Irische Schätze überlebten in der Schweiz

Römer

Von außen erscheint das vierstöckige Klostergebäude eher unscheinbar. Aber in einem Flügel befindet sich eine der bedeutendsten Sammlungen von Büchern und Handschriften in Europa. Das Kloster in St. Gallen, zu dem die Stiftsbibliothek gehört, wurde im Jahr 719 nach Christus am Ort, wo sich der irische Wandermönch Gallus rund 100 Jahre zuvor niedergelassen hatte, gegründet. Das Kloster wurde bekannt durch seine Literaturschätze und seine Kultur. Man sprach von "St. Gallen, Erzieherin Alemanniens" oder "St. Gallen, Wiege der deutschen geschriebenen Sprache".

Die Stiftsbibliothek darf nur mit Filzpantoffeln betreten werden. Das Licht ist gedämpft, und der glänzende Tannenholzboden knarrt bei jedem Schritt. Stimmengewirr erfüllt den hohen Raum mit den kunstvollen Deckenmalereien. Hier und dort steht eine Gruppe, die an einer Führung teilnimmt. Eine dieser Führungen leitet Maria Hufenus. Die lebhafte Frau mit kurzen grauen Haaren ist eine waschechte St. Gallerin und macht ihre Arbeit mit viel Enthusiasmus. "Das Besondere an der Bibliothek in St. Gallen ist, dass hier 1300 Jahre Geschichte an einem Ort komplett beisammen sind", sagt die selbständige Stadtführerin, die Geschichte und Kunstgeschichte studiert hat. Würde man im Vatikan alle Bücher aneinander reihen, gäbe das eine Strecke vom 100 Kilometern. In St. Gallen ergäbe das nur eine drei Kilometer lange Bücherreihe - aber die Bücher St. Gallens sind viel wertvoller und älter. Viele davon sind an Ort und Stelle entstanden. Darum ist die Bibliothek auch Unesco-Weltkulturerbe. "Andere Bibliotheken Europas sind oft Sammelbibliotheken, das heißt, dass die Bücher nur gesammelt, gekauft und gestohlen wurden."

Auf halber Höhe gibt es eine Galerie, sodass man auch an die oberen Bücher gelangt. Fast alles ist aus Holz, das schafft eine warme, gemütliche Atmosphäre. Die wichtigsten Bücher sind in Glasvitrinen ausgestellt. In einer diesen Vitrinen befindet sich ein vergilbtes, kleines Buch mit Löchern in den Seiten. Der Abrogans gilt als das älteste erhaltene Buch in deutscher Sprache. "Im 8. Jahrhundert war die Sprache der Kirche und somit der Wissenschaft Latein. Die schwierigsten Wörter, die die Schüler im Kloster sich nie merken konnten, wurden in Glossaren gesammelt. Ein Glossar ist eine Liste von Wörtern mit deren Bedeutung oder Übersetzung. Eines dieser Wörterbücher ist der Abrogans."

Viel größer ist ein riesiges, 27 Kilo schweres Chorbuch etwa aus dem Jahr 1560, das vierstimmige Gesänge enthält, was damals eine Neuheit war. "Hier befindet sich die älteste Musikhandschrift der Welt, von etwa 900 nach Christus, wir haben das Buch mit der schönsten Schrift der Welt und auch die ältesten Meßgesänge. Das ist eigentlich noch lustig, weil vor etwa 1000 Jahren die italienischen Geistlichen geglaubt haben, dass wir Alpenbewohner mit unserem rohen Körperbau gar nicht in der Lage seien, Meßgesänge wie der gregorianische Choral schön zu singen." Trotzdem wurde dann St. Gallen ein Zentrum für den gregorianischen Choral.

Die Historikerin führt die Gruppe in den Keller. An den kahlen Wänden hängen Kopien von Seiten der wertvollen Bücher. Einige Abbildungen zeigen farbige Ornamente. Sie gehören zu Büchern aus Irland. "Wir besitzen nicht nur älteste Textzeugen der deutschen Sprache, sondern auch die älteste irische Poesie der Welt." Irische Missionare die auf dem Kontinent missionierten, übernachteten und lebten bevorzugt in Klöstern mit irischen Gründern. So kamen irische Bücher nach St. Gallen. Und als die Wikinger in England und Irland einfielen und alle Kulturgüter der Iren zerstörten, überlebten die Schätze in St. Gallen. Maria Hufenus erzählt, dass sie einmal ein englisch sprechender Herr gefragt habe, warum. "Ich habe dann geantwortet: "Because we were not important! Weil wir Schweizer oder insbesondere St. Galler politisch nicht wichtig waren und somit während Kriegen nicht so schnell ausgeplündert oder zerbombt wurden."

Informationen zum Beitrag

Titel
Irische Schätze überlebten in der Schweiz
Autor
Daniel Laumer
Schule
Kantonsschule , Limmattal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2011, Nr. 243, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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