Erst kommt Gott, dann der Schah

Uta

Manchmal hätte sich Sara Anahita gewünscht, in eine arme Familie hineingeboren zu sein. Aber ihre Familie war reich und hat den Sturz des Schah-Regimes in Teheran erlebt.

Es gibt Zeiten, da wünscht man sich, die eigene Familie wäre bettelarm. Da wünscht man sich, der eigene Vater hätte nie Erfolg gehabt. Da wünscht man sich, man wäre ein Niemand." Mit ernstem Gesicht sitzt Sara Anahita vorgebeugt auf einem alten, hölzernen Stuhl. Das Licht blendet, und sie kneift ihre Augen zu Schlitzen zusammen. "Ich war elf Jahre alt, als die Revolution begann. Mein Vater war in einer hohen politischen Position. Er war Minister des Schahs." Sara Anahitas olivfarbener Teint und ihre braunen Augen verraten, dass sie nicht von hier ist. "Mein Leben war wie ein Märchen", sagt die 43-Jährige. Sara Anahita und ihre jüngere Schwester Afarin lebten mit den Eltern in Teheran. "Uns wurde jeder Wunsch von den Lippen abgelesen. Nachts durften wir sogar mit unseren Freundinnen in den Palast. Dann haben wir dort Prinzessinnen gespielt. Nein, wir haben nicht gespielt. Wir waren es." Mit der Revolution änderte sich ihr Leben schlagartig. Schah Mohammad Reza Pahlavi verließ das Land, nachdem die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich und Deutschland beschlossen hatten, ihn nicht mehr zu unterstützen. Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini kehrte am 1. Februar 1979 aus dem Exil zurück. Iran war von nun an eine islamische Republik, die sich scharf vom Westen abgrenzte. Fast alle Minister fielen den Revolutionären zum Opfer. Sie wurden sofort und ohne Verfahren hingerichtet.

Es war ein milder Tag in diesem Februar, als Saras Vater fliehen musste. "Als die Demonstranten das Gebäude des Ministeriums umzingelten, wollte mein Vater sich nicht ergeben. Er sagte immer: ,Erst kommt Gott, dann der Schah. Fertig.'" Um nicht als Politiker enttarnt zu werden, stahl ihr Vater die blutüberströmte Zivilkleidung eines Aufständischen. "Er hatte eine Glatze. Um nicht erkannt zu werden, setzte er sich eine Taqiyah, eine Gebetsmütze für Männer, auf." Inzwischen stürmten Demonstranten das Gebäude. Die Soldaten waren hilflos, die Rebellen in der Überzahl. "Er rief uns an und sagte uns, wir sollten zu unseren Großeltern in einem Dorf weit weg von den Unruhen fahren. Er käme nach." Sara schlägt ihre zierlichen Beine übereinander. "Wir warteten Stunden. Wir hatten Angst, er hätte es nicht geschafft und wäre im Auto erkannt worden. Man suchte nach ihm." Aber ihr Vater kam. Die Taqiyah hatte er immer noch auf, jetzt noch zusätzlich eine Brille. "Er weinte. Mit erstickter Stimme sagte er: ,Es tut mir leid, wir haben alles verloren.'"

In den nächsten Tagen wurde ihrem Vater klar, dass es zu gefährlich war, bei seiner Familie zu bleiben. Die neuen Machthaber unterteilten die Bevölkerung in zwei Gruppen, in die "Unterdrückten" und in die "Unterdrücker". Jeder, der in Verbindung zum Schah gebracht werden konnte, war ein "Unterdrücker". Inzwischen hingen überall Plakate aus mit dem Gesicht des Vaters drauf. Als er ging, versprach er, dass er zurückkehren würde. "Wir alle wussten, dass er wahrscheinlich nicht wiederkommt. Wir hatten ja gesehen, wie die anderen Politiker hingerichtet wurden. Die Lüge machte uns den Abschied leichter." Einen Tag später floh auch Saras Mutter. Auch sie war "Unterdrücker". Ohne von den Eltern gehört zu haben, kehrten Sara und ihre Schwester mit der Großmutter nach Teheran zurück. Doch von ihrem Haus war kaum etwas übrig. Türen, Fenster, Möbel, Bilder, alles war kaputt, manches war von den Aufständischen beschlagnahmt, anderes zerstört worden. Es roch verbrannt. Auf dem Boden lagen Scherben und zerstörte Möbel. Im Wohnzimmer auf dem roten, persischen Lieblingsteppich ihrer Mutter entdeckte sie einen kleinen verbrannten Haufen: ihre Familienfotos.

"Niemand wollte uns beistehen, kein Handwerker kam. Sie alle hatten Angst davor, uns zu helfen." Sarah Anahita spricht so leise, dass es fast ein Flüstern ist. Das Haus wurde abgehört, man glaubte, dass ihr Vater irgendwann zurückkehren würde. Erst als ihre Großmutter sich mit den Worten: "Was soll das? Wir sind Frauen, keine Kriegsverbrecher!" bei den örtlichen Handwerkern beschwerte, wurde einer von ihnen zur Verfügung gestellt. Nur das Nötigste wurde repariert. Die Türen ließen sich nicht mehr schließen.

Einige Monate später entschieden Sara Anahitas Eltern, sich der islamischen Regierung zu stellen. Sie wollten nicht mehr verfolgt werden, sie wollten sich nicht verstecken müssen. Sie hofften auf Gnade. Ein waghalsiger Schritt. Ihr Vater wies alle Warnungen zurück. "Er war krank und erschöpft von der ständigen Flucht, ausgelaugt von der Angst, gefunden zu werden." Er ging zum neuen leitenden General. Ihr Vater hatte ebendiesen General vor einigen Jahren ins Gefängnis gebracht. Er war ein politischer Gegner des Schahs gewesen und Anhänger Chomeinis. Nun standen sie sich gegenüber, Jäger und Gejagter, nur mit vertauschten Rollen. Sara Anahitas Vater wäre sicher verurteilt worden, wenn er sich früher gestellt hätte. Doch zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich allmählich die Desorganisation des neuen Regimes ab. Fast alle Führungspersonen und Politiker, die sich mit ihrem Amt auskannten, waren hingerichtet worden. Man benötigte Generäle mit Erfahrung für den Krieg gegen den Irak. Das war der Rettungsring ihres Vaters, der ihn vor dem Tod schützte. Der Preis: Er musste sich mit dem neuen, ungeliebten Regime arrangieren.

Um die prowestliche Einstellung ihres Vaters wussten die neuen Machthaber. Man schwieg sie tot. Obwohl Sara Anahitas Familie nun nicht mehr verfolgt wurde, behandelte man sie wie Aussätzige. "In der Schule sprach kaum jemand mehr mit uns. Unseren Freunden wurde von ihren Eltern vorgeschrieben, nicht mit uns zu reden. Es sei zu gefährlich." Der Gang in die Schule war eine Qual, jeden Tag. Wie es sich anfühlte, so tief zu fallen, wusste Sara Anahita bis dahin nicht. Nicht einmal, dass ein so tiefer Abgrund überhaupt existierte. In der Isolation entwickelten sich ihre starke Persönlichkeit und ihr Ehrgeiz. Ihr Traum war es, Ärztin zu werden. Doch obwohl sie eines der besten Zeugnisse ihrer Stadt hatte, wurde sie nicht zu den Aufnahmeprüfungen zum Medizinstudium zugelassen. Sie ging in die Türkei und begann dort das Studium. Gerade, als ihr Leben normal zu werden schien, wurde ihr Vater verhaftet. Der Krieg mit dem Irak ebbte ab, und man hängte ihrem Vater wieder den Status als "Unterdrücker" an. Sara Anahita kehrte sofort nach Teheran zurück, um ihrer Mutter beizustehen. Ihr Vater sollte gehängt werden. Dann hieß es, er müsse lebenslang ins Gefängnis. Schließlich entließ man ihn nach zwei Jahren unter der Bedingung, sich nie wieder politisch zu engagieren. Bis heute muss er sich zweimal im Jahr bei der zuständigen Behörde melden. Darüber hinaus verhängte man ein lebenslanges Ausreiseverbot gegen ihn.

Als ihr Vater wieder in Freiheit war und sie kurz darauf schwanger wurde, entschloss sich Sara zusammen mit ihrem Mann, der Bauingenieur ist, das Land zu verlassen. Ihrem Kind wollte sie ein Leben unter solch einem System ersparen. Den Traum, als Ärztin zu arbeiten, musste sie aufgeben. Heute lebt sie in Göttingen und arbeitet in einer Apotheke. Sie besucht regelmäßig ihre Eltern in Teheran. Die Hoffnung, dass sich die geliebte Heimat einmal politisch öffnen wird, hat sie gerade angesichts der jüngsten Ereignisse im arabischen Raum nicht aufgegeben.

Informationen zum Beitrag

Titel
Erst kommt Gott, dann der Schah
Autor
Mediya Baker
Schule
Otto-Hahn-Gymnasium , Göttingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.09.2011, Nr. 220, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180