Ein bisschen wie in einem James-Bond-Film

Nur Fallschirmspringer wissen, warum Vögel singen." So lauten verheißungsvoll große, schwarze Lettern auf dem Torbogen des Flugplatzes Niershorst bei Grefrath, 40 Autominuten von Düsseldorf entfernt. Ein sonniger Freitagmorgen kündigt sich an. Keine Wolke ist zu sehen. Der perfekte Tag für den Fallschirmsport. Philip Straub will heute seinen ersten Tandemsprung wagen. "Das muss man mal gemacht haben", sagt der 19-jährige Schüler aus Aachen voller Vorfreude.

Gleich hinter dem Zaun liegen die riesen Hangarhallen, an deren Rand eine Wiese den mehr als zehn Flugzeugen des Vereins als Rollfeld dient. Die meisten Menschen tragen hier blaue Overalls und machen gymnastische Übungen. An einer Holzhütte meldet sich Philip bei einer Frau an, deren blonder Pferdeschwanz aus ihrer Baseballkappe wippt. Philip liest den Anmeldebogen und gerät leicht ins Zögern. "All die potentiellen Verletzungen und Risiken eines Sprunges aus vier Kilometer Höhe dämpfen meine No-risk-no-fun-Mentalität ein wenig", sagt er und setzt dann trotzdem seine Unterschrift unter das Dokument. "Schließlich bin ich jetzt hier, und dann zieh' ich das auch durch."

Er muss noch etwas warten, beobachtet die startenden Propellermaschinen. Einen Moment später segeln schon - wie aus wahrhaft heiterem Himmel - die ersten bunten Schirme herab. Ein amüsantes Schauspiel. Nervös ist hier noch keiner. Vor den Toren einer geöffneten Gerätehalle steht eine Gruppe von Springern, die von einem Englisch sprechenden Mann unterwiesen werden. Der muskulöse Mann, rundum tätowiert, stellt sich als Steve vor, sein Tandempartner. Seine nette, lockere Art macht es Philip leicht, Vertrauen zu ihm zu fassen. Der 32-jährige Schotte wird demnächst nach Australien oder Neuseeland gehen, später dann nach Indonesien und Hawaii, um dort als Fallschirmlehrer zu arbeiten. Auf die Frage, wie viele Sprünge er denn verbuchen kann, legt er die ledrige Stirn in Falten: "Well, more than 3200."

Zuerst hilft er Philip in einen Overall, dann schnallt Steve ihm das Hängegurtzeug um Oberschenkel und Oberkörper. Lederkappe und Brille werden anprobiert, bevor Steve die Haltung für den Sprung erklärt. "Einem Vollprofi legt man gerne die Verantwortung in die Hände, besser gesagt, auf den Rücken", freut sich Philip und schaut Steve zu, wie er sich den kaum schulranzengroßen Fallschirmrucksack aufschultert. Daran soll in Kürze das Leben beider hängen. Eine Propellermaschine des Modells Cessna naht. Es riecht nach Maschinenöl.

Aus der Seitentür der Sportmaschine wird eine weiße Treppe heruntergelassen. Jetzt wird es ernst. "Wie in einem James-Bond-Film kommt man sich vor, wenn man so geduckt über die Rollbahn zum Flugzeug läuft, die Haare wild herumflattern und man Befehle des Piloten befolgt", sagt Philip später. Man quetscht sich zusammen mit den anderen sechs Springern auf den bebenden Boden der Maschine, Körper an Körper. Die Luft schmeckt hier nach Gummi und Schweiß. Wie in einer Sardinenbüchse fühlt sich das an. Der Boden vibriert zunehmend. "Hoffentlich fliegt das Ding nicht in die Luft", meint ein Springer und blickt argwöhnisch in Richtung Cockpit. "Doch", missversteht absichtlich ein anderer diese Befürchtung und zwinkert ihm ausgelassen zu, als die Maschine abhebt und einen 15-minütigen Steigflug angeht. Er soll die Springer auf vier Kilometer Höhe manövrieren. Schweigen herrscht während des Fluges. Alle blicken hingerissen aus den kleinen Fenstern: Die Kirchtürme, Wohnsiedlungen und Straßen werden kleiner, die Windkraftanlagen sind nur noch als weiße Zahnstocher zu erkennen.

Die Höhenmesseruhr zeigt 1800 Meter an. Noch nicht einmal die Hälfte. Schlagartig wird Philip klar, was da noch über ihm liegt. Da muss er gleich runterspringen. "Wahnsinn!" Acht Minuten später ist die Anspannung nun doch zu spüren. "Warum mache ich das eigentlich?", fragt ein Mitspringer seinen Lehrer und rauft sich die Haare. Doch die Frage ist hinfällig, jetzt geht alles ganz schnell. Man merkt, wie das Flugzeug schlagartig den Motor drosselt. Es wird noch einmal gebrüllt, worauf zu achten ist, doch der Motorenlärm macht die Kommunikation so gut wie unmöglich. Dann werden Philip die Lederkappe und die Fliegerbrille aufgesetzt, die Justierungen ein letztes Mal geprüft, die Flugzeugklappe wird geöffnet, und schon stürzen sich die ersten Solospringer in das minus fünf Grad kalte Nichts unter ihnen. Steve klopft Philip auf die Schulter. "Enjoy" wünscht er noch, bevor die beiden es bei "Ready, steady, go, have fun!" den ersten nachmachen und sich aus dem Flugzeug stürzen.

Es bleibt irgendwie keine Zeit mehr, Angst zu haben. Mit einer Geschwindigkeit von mehr als 200 Stundenkilometern und 50 Sekundenmetern rast Philip dem Erdboden entgegen. Die Luftmassen, die ihm dabei entgegenschlagen, lassen ihn fast das Atmen vergessen. Ein Adrenalinstoß nach dem anderen jagt durch seinen Körper. So fühlt sich wahre Freiheit an. Hier und Jetzt. Keine Vergangenheit. Keine Zukunft. Einfach nur hier. Mittlerweile hat Philip seine Arme ausgebreitet und fliegt wie ein Vogel der Welt unter sich entgegen. Was für ein fantastisches Gefühl. Nach gefühlten 30 Sekunden ist es aber vorbei. "Viel länger hätte ich es auch nicht ausgehalten", sagt Philip nach der Landung. Über sich hört er das Piepen der Höhenmessuhr, das Signal zum Fallschirmziehen. Hoffentlich geht jetzt alles gut. Schlagartig wird Philip wieder bewusst, dass Steve ja noch an seinen Rücken gebunden ist. "Klack". Ein ruckartiges Abbremsen auf zehn Meter in der Sekunde, als Steve die Reißleinen zieht und die beiden Tandempartner hart abbremst.

Entspannt kreisen sie nun über den Feldern vor Grefrath. In der Ferne die Autobahn mit den Autos, die sich wie Spielzeuge im Miniaturwunderland fortbewegen. "Das rege Treiben da unten war kaum wahrzunehmen und geradezu lächerlich angesichts dieser ungeheuren Welt um uns herum", schwärmt Philip nachher.

So langsam kommt der Boden näher, Steve dreht ein paar Schleifen und steuert dann ein nahe liegendes Feld an, das neben dem Hangar liegt. Nur noch 40 Meter ... 20 Meter ... 10 Meter. Beide ziehen ihre Beine mit aller Kraft nach oben und landen sanft mit dem Gesäß zuerst auf einer Wiese. "Nachdem wir nun gefallen sind, fallen gleichzeitig auch eine Menge Steine vom Herzen", verschafft Philip seiner Erleichterung Raum. Noch immer zitternd, vielleicht vor Anspannung, vielleicht vor Erschöpfung, vielleicht vor Freude, wird der Schüler von Steve entlassen. "Keep smiling", gibt Steve ihm noch mit auf den Weg und zwinkert ihm zu, als er sich grinsend auf den Weg zum Gelände macht, um seine Urkunde abzuholen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein bisschen wie in einem James-Bond-Film
Autor
Fabian Schulze
Schule
Wierling Inda-Gymnasium , Aachen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2011, Nr. 231, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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