Über die Grenze

Limes

"Man steht in der Natur und sieht nichts", sagt Limes-Cicerone Manfred Baumgärtner, der Wanderer auf den legendären römischen Weg führt. Denn das Wesentliche ist hier für das Auge unsichtbar.

Da drüben bei dem Fußballplatz ist der letzte nachgewiesene Turm, dann verschwindet der Limes", sagt Manfred Baumgärtner und zeigt in Richtung Nordwesten. Mit sechs geschichtsinteressierten Wanderern steht der charismatische Limes-Cicerone auf dem Limeswachturm bei Lorch in der Provinz Obergermanien. "Diese Holzbohlenbauweise sieht aber mehr nach Arizona und Wilder Westen als nach Römern aus", sagt Baumgärtner über die 1969 errichtete acht Meter hohe Wachturm-Rekonstruktion aus mahagonifarbenem Eichenholz. Der Fremdenführer im khakifarbenen Wanderhemd deutet auf einen etwa fünfzig Meter entfernten Grashügel: "Wahrscheinlich ist der Limes dort auf der Anhöhe verlaufen. Aber so genau weiß das niemand." Auf Spurensuche nach den Römern führt die vierte Etappe der Limesstafette 2011 die Gruppe von Lorch nach Schwäbisch Gmünd, zwölf Kilometer am obergermanisch-Raetischen Limes entlang. Es geht durch Wälder und Täler, vorbei an grünen Wiesen. "Eigentlich laufen wir der Fantasie hinterher", schmunzelt der ausgebildete Fremdenführer Baumgärtner. "Der Limes ist ein reines Bodendenkmal. Man steht in der Natur und sieht nichts."

In Baden-Württemberg liegen siebzig Prozent des Unesco-Weltkulturerbes Obergermanisch-Raetischer Limes unter der Erde. "Das Entscheidende ist die Vermittlung der Geschichte des Limes", sagt Baumgärtner. "In Deutschland gibt es für 550 Kilometer Limes nur vier Limesbeauftragte, die Geld für ihre Arbeit bekommen. Am Hadrianswall in England sind es zwanzig, und der ist nur 113 Kilometer lang", empört sich der Ingenieur für Oberflächentechnik. Von Rheinbrohl bei Aachen bis Eining im Bayrischen Wald, am ganzen Limes sind die Cicerones ehrenamtlich tätig. In einer achtzigstündigen Ausbildung erfahren sie nicht nur Genaueres über die römische Geschichte, die Wirtschaft und das Leben im Römischen Reich. "Wie führe ich eine Gruppe durch den Wald und durchs Museum?" Nur wer sich auch mit dieser Frage überzeugend beschäftigt hat, darf sich seine Kenntnisse vom Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg in Lindau attestieren lassen. Die geprüften Limesführer in Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern haben einen Cicerone-Ausweis.

Manfred Baumgärtner hat den Verband der Limes-Cicerones gegründet. 2005 hat das Landratsamt des Ostalbkreises in einer Anzeige nach geschulten Fremdenführern am Limes gesucht. Das Ehepaar Baumgärtner machte die Ausbildung. "Eigentlich wollten meine Frau und ich nur mal was Gemeinsames machen", sagt der dunkelhaarige Mann mit den grauen Bartstoppeln lachend. Mögglingen, sein Heimatdorf im Ostalbkreis, liegt selbstverständlich am Limes. Heute hat der Verband rund 130 Mitglieder entlang des obergermanisch-rätischen Grenzwalls. "In Ungarn sind sie auch an unserem Konzept interessiert." Und den Engländern sei es unbegreiflich, dass ein solches Netzwerk basierend allein auf ehrenamtlichem Engagement aufgebaut werden konnte. "Man muss schon ein bisschen fanatisch sein, man bekommt ja nichts dafür", gibt der sympathische Endvierziger zu. In Zukunft will der Familienvater kürzertreten, den Vorsitz hat er abgegeben.

Undurchlässig war der Schutzwall nicht. Anfangs symbolisierten Waldschneisen den Übergang vom römischen Rechtsgebiet ins germanische Barbarenland. Von 100 nach Christus bis ins Jahr 160 nach Christus errichteten die Römer ihre Reichsgrenze. "Hier in Obergermanien haben wir den Wall- und Grabentyp", erklärt er. An der Grenze wurde gehandelt, die Germanen strömten ins Römische Reich. "Ein Migrationsproblem gibt's also zu allen Zeiten", lacht ein beleibter Mann mit Halbglatze. Angegriffen wurde der Grenzwall nicht: "Dazu war einfach zu wenig los", sagt Baumgärtner.

"Ich bin die ganzen 550 Kilometer des Obergermanisch-Raetischen Limes alleine abgelaufen", erklärt eine ältere Frau mit Strohhut. Als ihr Mann noch gelebt habe, hätten die beiden das Interesse für die Geschichte geteilt. Sie selbst sei schon als Kind von den Römern fasziniert gewesen: "Das ist halt unsere Geschichte", sagt sie. Die sieben Wanderer tauschen Erfahrungen aus, manche erzählen ihre Lebensgeschichte. "Ich finde es einfach klasse, dass wir das zweitlängste Weltkulturerbe direkt vor unserer Haustür haben, nur die Chinesische Mauer ist noch länger. Man muss doch nicht immer weit fahren, damit es interessant wird", begeistert sich eine dunkelblonde Frau mit Pony.

Die Stafette entlang des obergermanisch-rätischen Abschnitts ist in dreizehn Stationen unterteilt. Die Nachtpatrouille macht Kinder spielerisch mit der römischen Geschichte vertraut. "Da rennen wir mit Fackeln 2,5 Kilometer durch den Wald", scherzt Baumgärtner. Der Trupp, der in der Abenddämmerung in voller Montur von einem Kastell loszieht, trifft im Wald auf Barbaren, Händler oder Räuber. "Für Kinder ist das ein Riesenerlebnis."

So hat das beim Markus damals auch angefangen", erzählt Iris Haasl aus Schwäbisch Gmünd-Bargau. Im Zimmer ihres siebzehnjährigen Sohnes sind die Römer überall präsent. "Den hat er zu Weihnachten bekommen", sagt sie und zeigt auf den goldenen Offiziershelm auf der Kommode. Seit 2007 ist Markus Haasl als Marcus Avellanus Secundus Mitglied des Numerus Brittonum, einer Römergruppe in Welzheim, einer Kleinstadt im Schwäbischen Wald. Hinter dem Kopfende seines Bettes lehnt sein etwa ein Meter großer dunkelbrauner Rundschild an der Wand. "Zum Geburtstag heißt es dann immer, ich wünsche mir ein Kettenhemd, eine Tunika, neue Sandalen und ein Schwert. Bei anderen Kindern sind das vielleicht Computerspiele", schmunzelt Iris Haasl, die durch ihren Sohn ebenfalls Gefallen an den Römern gefunden hat.

Auch bei den Baumgärtners liegen die Römer der ganzen Familie am Herzen. "Nur die Kleine, die findet das blöd", erzählt Baumgärtner und meint seine achtjährige Tochter. "Aber bei der älteren Tochter ist auch alles römisch. Die hat jetzt sogar einen Römerfreund", sagt Baumgärtner. Die Zwanzigjährige gehört einer römischen Reitertruppe in Welzheim an.

"Diese Stelle ist einzigartig auf der ganzen Welt", sagt der Limesführer. Die Gruppe steht vor einem etwa zwei Meter langen und einen Meter hohen Mauerrest im Rotenbachtal bei Schwäbisch Gmünd. Es ist die Grenze der Provinzen Obergermanien und Rätien, das Limesknie. "Hier an diesem Punkt trifft die von Nordwesten kommende obergermanische Befestigungsanlage aus Wall und Graben auf die massive rätische Mauer. Von hier verläuft die Mauer 170 Kilometer nach Osten." 30 bis 40 Zentimeter tief sitzt die 205 nach Christus errichtete Grenzmauer im Erdreich. An genormter Größe und Form des Fundaments sieht der Fachmann, ob es sich um ein Mauerstück, ein Kastell oder einen Torbogen handelt. "Man findet immer nur den Keller. Es ist schwer zu sagen, wie hoch das Gebäude darüber war." In Deutschland sei die Forschung auf hundert Kastelle und 900 Tore gestoßen.

Das Limestor Dalkingen, dreißig Kilometer weiter östlich, ist eines der eindrucksvollsten Relikte am Obergermanisch-Raetischen Limes. Stolz posiert ein kleiner Junge mit Helm und Lanze vor einer zwei Meter hohen römischen Mauer. Der fünf Kilo schwere braune Rundschild in seiner rechten Hand verdeckt ihn fast völlig. Es ist Baumgärtners 1700 Euro teure Schweizer Spezialanfertigung.

Achtzig Prozent der Mauerreste von Tor und angrenzenden Stallungen in Dalkingen sind Originalsubstanz. Den modernen sechzehn Meter hohen Glasbau über der Ruine sieht man auf dem freien Feld von weitem. Im Jahr 213 nach Christus wurde das Prachttor zu Ehren des Kaisers Caracalla errichtet. Tatsächlich ist dokumentiert, dass der Herrscher am 12. August desselben Jahres den Limes überschritten hat. Jeden Mittwoch finden am Limestor Führungen der Cicerones statt. Manchmal patrouilliert Manfred Baumgärtner dann in voller Montur am Limes. "Da läuft ein Irrer im Wald", habe ein joggendes Paar den Kopf geschüttelt, nachdem sich die beiden zehn Minuten nicht am freundlichen Baumgärtner in Ausrüstung vorbeigetraut hätten.

Die beigefarbene Tunika und das zehn Kilogramm schwere Kettenhemd werden vom Balteus zusammengehalten. An dem um den Bauch gebundenen Ledergurt hängt auch die Spatha, das zweischneidige Schwert. "Bei Asterix sieht man immer den Gladius. Das ist das Kurzschwert für den Nahkampf, die Spatha ist länger." Auf einem dunkelbraunen Ledergurt, der wie eine Schärpe umgehängt wird, prangt das silberfarbene Emblem mit dem Adler. Auf Lateinisch steht darauf: "Lieber Jupiter, bring die Deinen wieder nach Haus!" In der rechten Hand hält Baumgärtner die Hasta, den Speer. Römerfeste seien ein wahrer Markt der Eitelkeiten. Um die 5000 Euro kostet die Ausrüstung. Der goldene Helm mit Wangenschutz glänzt in der Sonne. Er ist einem Fund im Vicus, der römischen Siedlung, bei Dalkingen nachempfunden. "In den ersten zehn Minuten zerreißt es einem fast den Kopf, aber nach einer halben Stunde ist einem sogar die Hitze egal."

Informationen zum Beitrag

Titel
Über die Grenze
Autor
Sarah Barth
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2011, Nr. 243, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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