Schöne Frau, noch drei Maß

Vorsicht bitte, aus den Weg!" hört man es schon von weitem durch die Gänge schallen. Mit 15 Kilogramm in der Hand versucht Irene Tendel schnellen Schrittes ihr Ziel zu erreichen. Eine Haarsträhne, die sich aus ihrem braunen, hochgesteckten Haar gelöst hat, hängt ihr ins Gesicht, und die Hausfrau versucht sie im Laufen wegzupusten. In ein paar Metern hat sie ihr Ziel erreicht, einen Tisch mit vielen durstigen Gästen im Löwenbräu-Festzelt auf dem Oktoberfest. Die Mutter zweier Kinder, arbeitet jedes Jahr zwei Wochen als Bedienung auf dem Oktoberfest. Die Münchnerin bewarb sich vor einigen Jahren um den Job, als ihre Schwester anrief, dass es einen Notfall gäbe: Eine Bedienung sei krank geworden, so ergriff die heute 50-Jährige die Chance.

Am Tisch angekommen, reicht sie mit einem freundlichen Lächeln die zehn Maß an die Gäste. Sie trägt ein blaues Dirndl und bequeme Schuhe, um die langen Arbeitszeiten ohne schmerzende Füße zu überbrücken. Sobald sie bei den Gästen abkassiert hat, nimmt sie die nächste Bestellung auf und läuft wieder los, um weitere Maß Bier bei der Schenke zu holen. "Das Wichtigste an der Arbeit ist das freundliche Entgegenkommen, das positive Auftreten und der zuverlässige Service", betont die quirlige Frau. Besonders die Wochenenden seien zwar sehr anstrengend, jedoch würde sie gerne noch mehr Gäste bewirten. "Auch nach zwei anstrengenden Wochen benötige ich keine Auszeit", erzählt sie voller Stolz.

Auf dem Weg zur Schenke hört man im Hintergrund Rufe wie "Hey, schöne Frau, warten Sie mal!" oder "Bedienung, wir brauchen noch drei Maß!" Die laute Musik und die grölenden Gäste erzeugen einen hohen Lärmpegel. Gerüche von Bier und Schweiß steigen in die Nase, doch die zierliche Frau lässt sich nicht beirren und läuft einfach weiter. Gewöhnlich arbeiten die Bedienungen auf dem Oktoberfest in Schichten und teilen sich zu zweit acht Tische. So ist es möglich, kurz etwas zu trinken, zu essen oder auf die Toilette zu gehen. Bei Alkohol am Arbeitsplatz hat Irene Tendel Prinzipien. "Ich trinke nichts heimlich, da der Umgang mit viel Bargeld stets hohe Konzentration erfordert. Das Trinken kann man sich dort einfach nicht erlauben."

Ihr schönstes Erlebnis auf dem Oktoberfest war vergangenes Jahr, als die Chefs des Hotel- und Gastronomiegewerbes zu Gast waren und lobten, dass sie noch nie so gut bewirtet worden seien. Natürlich gibt es auch schlechte Erfahrungen. Eine Gruppe von Italienern habe sich einmal gegenseitig mit Bierkrügen im Zelt beworfen, und die Bedienung wurde beinahe getroffen. Vor allem die männlichen Gäste belästigten die Bedienungen, die sich oft nur schwer wehren könnten und Hilfe vom Sicherheitspersonal benötigten. Gestolpert oder gestürzt ist die engagierte Frau mit den Maß in der Hand zum Glück noch nicht, aber anderen Bedienungen sei das schon öfters passiert.

Ein Problem hat auch Irene Tendel: die laute Musik. Durch die große Lautstärke muss sie häufig schreien und wird schnell heiser. Aber das störe sie nicht, da in den Bierzelten "immer eine tolle Stimmung herrscht" und sie immer wieder neue Freundschaften mit den Kollegen schließen kann. "Ich mag die Wiesn einfach, sie ist immer wieder ein schönes Erlebnis."

Informationen zum Beitrag

Titel
Schöne Frau, noch drei Maß
Autor
Jessica Valenta
Schule
Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.09.2011, Nr. 214, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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