Der achte Mann stochert wie wild im Neckar

Spätsommer in Tübingen: Studenten tummeln sich an der Neckarmauer. Unter der Brücke am Fluss taucht ein hölzerner Kahn auf, in dem ein fröhliches Grüppchen das Panorama von Altbaufassaden und Platanenallee genießt. Am Heck des Bootes steht ein Mann, der einen langen Holzstab gekonnt ins Wasser gleiten lässt und die Fahrtrichtung bestimmt. Stocherkähne sind aus dem sommerlichen Stadtbild nicht wegzudenken.

Für die Kahnbesitzer beginnt die Saison im Frühjahr, wenn die Boote wieder flottgemacht und gestrichen werden müssen. Dann ist Rudolf Raidt, Tübingens einziger Stocherkahnbauer, ein gefragter Berater in Reparaturund Pflegefragen. "Es gibt viele, die haben 'nen Kahn und keine Ahnung, was sie damit machen müssen", sagt der dunkelhaarige 30-Jährige. "Manche machen viel zu viel dran, so dass es dem Kahn schon schadet, andere machen zu wenig oder Falsches. Während einige Bootsbesitzer zu viel Farbe auftragen oder aus Übereifer beim Reparieren den Anstrich abschleifen, ignorieren andere den schlechten Zustand ihres Kahns und schmieren über verdreckte Außenwände einfach eine weitere Farbschicht." In solchen Fällen bietet der Zimmermannmeister seine Hilfe an: "Ich fühl mich da verantwortlich als Hersteller."

Das Schicksal seiner Boote verfolgt Raidt genau. Alle sind in Tübingen im Einsatz, denn nur hier gibt es genau diese Art von Stocherkähnen. Ähnliche Gefährte jedoch, die sich aus ursprünglichen Arbeits- und Lastenkähnen entwickelt haben, sind in der ganzen Welt verbreitet. In Tübingen wurde die Urform des Arbeitskahns durch Studenten abgewandelt. "Es ist was anderes, ob man Kartoffeln und Kühe transportiert oder ob man sonntags mit gut gekleideten Menschen fährt", erklärt Raidt und zieht die Krempe seines braunen Filzhuts tiefer ins Gesicht. Inzwischen stehen Gemütlichkeit, Sicherheit und natürlich der Spaßeffekt bei der Kahnnutzung im Vordergrund. Die Kahnfahrer sitzen auf komfortablen Holzbänken, gleiten lautlos übers Wasser und können sich entspannt zurücklehnen, um den gelben Hölderlinturm zu betrachten.

In der staubigen, von Holzspänen übersäten Werkstatt des Bootsbauers ruhen auf Brettergerüsten drei unfertige Kähne. Wie glänzende Fischleiber wirken sie, der erste Anstrich ist schon erfolgt. Durch die Trockenzeiten der Farbe dauert die Herstellung eines Kahns insgesamt länger als 14 Tage: "Manchmal kann ich an einem Tag nur zwei Stunden dran schaffen und muss dann warten, bis die Farbe trocken ist", berichtet Raidt. Er machte eine Sonderprüfung zum Bootsbauer an der Handwerkskammer Tübingen und spezialisierte seinen Betrieb, mit dem er sich nun selbstständig machte, auf Stocherkähne. "Stocherkähne an sich sind so was Spezielles - man kann sich nicht beibringen lassen, die zu bauen." Deshalb versuchte er sich zunächst an einem Miniaturmodell von 50 Zentimeter Länge: "Da hab ich einfach mit Resthölzern was zusammengenagelt, um eine räumliche Vorstellung zu haben." Aus dem Modell leitete er einen Bauplan ab und setzte ihn in Originalgröße um. Das Boot, das damals entstand, schwimmt heute immer noch und wurde vom Stocherkahnverein übernommen. Weitere Kähne folgten, die auf Bestellung angefertigt und an die Wünsche des zukünftigen Besitzers angepasst werden: Wer von einem Familienkahn träumt, erhält einen geräumigen, breiten Nachen, Verehrer von Rennkähnen bekommen dagegen kleinere, schnittige Varianten. "Ich lerne jedes Mal, wenn ich einen Kahn baue, was Neues - denn jedes Boot ist anders." Inzwischen läuft das Geschäft so gut, dass Raidt fast ausschließlich Kähne herstellt. Während seine Werkstatt in Hirschau, einem Dorf bei Tübingen, gebaut wurde, plazierte er vor der Baustelle ein Schild mit der Aufschrift "Hier entsteht die neue Tübinger Kahnwerft". "Da wundern sich die Leute natürlich, dass es hier mitten in Baden-Württemberg eine Werft gibt." Die Konkurrenz ist fern: Nur ein Hersteller in Österreich und einer im Rheintal bauen Stocherkähne.

Wer in Tübingen einen Kahn erwerben will, muss sich auf einer Warteliste eintragen lassen und darauf hoffen, dass eine der 130 vergebenen Nummern, die zum Besitz eines Bootes berechtigen, frei wird. So soll Gedränge auf dem Fluss verhindert werden. Ein Höhepunkt ist im Juni das Kahnrennen auf dem Neckar, bei dem mehr als 50 Mannschaften um Preise für Schnelligkeit, aber auch für die originellste Kostümierung kämpfen. So treten Gruppen mit rosa Ballettröckchen, roten Capes oder Badekappen bekleidet an, um den Kostümpreis - ein Spanferkel - zu erringen. Die schnellste Mannschaft gewinnt ein Fass Bier. Auch für die Verlierer ist gesorgt. Um die Schmach einer weiteren Niederlage zu vermeiden, "dürfen" sie im nächsten Jahr pausieren und die Organisation des Rennens übernehmen. Damit nicht genug: Jeder Insasse des letzten Bootes kommt in den Genuss von einem halben Liter Lebertran, der bei der Pokalvergabe vor versammeltem Publikum getrunken werden muss. Dank dieser Aussicht wird beim 2,5 Kilometer langem Rennen erbittert um die vorderen Plätze gekämpft. Von den acht Leuten jeder Mannschaft versuchen sieben durch Paddeln mit den Händen das Boot zu beschleunigen, während der achte Mann stochert. Berüchtigt ist der Engpass zwischen Neckarbrücke und Neckarinsel, wo die meisten Stürze zu beobachten sind. Hier scharen sich neben dem Zieleinlauf die meisten der bis zu 20 000 Zuschauer.

Informationen zum Beitrag

Titel
Der achte Mann stochert wie wild im Neckar
Autor
Lea Aupperle
Schule
Paul-Klee-Gymnasium , Rotteneberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2011, Nr. 231, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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