Auf Europas kleinster Sprachinsel

Insel

Een besunner't Iensätten foar een besunnere Sproake" ist saterfriesisch und heißt: "Ein besonderer Einsatz für eine besondere Sprache." Die saterfriesische Sprache entstand ursprünglich aus dem Sprachkontakt einiger sächsischer Bewohner, die bereits im Saterland lebten, mit Siedlern aus Ostfriesland, so dass schon um 1100 eine Verknüpfung mit dem Niederdeutschen entstand. Dadurch, dass die Saterfriesen jahrhundertelang von Mooren umgeben waren, hatten sie wenig Kontakt zu ihren Nachbarn, daher blieb der ostfriesische Dialekt des Saterlandes erhalten. Die Dörfer Ramsloh (Roomelse), Scharrel (Schäddel), Strücklingen (Strukelje) und Sedelsberg (Seedelsbierich) wurden auf einem Sandrücken im Landkreis Cloppenburg gebaut und bilden somit eine Art Insel. Die Bewohner waren früher fast ausschließlich mit dem Boot über den kleinen Fluss Sagter Ems zu erreichen und entwickelten ihre eigene Sprache - das Saterfriesisch. Die einzelnen Dörfer sprechen wiederum eigene Dialekte, die aber nur leichte Abweichungen haben. Mit ihrer Sprache kamen die Saterländer ins Guinnesbuch der Rekorde als kleinste Sprachinsel Europas. Mittlerweile sprechen nur noch rund 2500 Menschen Saterfriesisch.

In Ramsloh wurde Margaretha Grosser, meist Gretchen genannt, 1934 geboren. Sie lernte das Saterfriesische von ihrer Kindheit an. Damals wollte sie Lehrerin werden, aber aus finanziellen Gründen konnten ihre Eltern ihr diesen Traum leider nicht erfüllen. Stattdessen wurde sie Buchhalterin. "Mit 55 Jahren ging ich in den Ruhestand, wobei ich nach kurzer Zeit jedoch eine große Leere verspürte", erzählt sie. "Da kam es gerade passend, dass der Seelter Bund, in dem ich Mitglied war, den Plan fasste, Saterfriesisch nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich weiterzugeben." Als Rentnerin begann sie, plattdeutsche Geschichten ins Saterfriesische zu übersetzen. "Anfangs war das sehr mühsam, da ich nur ein Wörterbuch hatte und den Rest so aufgeschrieben habe, wie ich es auch gesprochen habe. Wenn ich heutzutage in meine ersten Bücher schaue, finde ich schon so manchen Fehler", lacht die zierliche, kleine Frau.

Den Namen Marron Curtis Fort kennt sie gut, da er das Wörterbuch für Saterfriesisch herausbrachte, das sie für ihre Übersetzungen benötigte. M. C. Fort ist ein amerikanisch-deutscher Germanist und Spezialist für die saterfriesische und die niederdeutsche Sprache. Später rief Gretchen Grosser den "Seelterfräiske Kring" ins Leben, ein Sprachkurs in ihrem Haus. "Ich mache diesen Kurs wirklich sehr gerne und habe viel Spaß dabei. Vor allem ist mir wichtig, dass er kein Geld kostet, so dass ihn jeder besuchen kann. Und ich lege viel Wert darauf, dass meine Teilnehmer genauso viel Spaß haben und sich darauf freuen." Jeder Kurs hat 30 bis 50 Teilnehmer, meist im Alter von 20 bis 50 Jahren. Zur Abwechslung wird häufig gesungen. Außerdem werden Geschichten vorgelesen, wird zusammen übersetzt oder Gretchen fragt Vokabeln ab. "Ein Kurs erstreckt sich über ein Jahr, in dem die Teilnehmer jedoch nicht das Schreiben des Saterfriesischen lernen, weil das Schreiben viel schwerer ist als das Sprechen. Aber ich bin auch keine ausgebildete Lehrperson, so dass mir die Vermittlung auch ein wenig schwerfallen würde", lächelt sie verschmitzt. Sie hat bereits Geschichten wie "Der kleine Prinz" übersetzt und ist dabei "Das fliegende Klassenzimmer" ins Saterfriesische zu übertragen. "Am liebsten schreibe ich Geschichten, die ich selbst erlebt habe. Einmal hab ich zum Beispiel beim Autofahren statt auf die Bremse zu treten Gas gegeben und bin geradewegs gegen eine Wand gefahren. So etwas schreibe ich dann auf Saterfriesisch auf."

Gedichte könne man nicht ins Saterfriesische übersetzen, weil die Sprache nur ein begrenztes Vokabular besitze. Für den Erhalt und ihre Verdienste um die Sprache wurde Gretchen Grosser dreimal von der Gemeinde Saterland und der Oldenburgischen Landschaft ausgezeichnet. "Schade ist es, dass es bis jetzt noch keinen Nachfolger im Raum Saterland gibt, der das Saterfriesische weiterhin aufschreibt", sagt die 76-jährige bedauernd. Im letzten Jahr lernte sie jedoch einen Autisten aus Bächerbach in der Pfalz kennen, der die Sprache über das Internet erlernt hatte und sie fließend und fehlerfrei sprechen kann. Ab und zu besucht der Achtzehnjährige nun das Saterland.

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf Europas kleinster Sprachinsel
Autor
Vanessa Böhmann
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2011, Nr. 243, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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