Made in Germany


Schlange, Türsteher, Ausweischeck und los. Ein ähnliches Szenario wie vor dem Betreten eines angesagten Clubs spielte sich vor mehr als 50 Jahren vor dem Scotch Club Aachen ab. 1959 bugsierte man sich durch eine wesentlich kürzere Schlange und stellte sich der strickten Kleiderkontrolle des Portiers, der statt der Personalien Krawatte und Petticoat prüfte. Während heute sogar in Spielcasinos die Kleiderordnung zunehmend lockerer wird, konnte man sich damals bei nicht entsprechender Robe gleich wieder auf den Heimweg machen. Auch Udo Lindenberg und Frank Elstner mussten gehen, da ihnen ohne Krawatte der Eintritt verwehrt wurde, wie der erste Discjockey Heinrich mit einem Lachen berichtet.

1941, 18 Jahre vor der Geburtsstunde der Diskothek, erblickt DJ Heinrich alias Klaus Quirini das Licht der Welt. Der, wie man in Aachener Mundart sagen würde, "Öcher Jong", also Aachener Junge, besuchte das Einhard-Gymnasium, wo man ihm seine Linkshändigkeit gemäß der damals konventionellen, autoritären Methoden austreiben wollte. Der Wechsel auf die Montessori-Schule ermöglicht Quirini ein unbefangenes Schreiben mit links und erwies sich als prägend für seine Schuljahre. "Sie hat mir das Leben gerettet", sagt er, und in seiner Stimme liegt eine bedeutende Schwere, während sein Blick zu einem Bild Maria Montessoris wandert, das erhöht und gut sichtbar im Eingangsraum seines Wohnhauses im Aachener Stadtteil Brand plaziert ist.

In Quirinis Ausbildung folgt der Besuch einer Kaufmännischen Handelsschule und die Lehre in einem Pressebetrieb, die ihn zu dem machen, was er ganz zu Beginn war: Journalist. Ein Mann, der weiß, wie man schreibt und wie man spricht, um Menschen gut zu unterhalten, was er bis heute nicht abgelegt hat. Diese Fertigkeit kam ihm auch im Scotch Club zugute.

Dieses Lokal am Dahmengraben 16 in Aachen genügte als Speiselokal nicht den Anforderungen des gehobenen Publikums. Daher setzte der österreichische Besitzer Franzkarl Schwendiger auf Musik. Die Problematik der üblicherweise in der Gastronomie zur Unterhaltung engagierten Live-Bands, so sagt Quirini, sei gewesen, dass immer wieder einzelne Musiker ausfielen und ein Zusammenspiel nicht mehr möglich gewesen sei. Ganz abgesehen davon, dass eine Band sehr viel kostete. So entstand die Idee, Schallplatten einzusetzen, die zunächst von einem Opernsänger aus Köln aufgelegt wurden. Der Sänger scheiterte jedoch. "Ihm gelang es einfach nicht, den gewissen Schwung in die tote Musik zu bringen." Für frischen Wind sorgte dann bei der Eröffnung der Jungjournalist Klaus Quirini mit seiner ersten Moderation: "Meine Damen und Herren, wir krempeln die Hosenbeine hoch und lassen Wasser in den Saal, denn ein Schiff wird kommen mit Lale Andersen." Im Rückblick sagt Quirini, dass das der Durchbruch gewesen sei.

Die Jockey-Tanz-Bar war gegründet. Zwar gab es schon Discjockeys im Radio, aber direkt neben der Tanzfläche war Klaus Quirini der erste. Der schmale, 65 Kilo leichte und 1,90 Meter große Mann stand an einem gewaltigen Schweizer Plattenspieler und hielt mit einem Shure-Mikrofon den Stimmungspegel. Wenn er sang, wenn er sprang, dann sang und sprang das Publikum mit ihm. Seine Laune riss den ganzen Saal mit. Dieser Einsatz zahlte sich auch finanziell aus. "Ich verdiente 800 Mark im Monat", sagt Quirini und gibt zu verstehen: "Das war eine Menge Geld damals."

Tatsächlich waren 800 deutsche Mark sehr viel Geld für eine Vielzahl von Menschen in den sechziger Jahren, aber vor allem für einen jungen Mann von gerade einmal 19 Jahren, dessen Abhängigkeit von den Eltern erst mit der Volljährigkeit im Alter von 21 enden würde. So ließen ihn die Eltern zwar großzügig Abend für Abend bis mindestens 3 Uhr morgens in der Früh angeheitert zu "Rock Around the Clock" von Bill Haley & His Comets oder zu Hits von Elvis Presley plaudern, doch, zu Quirinis Enttäuschung, nicht unter dem eigenen Namen.

Die Platte "Oh, Heinrich" von Trude Herr war von nun an bezeichnend für den DJ aus dem Scotch Club, dem seine Ehefrau Helga, die er liebevoll "Entchen" ruft, vielleicht sogar das eine oder andere Mal gesungen hat: "Aber alle Leute, die beneiden mich. Oh, Heinrich, denn ich hab' ja dich." Sie war auch der Grund, warum er sich freute, frühmorgens nach Haus zu kommen, denn schon damals mit ihr liiert, hatte er "kein Interesse an anderen Frauen".

Es ist eine Ehe, die bis heute gehalten hat, jedoch keine, deren Anfänge im Scotch Club liegen, wie so viele andere Beziehungen. Kein Wunder, denn es war der Treffpunkt für alle. Sogar die Jüngeren kamen auf ihre Kosten, wie sich Zeitzeugin Carla Schwartz, die heute in Neuss lebt, erinnert: "Die Eltern wollten uns meist nicht mitnehmen, und als der Scotch Club aufmachte, das war eine neue Freiheit. Sonntags um 16 Uhr durften auch die unter 16-Jährigen kommen." Die Versicherungskauffrau und ihr Ehemann Severin Fleu erinnern sich gerne an ihre Jugend, in der der Scotch Club, dessen Pforten noch bis 1992 offen standen, eine große Rolle spielte. Doch auch sie haben sich anderweitig und erst später kennengelernt: "Wir haben wohl aneinander vorbeigetanzt", scherzt Fleu, der ehemals bei der Bauaufsichtsbehörde in Düsseldorf angestellt war. Kein Wunder, bei dem grandiosen Rock-'n'-Roll-Tänzer Heinrich und den zahlreichen Twist-Wettbewerben, die die jungen Leute unter sich veranstaltet haben.

Ins Schwitzen geriet dabei der eine oder andere ganz sicher, doch die meisten mussten mit einem Getränk am Abend auskommen. "Bier für 1,60 DM, das konnte man sich gerade so leisten, und da wir Mädchen gar kein Bier mochten, nippte man daran auch den ganzen Abend", erinnert sich Carla Schwartz. Es kam nicht darauf an, um Spaß zu haben.

"Die Droge war die Musik", sagt Quirini. Es macht ihn stolz, Teil der "genügsamen und lebensfrohen Nachkriegsgeneration zu sein". Da war es auch nicht weiter tragisch, wenn man nicht bei den dort auftretenden Gästen wie Thomas Gottschalk, Vic Dana und Co. einen Sitzplatz ergatterte, denn Sitzplätze waren etwas teurer. Allerdings waren diese Gäste damals bei weitem nicht so prominent, wie sie es heute sind. Wer knapp bei Kasse war, blieb hinter einer gitterähnlichen Abtrennung in der Nähe der Bar. "Denn an der Bar musste man kein Gedeck nehmen, wie an den Tischen, wo man immer zwei Getränke nehmen musste. Bier und Schnaps, Cola und Wodka oder Ähnliches", erklärt Carla Schwartz und kramt noch eine weitere Erinnerung hervor: "Die Jungens, die Geld hatten, für die gab es wie in Schottland ein eigenes Fach, wo ihr Whiskey deponiert wurde", sagt sie lachend und spielt auf das schottische Flair des Clubs an.

Die Einrichtung war aus dunklem Holz, die Polster aus dem typisch schottischen Karomuster, was damals als schick galt. "Dagegen waren die Amerikaner eingerichtet wie ein Wald", spottet der immer noch im Musikgeschäft tätige Quirini. Erstaunlich, dass Deutschlands Scotch Club den Staaten damals einen Schritt voraus war. New York: die Stadt, die niemals schläft, und Aachen: die Stadt die niemals schlief. Mit Stolz halten wir fest: Die Discothek war made in Germany.

Informationen zum Beitrag

Titel
Made in Germany
Autor
Conny Förster
Schule
Inda-Gymnasium , Aachen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2011, Nr. 237, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180