de Fuenteprado ist eine energische Frau, und das im positiven Sinne. Während sie von ihren Auftritten erzählt, hält sie nicht still. Sie rutscht auf ihrem Stuhl hin und her, die mit Goldringen geschmückten Finger zupfen immer wieder an der Mantilla, dem Fransentuch, das um ihre Schultern liegt. Lela steht immer wieder auf und versucht eine Szene aus Mario Mayas Flamencotheater "Ay! Hondo" nachzutanzen, das mit Hilfe von traditionellem Tanz die lange Verfolgung der andalusischen Sinti und Roma darstellt. Sie holt ihre Alben hervor und zeigt Fotos aus vergangenen Tagen, als sie noch Konzerte mit ihrem Mann Gerhard Graf-Martínez, einem bekannten Flamencogitarrenlehrer, gab. Zu jedem Bild, zu jedem noch so kleinen Detail in ihrem Studio kann sie eine Geschichte erzählen.

Die Wand mit den Schwarzweißbildern berühmter Tänzerinnen wie Manuela Carrasco bildet den Hintergrund zu einer Art Altar: Auf einem Regal, auf dem eine schwarze Mantilla mit Blumenstickerei liegt, stehen Lelas erste Flamencoschuhe, dahinter eine von ihrem Mann gebaute Gitarre. Im Raum mitten im Industriegebiet herrscht eine andalusische Atmosphäre: Weiß getünchte Rundbögen, Holzbänke mit Kissen, Wandpflanzen, am Eingang Kleiderständer, zum Bersten voll mit gepunkteten und geblümten Kleidern und Röcken.

Sie alle zeugen von der langen Karriere Lelas. 1976 fing sie mit dem Flamencotanz an, nahm mehrere Jahre lang Unterricht bei Antonio Venegaz in Berlin und war später auch seine Tanzpartnerin. Nach einigen Sommerkursen in Andalusien gab sie neben den Tourneen und Konzerten im In- und Ausland ab 1984 selbst Tanzstunden und Workshops in ganz Deutschland. 1999 gründete sie das Flamenco-Studio Lela.

Um eine neue Choreographie mit ihren Schülern einzustudieren, braucht sie ein Jahr. "Meine Kinderkurse sind manchmal schneller als die der Erwachsenen, weil Kinder alles einfach rascher begreifen." Acht Mädchen zwischen neun und 13 Jahren stehen einander gegenüber, schwenken die Fächer über den Köpfen, dann vor der Brust. Sie laufen aufeinander zu, dann wieder auseinander, wechseln die Seiten. Und immer bleibt die Sevillana, die eigentlich gar kein Flamenco ist, sondern eigenständige Folklore, ein stolzer, herausfordernder Tanz. "He, wir haben eigentlich schon lange keine Kastagnetten mehr gespielt, oder?" Lela lacht, als unisono "Och, nee" erklingt und sie in die nicht gerade begeisterten Gesichter der Mädchen schaut. Die Castañuelas gehören entgegen weitverbreiteter Meinung nicht zum Flamenco, sondern begleiten lediglich die Sevillana und die nordspanische Jota. In einem Kreis versuchen die Mädchen dem Holzinstrument einen Rhythmus zu entlocken. Ein Finger nach dem anderen muss auf die Kastagnette einschlagen, erst langsam, dann schneller.

Genau wie die Kastagnetten, deren Tradition in Spanien am besten erhalten ist, gelangten auch die Vorläufer des Flamenco selbst über den Handel nach Europa. Die verschiedenen Volkstänze der Händler - Juden, Mauren, Inder, Iberer, Perser - verschmolzen nach und nach zum Flamenco, der jedoch keineswegs Folklore ist. Er wurde von niemandem so geprägt wie von den andalusischen Gitanos, den Sinti und Roma. Die meisten berühmten Flamencotänzer sind Gitanos. Sie gelten als die Einzigen, die ihn bis zur Perfektion beherrschen.

Doch Lela de Fuenteprado geht es nicht um Perfektion. "Es ist doch viel wichtiger, dass man etwas spürt, dass der Tänzer einem das Gefühl vermittelt, um das es beim Flamenco geht." Einmal, erzählt sie, habe sie in Sevilla den berühmten Tänzer Farruco besucht. Sie wollte bei seinem Unterricht zuschauen. "Man hat mich vorher schon gewarnt, das sei ein gefährliches Viertel, in dem er wohne, aber passiert ist nichts." Sie kam an, und Farruco habe sie sofort in seinen Übungsraum mitgenommen. "Er trainierte in einer Garage, völlig leer war sie, nur ich, Farruco und sein Schüler." Der Cante ging los, und der Schüler begann. Langsam erhob er die Arme, begann mit dem Taconeo. Sein Meister habe angefangen, mit den Handknöcheln im Takt zu der Soleá zu schlagen. "So etwas habe ich noch nie erlebt, es war unglaublich. Der Junge hat angefangen zu tanzen, und der ganze Raum, wirklich die ganze Garage, war plötzlich voll Soleá."

Informationen zum Beitrag

Titel
Kokett kreisende Hüften
Autor
Laura Rodríguez Knödler
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.09.2011, Nr. 214, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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