Dornröschen hinter hohen Grenzmauern

Tänzerin

Dass man auf Auslandstourneen ausspioniert und ständig beobachtet wurde, galt als offenes Geheimnis. Die Karriere der begabten Balletttänzerin Kristina Berger verlief in der ehemaligen DDR anders als in der Bundesrepublik.

Langsam biegen, und was sehe ich denn da für Füße, strecken bitte", dringt die klare feste Stimme zu den Tänzerinnen. Der verspiegelte Kellerraum in einem Mehrfamilienhaus in Berlin-Lichterfelde wird wie jeden Montag für Kristina Bergers Schülerinnen zum Ballettsaal. Zehn Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren tanzen in Leggins und Spitzenschuhen zu Tschaikowskis "Schwanensee". Heute erlebt man Kristina nicht nur als strenge und ernste Lehrerin, sondern vor allem als eine zufriedene Frau. Bald wird die 63-Jährige ihre letzte Aufführung mit ihren 150 Mädchen und immerhin zwei Jungs, die sie in Berlin-Steglitz, -Rudow und -Marzahn unterrichtet, inszenieren. Die glänzenden Tage, in denen die quirlige 1,54 Meter große Frau selbst auf der Ballettbühne stand, gehören der Vergangenheit an, aber ihre Leidenschaft zum Tanz ist ungebrochen.

"Lasst uns pflügen, lasst uns bauen, Lernt und schafft wie nie zuvor . . ." Diese Zeilen aus der Hymne der Deutschen Demokratischen Republik gaben den Weg vor, doch Kristina Berger entschied sich für einen anderen, sie tanzte. Schon früh verliebte sich das kleine Mädchen in die zierlichen Ballerinas und träumte davon, genauso schön und elegant zu sein wie sie.

1964 entschied sich die Frohnatur dann gegen den Willen ihres Vaters, die Schule abzubrechen, und widmete sich ganz dem Tanz. "Das hatte ich mir in den Kopf gesetzt." Sie trotzte den kritischen Blicken und den Tuscheleien aus ihrem Heimatdorf Wolfen bei Bitterfeld und ging mit 15 Jahren zum Vortanzen an die einzige staatliche Ballettschule im Osten Berlins - und bestand.

Dort wurde sie zur staatlich geprüften Bühnentänzerin ausgebildet. Dazu gehörte auch der Unterricht in Fächern wie Musik oder Literatur. "Es war zwar eine strenge, aber sehr gute Ausbildung, ein Jazzlehrer kam extra aus dem Westen, um uns zu lehren", betont sie. 1969 wurde sie durch ein Stipendium von 50 Ostmark als Solistin am Staatstheater in Cottbus engagiert. "Das Training war nicht mit dem der Ballettschule zu vergleichen, da die Anforderungen viel höher waren. Abends habe ich mich allein in den Ballettsaal gestellt." Doch die harte Arbeit machte sich bezahlt. Zwei Jahre lang tanzte sie die großen Hauptrollen. Von Klara im "Nussknacker" bis hin zu "Dornröschen". 1971 kam sie als Halbsolistin, also als eine Tänzerin, die kleinere Soli sowie wichtige Nebenrollen tanzt, zum Tanztheater der DDR, das nach einer Gruppenflucht seiner Tänzer auf einer Skandinavien-Tournee neue Darsteller suchte. Die zum Teil eigensinnigen Inszenierungen waren nicht nach ihrem Geschmack. "In Don Quijote musste ich mich auspeitschen lassen", sagt sie und lacht. Sie versuchte ihr Glück daher an der Deutschen Staatsoper, da diese eher konservativ und klassisch ausgerichtet war. "Ich war eigentlich zu klein für das Ensemble. Also musste ich noch mehr arbeiten, um gesehen zu werden."

Durch die Hilfe des Ballettdirektors Claus Schulz, selbst ein kleiner Mann, der ihr Talent erkannte, gelang es ihr, dort aufgenommen zu werden, und so machte die damals 20-Jährige ihre kleinen, flinken Füße zum Markenzeichen. Da die Deutsche Staatsoper der Parteiführung der SED zur Repräsentation diente, wurde sie immer öfter mit politischen Überzeugungen konfrontiert. Selbst hatte das freche, unbeschwerte Mädchen nicht viel damit am Hut, und so prallte sozialistisches Gedankengut an ihr ab, doch, "egal was ich anfing, da hingen diese politischen Sachen dran. Das fing schon damit an, dass jeder wusste, wer der SED angehörte."

Die Zeit war aufregend, denn die Tänzer hatten das Privileg, internationale Tourneen zu machen. Während viele Jugendliche in ihrem Alter höchstens Urlaub in der benachbarten Tschechoslowakei gemacht hatten, war Kristina bereits in Spanien, Italien und Japan gewesen. Doch die Angst der Regierung vor einer Flucht der Tänzer im Ausland war groß. Es wurden stets Beobachter mitgeschickt, um eventuelle Vorkommnisse zu melden. "Das waren Leute, die anscheinend vor Ort nichts Sinnvolles zu tun hatten - dass die uns ausspionierten, war ein offenes Geheimnis." Daran gedacht, selbst zu flüchten, hatte die begabte Tänzerin nie. "Meine Eltern hatten Angst und haben gebettelt, dass ich immer zurückkomme, aber wahrscheinlich wäre ich sowieso zu mutlos gewesen, um zu fliehen", erklärt sie und wirkt nachdenklich.

Doch nicht nur vor den Beobachtern musste sie sich in Acht nehmen. Sogar den eigenen Kolleginnen war nicht zu trauen. Ständig legte Kristina Berger ihre eigenen Worte auf die Goldwaage und durfte sich keine kritische Bemerkung erlauben. "Da war ununterbrochen dieses Misstrauen." Es fiel ihr ungeachtet der engen Zusammenarbeit schwer, wahre Freunde zu finden, denn Ehrlichkeit und Vertrauen fehlten. 1975 bahnte sich der Höhepunkt ihrer Karriere an. In "Coppelia" tanzte sie die zum Leben erweckte mechanische Puppe. Der hallende Applaus des großen Saales galt ihr. "Das war der schönste Moment meiner Karriere."

Da Balletttänzerinnen durchschnittlich gerade einmal bis zu ihrem 35. Lebensjahr aktiv sind, versuchte Kristina Berger sich durch ihre schöne Stimme ein zweites Standbein zu schaffen. Sie absolvierte nebenbei eine fünfjährige Privatausbildung bei dem Kammersänger Kurt Relem. "Ich war sehr glücklich, weil ich noch etwas gefunden hatte, das ich liebte." Doch trotz all der Bemühungen wurde sie nicht in den Chor aufgenommen. Früher habe sie niemals daran gedacht, das alles aufzugeben, dieser Rückschlag traf sie aber so schwer, dass sie die Oper verließ. "Ich war zu tief enttäuscht." Sie musste sich neu orientieren und fand ihre Veränderung als Gymnastiklehrerin bei dem Sportverband TSC-Berlin. Dort blieb sie nur bis zum Mauerfall 1989. "Ich hatte mir meine Existenz neu aufbauen müssen, aber mit der Wende wurde der Verband aufgelöst, und ich stand wieder mit nichts da." Im vereinten Deutschland fasste sie schnell wieder Fuß. Sie fand eine Stelle als Ballettlehrerin und unterrichtet in dem gemütlichen Kellerraum. "Ich habe mein Weggehen von der Deutschen Staatsoper nie bereut. Es ist gut so, wie es gekommen ist, denn ich mache hier das, was mir gefällt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Dornröschen hinter hohen Grenzmauern
Autor
Christiane Ignaczak
Schule
Leonardo-da-Vinci-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2011, Nr. 226, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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