Schuhputzen als Befreiung

Bildung - Das ist es! Damit schaffst du es, deine Situation zu verbessern. Damit schaffst du es aus der Armut!" Schon früh erkannte Dawit Shanko, dass er sein Leben verändern konnte. Nach der Schulausbildung in Äthiopien gehörte er zu den wenigen Glücklichen, die auf einer der sogenannten Technical Schools angenommen wurden. Dort macht er sein Fachabitur und wurde technischer Zeichner.

Der stets elegant gekleidete Mann mit den kurzen Dreadlocks, 1969 in Addis Abbeba geboren, wuchs als jüngstes von vier Kindern auf und erlebte Armut vor allem während des Bürgerkriegs, der Äthiopien in Eritrea und das heutige Äthiopien spaltete.

Sein Vater arbeitete als Flechter und baute Möbel aus Bambus, seine Mutter braute Tela, eine Art Bier. Trotz der harten Arbeit reichte das Geld nicht. "Was ich kenne, ist nicht Hunger, ist nicht Krieg, sondern Armut. Armut kenne ich aber auch nicht als eine Tatsache, der man machtlos gegenübersteht, sondern als etwas, was man bewältigen und bekämpfen kann, unter anderem auch durch Bildung." Mit 11 Jahren fing er an, sich neben der Schule sein Geld durch Schuhputzen zu verdienen: "Mit dieser Arbeit verbinde ich eine gewisse Freiheit."

Dawit wurde als einer von zehn Schülern aus ganz Äthiopien auserwählt, um in der DDR Geodäsie zu studieren. 1986 lernte er in Cottbus-Forst Deutsch, dann folgte die Grundausbildung zum Vermesser in Eichenwalde in Brandenburg und darauf das Geodäsie-Studium an der TU in Dresden.

"Die anderen neun Studenten und ich kamen im Herbst an, und es war überwältigend: Diese bunten Blätter waren unglaublich schön, das kannte ich nicht, bei uns gibt es diesen bunten Herbst nicht." Während seiner Ausbildung machte er erste Erfahrungen mit Rassismus. "In der Berufsschule waren die Menschen sehr kalt, sehr distanziert. Ich wollte an meiner Schule FDJ-Mitglied werden. Ich habe mich angemeldet, und die haben sich erstmal totgelacht. Der Direktor hat mir dann erklärt, was FDJ bedeutet: Freie Deutsche Jugend. Man müsse Deutscher sein, um Mitglied zu werden. Das fand ich ganz böse: Vorschrift, Vorschrift, Vorschrift."

Der Kontakt zu seiner ersten Liebe wurde ihm von den Erziehern verwehrt. Seiner Freundin wurde gedroht, sie könne nicht studieren, wenn sie weiterhin zu ihrem äthiopischen Freund halte. Die Beziehung zerbrach. Aufgrund der schlechten Erfahrungen mit Ausgrenzung während seines Studiums wollte Dawit ein Architekturstudium beginnen, was die äthiopische Botschaft nicht genehmigte: "Das war dann alles ein Grund, die DDR zu verlassen." Für die Semesterferien 1989 erhielt er ein Visum nach West-Berlin, dort beantragte er Asyl. Durch den Fall der Mauer löste sich dieses Problem.

Nachdem Dawit 1992 das Oberstufenzentrum mit einem sehr guten Abschluss verlassen hatte, studierte er schließlich Bauingenieurwesen. Nebenher arbeitete er als Vermesser. Zufrieden war er nicht. "Ich habe mich von diesen technischen Fachbereichen immer mehr entfernt." So kam es zu einer überraschenden Wende: "Es fing damit an, dass ich eines Tages träumte, ich hätte meine Schuhputzbox, die ich vor vielen Jahren verloren hatte, wiedergefunden." Plötzlich erkannte er, dass er etwas ganz anderes tun musste: "Viele Menschen hier wissen nur Negatives über Afrika oder Äthiopien. Das wollte ich ändern. Ich wollte die Leute aufrütteln und sagen: ,Hey, lasst uns über etwas reden, was es sogar in der Armut gibt: Da ist Hoffnung, Lebensziel!'" Seit fast zehn Jahren organisiert Dawit Ausstellungen und Projekte, die sich mit äthiopischen Schuhputzern und Äthiopien auseinandersetzen. Sein tägliches Brot verdient er, indem er Werke über Äthiopien in seiner eigenen Galerie ausstellt. Was ist für ihn das Wichtigste? Er lächelt: "Ich wünsche mir, die deutsche und die äthiopische Jugend zu verbinden. Die heutige Generation soll nicht blind aufwachsen, sie soll etwas über Afrika erfahren."

Informationen zum Beitrag

Titel
Schuhputzen als Befreiung
Autor
Laura Plank
Schule
Eckener-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.09.2011, Nr. 220, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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