Begrenzung

Zug

Am 1. Oktober 1989 steht ein verlassener Koffer in der Bahn. Seit mehr als 30 Minuten ist seine Besitzerin auf der Toilette und auf dem Weg in ein neues Leben. Im Sommer 1989 gewinnt Regina Ferstberger eine Jugendreise nach London. Sie hatte sich beworben bei "Jugendtourist", einer Organisation der FDJ. Von Bautzen geht es über Holland nach London. Im kapitalistischen Ausland angekommen, beginnt eine Sightseeingtour. "Je länger ich in London war, desto sicherer war ich, dass ich nicht zurückkonnte." Das Gefühl, nicht zurückzuwollen, war nicht neu für die damals 21-Jährige. Nach ihrer Schulausbildung an der Polytechnischen Oberschule hatte sie eine Ausbildung als Einzelhandelskauffrau gemacht. "Meine Berufschancen waren sehr begrenzt. Und dann noch das Gefühl, in einem Gefängnis zu leben, bestärkte mich in meiner Entscheidung."

Im jährlichen Sommerurlaub in Ungarn war deutlich geworden, dass es für Regina in Bautzen keine Zukunft gab. Mit Lilli, ihrer gleichaltrigen Cousine, genoss sie die Unbeschwertheit. Auf der langen Heimreise im Trabi, in den sich die Familie quetschte mitsamt Gepäck für zwei Wochen, träumte Regina sich an ihren Urlaubsort zurück. An der ersten Grenzkontrolle zwischen Ungarn und Tschechien war alles noch entspannt. Anders bei der zweiten Grenzkontrolle zwischen Tschechien und der DDR. "Es hat nur noch ein ,Willkommen im Knast' gefehlt!" Ihr Entschluss zu fliehen festigte sich. "Ich lasse mir doch nicht mein Leben vom Staat vorschreiben. Ich bin ein Freigeist. Ich lasse mich nicht verdrehen." In London hatte sie ihr gespartes Geld, fünf Unterhosen und zwei Oberteile in ihre Handtasche gestopft, mehr hat nicht hineingepasst. Mit jedem gefahrenen Kilometer wuchs auf der Rückreise ihre Nervosität. "Nach der Fährüberfahrt stiegen wir in Holland in einen Zug. Ich war der festen Überzeugung, dass jeder sieht, was ich vorhatte." Kurz vor Hannover verabschiedete sie sich von ihrer Reisegruppe mit den Worten: "Ich geh einmal aufs Klo." Doch dort kommt sie nie an. Denn als der Zug hielt, gab es für die schlanke Regina kein Halten mehr. Ohne einen Blick zurück rannte sie quer durch den Bahnhof, bemerkte aber, dass der Zug noch nicht losgefahren war. "Ich hatte Angst, sie würden den Zug wegen mir anhalten." Völlig überdreht ruft sie aus einer Telefonzelle ihren Onkel an. "Das war alles wie ein Film für mich", sagt die heute 41-jährige Mutter von zwei Kindern.

"Mein Onkel holte mich ab, und eh ich mich versah, war ich schon in einem kleinen Dorf bei Hamburg angekommen." Dann folgte ein Behördenmarathon. Bereits nach zwei Tagen konnte sie in ihrem Beruf arbeiten. "Ich bin einfach in die Hamburger Innenstadt gefahren und habe mich in einigen Geschäften vorgestellt." Schon am nächsten Tag stand sie in einem Modegeschäft an der Kasse.

Am Tag nach der Flucht klingelte es an der Tür von Familie Ferstberger in Bautzen. Zwei uniformierte, sehr ernste Männer teilten den Eltern mit, dass ihre Tochter vermisst werde. Die Eltern zeigten sich überrascht, denn eine Mitwisserschaft hätte sie ins Gefängnis bringen können. "Natürlich waren meine Eltern eingeweiht. Anfänglich waren sie nicht begeistert und wollten mich nicht fahren lassen. Doch was sollten sie machen, ich war schließlich volljährig." Kurz nach Reginas Flucht fiel die Mauer, und ihre Cousine Lilli konnte zu ihr in eine gemeinsame Wohnung ziehen. "Das war eine tolle Zeit. Wir haben unsere Freiheit genossen und viele neue Freunde kennengelernt." Einer davon war Jörn, mit dem Regina glücklich seit 17 Jahren verheiratet ist. Da er aus der Nähe von Hamburg kommt, kam eine Rückkehr nach Bautzen nie in Frage.

"Ich hatte Glück, dass die DDR vorher schon Schwierigkeiten hatte und man sich weniger um die Flüchtlinge kümmerte. Sonst wäre es für meine Familie nicht so gut ausgegangen." Fluchthelfer wurden in der DDR fast genauso hart bestraft wie Flüchtlinge. Verhöre und Gefängnisstrafen waren keine Seltenheit.

Informationen zum Beitrag

Titel
Begrenzung
Autor
Jennifer-Christin Boldt, Kim Kölln
Schule
Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium , Quickborn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2011, Nr. 226, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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