Schreine und Roboter

Für Leonie war der Umzug nach Takasaki ein Glückstreffer. Die 17-Jährige mag die völlig fremde Kultur.

Beim Einkaufen einem mannsgroßen, Werbetafeln schwenkenden Maskottchen aus pinkfarbenem Plüsch zu begegnen, sich zu Füßen einer meterhohen Buddha-Statue zu befinden, die über Wendeltreppen bestiegen werden kann, oder bei einer Tempelbesichtigung unerwartet auf eine Hochzeitsprozession zu stoßen - das alles kann einem passieren, wenn man zu Gast in Japan ist. Auch Leonie Kusch, die vor zwei Jahren mit ihrer Familie von Rottenburg am Neckar ins Land der aufgehenden Sonne zog, kann von einigen verblüffenden Erlebnissen berichten. Der Vater der zierlichen 17-Jährigen folgte mit seinem Umzug in die japanische Stadt Takasaki einem Auftrag seines Arbeitgebers, der ihn mit der Leitung einer Fabrik in der Nähe von Tokio betraut hatte. Seine Frau und die beiden Töchter begleiteten ihn, während der erwachsene Sohn in Deutschland blieb, um seinen Zivildienst anzutreten. "Wir alle konnten uns damals keinen exotischeren Ort als Japan vorstellen", gibt Leonie zu, die zum Interview eine Schachtel japanischer Kekse mitgebracht hat. Sie öffnet die Verpackung einer der dünnen, mit farbigen Blütenblättern verzierten Waffeln.

"Zu Beginn fühlten wir uns fast wie neugeborene Menschen, als wir in Japan ankamen und anfangen mussten, ganz Grundlegendes noch mal zu lernen: Lesen, Schreiben, Sprechen und Verstehen." Leonie belegte Sprachkurse und übte täglich, um sich die Schriftzeichen und die ganz neuartigen Wörter einzuprägen. Zwei der drei japanischen Schriftarten beherrscht sie mittlerweile, auch das Sprechen fällt ihr inzwischen leichter. Bei der Formulierung komplizierterer Sätze muss sie aber immer noch Hände und Füße zu Hilfe nehmen. "Das entlockt den Japanern schon manchmal ein Schmunzeln", erzählt sie und spielt mit dem Ende ihres braunen Zopfes. Um das deutsche Abitur machen zu können, besucht die 17-Jährige eine Fernschule. Von Deutschland aus werden ihr Studienhefte zu jedem der üblichen Schulfächer - bis auf Kunst, Musik und Sport - geliefert, die sie ausfüllt und zur Benotung wieder ans andere Ende der Welt schickt. Freundschaften mit Gleichaltrigen zu knüpfen gestaltet sich daher schwierig, da japanische Jugendliche einen Großteil ihrer Zeit in der Schule verbringen.

Die meisten Japaner sind aber sehr offen gegenüber Ausländern, so dass die wenigen Deutschen, Amerikaner oder Neuseeländer, die außerhalb der großen Städte leben, beinahe eine Art Attraktion für die Einheimischen darstellen. Leonie lacht: "Die Japaner sind ziemlich interessiert an uns Langnasen." Einige dieser Besucher im Lande der Manga, Samurai und Teezeremonien hat sie über ihre Sprachkurse kennengelernt, auch auf der Straße grüßt man sich unter Ausländern.

Was unterscheidet die Japaner eigentlich so grundlegend von den Deutschen? In Japan wird viel mehr Zeit im Büro als daheim verbracht, und man verlässt aus Solidarität mit den noch beschäftigten Kollegen und aus Pflichtgefühl den Arbeitsplatz niemals vor dem Chef. Außerdem veranlasst die Enge japanischer Wohnungen viele dazu, in ihrer freien Zeit öffentliche Orte wie Kaufhäuser, Restaurants und Spielhallen aufzusuchen. Erstaunlich ist auch die unterschiedliche Gestik der Japaner: "Wenn ich zum Beispiel auf mich aufmerksam machen will, klopfe ich nicht mit der Hand auf die Brust, sondern zeige mit dem Finger auf die Nase", erklärt Leonie. Das Klischee, im Land der aufgehenden Sonne sei das Individuum der Gruppe untergeordnet, kann sie bestätigen: Die jungen Japaner müssen manchmal schon im Kindergarten Uniform tragen und sich der Gemeinschaft anpassen.

"Hier besuchen wir Shibuya, ein Stadtviertel von Tokio, wo an der größten Kreuzung der Welt bis zu 15000 Menschen pro Ampelphase die Straße überqueren: hier stehen wir vor einer Sushibar, im Schaufenster sind alle Gerichte in Plastik ausgestellt; und hier klettern wir gerade auf einen Vulkan", erzählt Leonie und zeigt die Fotos auf ihrem iPod. Für die verträumte junge Frau, die Science Fiction und Fantasyromane liebt, war der Umzug nach Japan ein Glückstreffer. Sie ist fasziniert von der fremdartigen Kultur und der urwüchsigen Natur des Landes: Bambushaine sprießen neben dichten Wäldern, felsige Vulkankrater gehen in Strände und Küsten über. Auch die Japaner hat sie bereits ins Herz geschlossen. "Jede einzelne Begegnung ist etwas ganz Besonderes - sei es mit dem Tankwart an der Autobahnraststätte, dem Kellner oder der Verkäuferin im Supermarkt." So weckt inzwischen alles, was diese exotische Kultur zu bieten hat, Leonies Interesse: Alte Mythen und Legenden, quietschbunte Mangas, blutige Samurai-Filme und kunstvolle Holzdrucke begeistern sie ebenso wie der Besuch einer Schule für Kampfkunst. Relikte der japanischen Vergangenheit und Tradition sind allgegenwärtig: Jedes Haus besitzt einen eigenen Shinto-Schrein zur Verehrung von Göttern, Geistern und Dämonen, der Kaiser ist nach wie vor ein wichtiger Repräsentant des Landes, und die traditionellen Feste sind beliebt. "Japan ist aber gleichzeitig eine Hochburg für Hightech-Geräte, Roboter, Manga und Anime, schrille Mode, J-Pop-Bands und bunten Schnickschnack."

Die Zerbrechlichkeit des hochmodernen Landes wurde der Welt beim Unglück von Fukushima vor Augen geführt. In der Region, wo Leonies Familie lebt, waren glücklicherweise nicht viele Schäden zu verzeichnen. Dennoch spürten sie das Beben und brachten sich im Garten in Sicherheit. "Es fühlte sich ganz so an, als befände man sich auf hoher See", berichtet Leonie. Ihr Vater, der währenddessen eine weiter entfernte Fabrik besichtigte, sah, wie schwere Maschinen aus ihren Verankerungen sprangen und sich große Risse in der Decke bildeten. Es blieb gerade noch Zeit, um die Mitarbeiter zu evakuieren, dann stürzte die Decke ein. Als erste Meldungen aus dem beschädigten Atomkraftwerk in Fukushima bekannt wurden, blieben die Japaner diszipliniert.

Sieben Tage nach dem Erdbeben wurde Leonies Familie nach Deutschland ausgeflogen, kehrte jedoch nach einigen Wochen zurück. "Die Lebensumstände hier sind nicht so schwierig wie in den deutschen Medien dramatisiert, aber auch nicht ganz so easy, wie die japanischen Stellen behaupten." Nach dem Unglück wurde mit ungeheuren Energieeinsparungen begonnen, um die Abhängigkeit vom Atomstrom zu beenden. "Tokio verliert somit seine bunten Reklamelichter und Geschäftsmänner brutzeln ohne Klimaanlage bei 35 Grad in ihren Büros im 10. Stock", sagt Leonie.

Während langsam wieder der Alltag einkehrt, erkundet sie mit ihrer Familie weiter das Land. Im Urlaub fuhren sie auf die Insel Yakushima, wo einige der ältesten Zedern der Welt wachsen. Viele pilgern dorthin, um die älteste Zeder zu besichtigen: Jomon Sugi, die möglicherweise 7000 Jahre alt ist. Durch wilde Wälder stapfend, über reißende Bergflüsse hinwegkletternd und 1300 Höhenmeter hinter sich lassend, erblickte Leonie den in Nebel gehüllten Baumriesen. "Die Magie in diesem Moment war einfach atemberaubend."

Informationen zum Beitrag

Titel
Schreine und Roboter
Autor
Lea Aupperle
Schule
Paul-Klee-Gymnasium , Rotteneburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2011, Nr. 249, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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