Volles Programm

Als ich anfing, habe ich hier als Allererstes ein Loch in die Wand geschlagen", sagt Christoph Scheungraber und betritt durch ebendieses den Vorführraum seines Kinos in der nordsächsischen Kreisstadt Torgau. In schwarzem Pullover und heller Cordhose steht er am Projektor, hinter dem sich Filmdosen und Kisten von Trailern stapeln. Scheungraber ist Mitte 40, trägt Dreitagebart und seine braunen Haare kurz. In den Vorführraum der Filmbühne gelangte man bis vor wenigen Jahren nur über die Straße und ein separates Treppenhaus. Grund dafür waren die Projektoren, in denen Lampen auf der Grundlage von Kohlestäben eingesetzt wurden. Diese Technik erzeugte zwar helles Licht, war dafür aber leicht entzündlich, so dass kein direkter Durchgang vom Foyer zum Vorführraum möglich war.

Einer der beiden Projektoren stammt zwar noch aus DDR-Zeiten, aber den anderen brachte Kinobesitzer Scheungraber zu seiner Übernahme im Jahre 2004 mit ins Haus - genau wie die Digitaltonanlage. Der einzige Saal hat 260 Plätze. Die Sitze im Parkett sind mit braunem Stoff überzogen. Die Wände sind mit grünem Stoff behangen, die Eingänge zu den Toiletten befinden sich direkt im Raum.

Das Foyer ist gelb gestrichen und mit Bildern von Schauspielern geschmückt: Oliver Hardy, Stan Laurel, Dean Reed und Kollegen. Es ist Ticketschalter, Bar und Büro in einem. Hinter dem Tresen sitzt Scheungraber lässig und gut gelaunt. Auf dem Spielplan steht heute erst ein Kinderfilm, dann die Verfilmung eines schwedischen Krimis und zur Hauptzeit dann eine Künstlerbiographie.

Scheungraber regelt den gesamten Kinobetrieb alleine, vom Erstellen der Programme über das Einlegen der Filme bis hin zum Aufräumen. "Ohne Spaß daran zu haben, kann man das nicht machen." Der Hesse und ehemalige Bankangestellte kam 1990 mit der Commerzbank nach Torgau und spielte lange mit der Idee, ein Kino zu betreiben. Die Sparkasse hatte neben der Filmbühne ein neues Bankgebäude errichtet und die angrenzende Immobilie gekauft. Sie wurde weiterverpachtet, wechselte mehrmals den Betreiber, bis die Vorführungen schließlich ganz eingestellt wurden. Scheungraber renovierte das Foyer, erneuerte Toiletten und Technik. Seine Filmauswahl trifft er meist nach Bauchgefühl. Wenn er einen Film zum Bundesstart einsetzen möchte, muss er diesen verpflichtend drei Wochen lang in einem Saal zeigen. "Im Multiplex rutscht der in den kleinen Saal, da ist das egal, hier hab ich den drei Wochen an der Backe. Das geht nur bei so was wie Bully oder Ice Age. In der ersten Woche läuft der brillant, in der zweiten dümpelt der vor sich hin, und in der dritten geht's kaum noch." Die Filme laufen deshalb meistens erst einige Wochen nach dem Starttermin. An der deutschen Kinolandschaft schätzt er aber deren große Vielfalt. "Da geht die Spanne vom kleinen Heini, wie ich einer bin, bis zum 18-Saal-Kino in der Großstadt. Das sollte man erhalten. In Amerika ist das nicht so, da teilen sich drei, vier Ketten alle Kinos auf."

Das Kino hält er allein sauber. Getränke und Süßigkeiten sind ein wichtiger Bestandteil seiner Einnahmen, auf die er nicht verzichten kann. "Mit zehn Kindern verdiene ich mehr als mit 20 Rentnern." Heute hat er wieder weniger zu tun. Zum Kinderfilm kommt niemand, den Krimi schaut ein Zuschauer. Bevor er den Film trotzdem anlaufen lässt, betätigt er noch einen Schalter. "Das ist der Originalgong von 1939. Das lass ich mir nicht nehmen." Für den einen Zuschauer im Saal beginnt die Vorstellung. Zur Abendaufführung kommen glücklicherweise noch einmal mehr als 20 Besucher.

Informationen zum Beitrag

Titel
Volles Programm
Autor
Robert Gruhne
Schule
Sächsisches Landesgymnasium Sankt Afra , Meißen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2011, Nr. 237, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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