Fort von Folter und Prügeln

Die Sonne brennt unermüdlich auf die Straßen Berlins und erhitzt die Luft über dem Kopfsteinpflaster. Ein Zug fährt mit schrill quietschenden Bremsen in den Bahnhof ein. Sofort springen zwei junge Frauen durch die eben erst geöffneten Türen auf den Bahnsteig. Ohne Gepäck laufen sie die Treppe auf die Straße hinunter. Aufgeregt zählen sie ihre wenigen D-Mark-Münzen, kaufen sich Bananen und zwei Tafeln Schokolade.

Die heute 74-jährige Ruth Wedemeyer aus Erfurt wollte möglichst weit weg von der Frau kommen, die ihre Kindheit und die ihrer Geschwister zerstörte. "Ich war so froh, dass ich die nicht mehr sehen musste." In Künzelsau, einer Stadt in Baden-Württemberg, lebt die kleinere Frau mit lockigem, kurzem Haar mit ihrem Mann zusammen. Von solch einem Leben konnte sie als Kind jedoch nur träumen.

Nachdem Ruth früh ihre Mutter verlor und eine Stiefmutter bekam, schien sich ihr Leben um 180 Grad zu wenden. Täglich gab es Gewalt und Schikanen. "Meine Stiefmutter machte morgens die Brote für die Schule. Mit Butter für meine Stiefgeschwister und mit roter Wagenschmiere für mich und meine Geschwister." Und wenn sie beim Wegschmeißen dieser Brote erwischt wurden, wurde zur Strafe auf sie eingeprügelt. "Wir hatten eine Peitsche aus Hartholz mit acht Riemen. Wir waren immer grün und blau." Der Vater bekam hiervon jedoch kaum etwas mit. Er war "großer Parteigenosse" und somit fast täglich auf irgendwelchen Veranstaltungen. Versuchte man ihm aber davon zu erzählen, so glaubte er nicht, wie seine Frau mit seinen eigenen Kindern umging. "Sie tat immer so scheinheilig." Bei einer Schuluntersuchung entdeckten die Lehrer die vielen Verletzungen an dem zerbrechlichen Körper der Zwölfjährigen. Daraufhin kam sie in ein Heim. "Es war sehr schön dort, ich bekam mein Essen regelmäßig." Um den Beruf der Kinderkrankenschwester zu erlernen, was ihr großer Wunsch war, musste sie mit 15 Jahren zunächst in einer psychiatrischen Klinik arbeiten. Dies brachte eine große psychische Belastung für das junge Mädchen mit sich, manches war einfach zu viel für sie. So weigerte sich Ruth, Verstorbene wegzutragen. Bei solchen Arbeitsverweigerungen drohten ihr Elektroschockbehandlungen und Spritzen, die zum Erbrechen führen.

Bekam sie Besuch von ihrer Schwester, bat sie verzweifelt: "Holt mich hier raus, die bringen mich hier sonst um!" Genau wie ihr Vater hatte auch ihre Schwester eine hohe Stellung in der SED. Im Gegensatz zu diesem tat sie jedoch alles, was in ihrer Macht stand, nahm Ruth bei sich auf und ließ die Verantwortlichen dieser menschenverachtenden Folterungen verhaften. "Ich bin ihr noch heute dafür dankbar."

In Ruth wuchs das Bedürfnis abzuhauen. Mit 18 Jahren fasste sie den Beschluss, in den Westen zu fliehen. Ihre 16-jährige Halbschwester konnte sie nicht zurücklassen. Mehr oder weniger spontan brachen die beiden ohne Gepäck auf. "Wir sind mit dem gegangen, was wir anhatten, einfach weg." Im Zug nahm die Nervosität langsam zu und die Angst, es nicht zu schaffen. Zwar wurde die Flucht in die Bundesrepublik vor dem Mauerbau nicht so hart bestraft, jedoch versuchte man diese durch die Abriegelung der Grenzen zu verhindern. Und das aus gutem Grund. Denn durch die Abwanderung gingen gutausgebildete und dringend benötigte Arbeitskräfte verloren, und Berichte der Republikflüchtlinge legten die tatsächlichen Zustände in der DDR offen.

Auf eine Kontrolle während der Fahrt hatten sich die beiden vorbereitet. Sie entschieden sich vorzugeben, ihre Tante wegen ihres Geburtstages in Berlin besuchen zu wollen. Als sich die Kontrolleure immer weiter in ihre Sichtweite vorarbeiteten, bekam es ihre Halbschwester mit der Angst zu tun. Ruth versuchte sie zu beruhigen: "Du sagst gar nichts, und wenn es rauskommt und sie dich fragen, sagst du, dass ich dich gezwungen habe." Alles ging gut. Nach der Kontrolle versteckten sie sich auf der Toilette, während alle anderen DDR-Bürger in Ost-Berlin den Zug verlassen mussten, der weiter in den Westteil der Stadt fuhr. In dem Moment, als die beiden den West-Berliner Boden betraten, war ihnen noch nicht bewusst, welch ein vergleichsweise unbekümmertes Leben zumindest Ruth dort erwarten wird. Ihre Halbschwester musste aufgrund der Minderjährigkeit kurz darauf wieder zurück in den Osten, da ihr Vater mit der Flucht in den Westen nicht einverstanden war.

Ruth meldete sich bei der Polizei, wo sie auf große Hilfsbereitschaft stieß. Sie bekam eine Unterkunft sowie Arbeit von einer Agentur vermittelt, die zu den Aufnahmelagern gehörte, in denen sie ein Jahr lang lebte. Sie arbeitete in verschiedenen Haushalten, in denen sie sich hauptsächlich um die Kinder kümmerte. Sie reiste viel, lernte aufgeschlossene Menschen und ihre erste große Liebe kennen. "Da habe ich gelebt. Du hast nicht viel nachgedacht, sondern warst einfach glücklich", sagt sie mit einem Lächeln. Heute kümmert sie sich hingebungsvoll um ihren Schrebergarten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Fort von Folter und Prügeln
Autor
Simone Lösch
Schule
Kaufmännische Schule , Öhringen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2011, Nr. 226, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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