Endlich nicht mehr Ziel von Lästereien

Ein allzu großer Busen schadet Rücken und Selbstbewusstsein. Kim führt seit einer hart erkämpften Operation ein unbeschwerteres Mädchenleben.

Nase korrigieren, Ohren anlegen, Silikonbrüste machen und Fett absaugen ist die eine Sache und für viele skandalös genug. Aber was ist, wenn man sich gezwungen sieht, die Brust verkleinern zu lassen? Durch die Stadt zu laufen und ständig in gebückter Haltung etwas verstecken zu wollen. Ständig angestarrt zu werden und dumme Bemerkungen über sich ergehen zu lassen schadet nicht nur dem Selbstwertgefühl, sondern auch der Wirbelsäule. Ständige Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und schlechte Laune sind der Alltag.

Vor mehr als einem Jahr fing der ganze Schlamassel an. Schon in der siebten Klasse waren Kim Spechts (Name geändert) Brüste überdurchschnittlich groß. In der zehnten unübersehbar zu groß. Die sogenannte Gigantomastie ist auch bei der kleingewachsenen Kim erblich bedingt. Eine Brustverkleinerung wäre die Erlösung. Ihre Mutter hatte das gleiche Problem mit einem medizinischen Eingriff gelöst, und ihre jüngere Schwester ist gefährdet, die gleichen Maße zu erreichen wie Kim. Nach der Entscheidung, ärztliche Hilfe zu suchen, ging Kim zum Hausarzt. Er entschied, dass eine Operation nicht nötig sei, weil Kim gerade mal 16 Jahre alt sei, jedoch muss die Krankenkasse die Gebühren ab eineinhalb Kilogramm je Brust übernehmen. Ein Besuch beim Orthopäden war der zweite Schritt. Er stellte Kopf- und Rückenschmerzen aufgrund der großen Brüste fest. Sein Gutachten ging an die Krankenkasse, die den Antrag auf eine Operation ablehnte.

Kim versuchte es beim Neurologen, der ihr Tabletten verschrieb. Den Grund für die ständigen Kopfschmerzen sah er nicht in der Oberweite, sondern in einer Migräne. Also konnte er keine Bescheinigung für eine Brustoperation ausstellen. Beim medizinischen Dienst in Aalen wurden Kim und ihre Brüste, jede einzeln, gewogen. Ihre zwei Problememacher wogen zusammen 4,5 Kilogramm. Der Bericht an die Krankenkasse befand, dass Kim sehr fettleibig und stark medikamentenabhängig sei. Kim verstand die Welt nicht mehr. Und die Ärzte noch weniger. Es hieß, sie müsse ganze dreißig Kilo abnehmen. "Mit jedem Kilogramm weniger verlöre man automatisch zehn Gramm an der Brust", flüstert Kim beinahe und wickelt eine schwarze Haarsträhne um den Finger. Sie war am Boden zerstört. Das sonst so selbstbewusste Mädchen fühlte sich missverstanden und gleichzeitig so schlecht in ihrer eigenen Haut. Sie ging ungern aus und zog immer mehrere Klamotten übereinander, damit niemand sie anstarrte. "Stell dir vor, du bist der Mittelpunkt der Lästereien und alle lachen über dich, weil du eben große Brüste geerbt hast." Ihre großen brauen Augen blickten zu Boden. Die Krankenkasse lehnte wieder ab. Der Hausarzt schickte Kim in die Aalener Frauenklinik zu Carina Paschold. Die Ärztin verstand Kim. Ein Lichtblick für die Realschülerin aus einem Dorf in der Nähe von Aalen. Doch erneut kam der Widerspruch von der Krankenkasse: Kim sei viel zu jung und wöge immer noch zu viel, so die Begründung. Wütend und fast verzweifelt kontaktierten Kim und ihre Mutter einen Psychologen. Dieser war ebenfalls gegen eine Operation. Drei weitere hintereinander besuchte Frauenärzte meinten, dass Kim noch viel zu jung sei. Sie versuchten ihr Mut zuzusprechen, dass sie gut sei, so wie sie ist. Kim war ohnehin schon verzweifelt. Arztbesuche sollten nicht zu ihrem Lebensmittelpunkt werden. Sie nahm sich einen Anwalt.

Nach seinem Brief an die Krankenkasse wurde ihrem Antrag zugestimmt. Kim war glücklich. Endlich würde sich alles in ihrem Leben ändern. Mit einer Verzögerung von drei Monaten durfte sie sich aussuchen, in welches Krankenhaus sie gehen wollte. Zwei Wochen vor der Operation durfte sie keine Medikamente einnehmen. Leicht erkältet und mit verschnupfter Nase stand sie dann im vergangenen Dezember vor dem Aalener BrustCentrum. Sie wurde untersucht, ihr wurde erklärt, wie die Operation abläuft. Kim blendete alle Risiken aus. Es würde schon alles gut werden. Sie musste die Nacht vor der Operation im Krankenhaus verbringen.

"Sie haben an meiner Brust herumgekritzelt, und ich musste mit diesen wunderschönen Kritzeleien ins Bett", erinnert sich Kim und spielt mit ihrem Piercing an der Unterlippe. Am folgenden Tag durfte sie nichts essen, nur trinken. Ihr Piercing wurde entfernt und sie bekam Beruhigungstabletten. "Ich durfte mit dem superheißen OP-Hemd durch die halbe Klinik watscheln, mein halber Po hat rausgeschaut", sagt Kim energisch und unterdrückt einen Lachanfall. Sie wurde an eine schmale Liege gebunden und in einen hell beleuchteten Raum geschoben. "Ich hatte absolut keine Angst. Wären da nicht diese vielen Spritzen gewesen. Ich habe eine regelrechte Phobie. Die können mich von mir aus aufschneiden, aber bitte keine Spritzen in meinen Körper rammen." Die Ärztin legte eine Maske auf ihr Gesicht und sagte: "Stell dir vor, du liegst am Strand und kippst einen Tequila nach dem anderen . . ." Von da an - Blackout.

Das Erste, was Kim in benommenem Zustand lallen konnte, war "Wo isch mein Piercing, i will mein Piercing." Kim wurde auf einmal so schlecht, sie übergab sich. Ihre Mutter, die Schwester und ihre beste Freundin Franzi kamen sie besuchen und wunderten sich, als sie Kims Oberkörper sahen. Kim schaute an sich herab, ihre gigantischen Brüste waren weg. Die nächsten Tage hat sie hauptsächlich geschlafen. Ihr Spezial-BH schmerzte sie zwar, war aber notwendig. "Es ziepte immer so, manchmal war es auch ein stechender Schmerz, die ganzen Nervenbahnen mussten sich ja neu entwickeln." Erst beim Wechseln des Verbands sah sie die dunkelroten Narben, und ihr wurde klar, welches Risiko sie mit der Operation eingegangen ist und dass sie Glück hatte, dass es keine Komplikationen gab. Kim würde so etwas nicht noch mal machen. Sie durfte keinen Sport treiben, nichts heben und musste ständig den Spezial-BH tragen.

Heute ist sie sich ganz sicher, dass sie das Richtige getan hat. Von Körbchengröße G stellte sie auf Größe C um. "Das Erste, was ich gemacht habe, war einen BH bei H&M zu kaufen. Das war mein geheimer Wunsch." Früher war ein sonderangefertigter BH für 120 Euro etwas ganz Normales. Der erste Schultag nach der Operation war ziemlich amüsant. Alle starrten sie an, aber es machte Kim nichts mehr aus. Sie hatte nichts zu verstecken und war ziemlich stolz auf ihren neuen Oberkörper. Sie kann engere Klamotten tragen, geht jetzt gerne schwimmen und ist auf Fotos immer vorn zu sehen. "Es gibt jetzt Blusen in meiner Größe, jetzt kann ich Bankerin werden."

Informationen zum Beitrag

Titel
Endlich nicht mehr Ziel von Lästereien
Autor
Kristina Tischler
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.09.2011, Nr. 214, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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