Interesse statt blöder Blicke

Japan

Mohrenkopf, Mohrenkopf! Leena ist ein Mohrenkopf!" Eine Gruppe von Zweitklässlern steht schreiend um ein kleines dunkelhäutiges Mädchen herum, das auf dem Fußboden sitzt und die Beine angezogen hat. Es weint. Früher war Leena Nandal solchen Situationen öfter ausgesetzt. "Die Zeit war sehr schwer für mich. Meine Mitschüler haben mich beschimpft, weil sie gesehen haben, dass ich anders bin als sie. Für sie war es ungewohnt, dass ich eine dunklere Haut als sie habe", erklärt die 17-jährige Inderin in perfektem Deutsch. Zu ihrem dritten Geburtstag hatte sie ein paar Kinder aus dem Kindergarten eingeladen. Ein Mädchen hatte offenbar große Angst vor ihren Eltern, die noch dunklere Haut haben als Leena. "Es hat so lange geweint, bis seine Mama kam und es mit nach Hause genommen hat."

Leenas Eltern Ved und Rajesh Nandal kamen 1992 zusammen mit ihrem Sohn Mohit nach Altdorf in den Kreis Böblingen. Anfangs hatte Familie Nandal große Probleme, sich an die westliche Kultur zu gewöhnen. Sie waren es gewohnt, sich bescheiden zu geben und nicht viel von sich preiszugeben. Ein anderer gravierender Unterschied zwischen den Kulturen besteht in der Eheschließung. "Entweder suchen die Eltern den Partner aus, wobei die Kinder sich fügen müssen, oder Eltern und Kinder entscheiden gleichermaßen", erklärt die 1,78 Meter große Leena. "In Indien hat manch einer meinem Vater schon Esel geboten, weil er mich heiraten wollte. Ich bin sehr froh, dass meine Eltern sich, was die Hochzeit angeht, von der indischen Tradition gelöst haben."

Anfangs konnten ihre Eltern kein Wort Deutsch. Durch Freunde und die Arbeit haben sie die Sprache schnell gelernt. Heute verstehen sie alles, allerdings sprechen sie mit starkem Akzent. Bei Leena war es andersherum. Da sie hier geboren ist und viel mit Nachbarkindern zusammen war, sprach sie schnell Deutsch. Indisch konnte sie zwar verstehen, nicht aber sprechen. "Erst als ich sechs Jahre alt war, lernte ich Indisch zu sprechen. Da kam nämlich meine Tante aus Indien zu Besuch", erklärt die in dunkle Jeans und khakifarbener Bluse gekleidete Inderin. "Ich wurde oft schief angesehen, wenn ich irgendwo neu dazukam. Das ist auch heute manchmal noch so. Aber meistens finden andere es eher interessant zu erfahren, woher ich komme. Außerdem haben sie gemerkt, dass nicht die Hautfarbe eines Menschen entscheidend ist, sondern sein Charakter."

Nandal integriert sich gerne. Sie passt sich an den deutschen Lebensstil an, isst deutsches Essen und trägt europäische Kleidung. Außerdem haben die Eltern viele deutsche Freunde und zeigen großes Interesse an den deutschen Freunden ihrer Kinder. "Sie sind immer offen, sehr nett und freundlich zu uns und kümmern sich liebevoll um uns, wenn wir bei Leena zu Besuch sind", bestätigen zwei Freundinnen.

"Mein Papa war zuerst in der Forstwirtschaft tätig und hat dann 1998 einen Job als Greenkeeper auf dem Golfplatz im Nachbarort Holzgerlingen angenommen. Meine Mama arbeitet schon immer als Konditorin in einer Bäckerei", berichtet Leena. Mohit, ihr Bruder, hat die Realschule abgeschlossen und macht eine Ausbildung zum Anlagemechaniker. Leena geht in die zwölfte Klasse des Schönbuch-Gymnasiums Holzgerlingen und möchte später Wirtschaftswissenschaften studieren. Sie ist die einzige Inderin auf dieser Schule und engagiert sich in der Gemeinde als Jungscharmitarbeiterin. "Wir finden es schön hier und leben gerne hier", erklärt Leenas Vater Ved. "Aber wenn ich in Rente bin, möchten meine Frau und ich gerne wieder zu unseren Verwandten zurück nach Indien."

Für Leena ist das anders. "Hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich meine Freunde, und hier fühle ich mich zu Hause. Indien ist für mich eher ein Ferienziel." Und sie liebt die indischen Feste. "Mein Lieblingsfest ist Diwali." Diwali ist die kürzere Form von Dipawali. Dipa heißt Licht, und Wali bedeutet Reihe. "Diwali ist das Lichterfest", erklärt die großgewachsene Leena. Diwali findet jedes Jahr an einem Tag zwischen Ende Oktober und Anfang November statt. "Der genaue Tag variiert, weil der indische Kalender anders ist als der deutsche." Das Lichterfest wird von Indern in ganz Deutschland gefeiert. In jedem Bundesland gibt es einen hinduistischen Verein, der indische Feste organisiert. Familie Nandal geht jedes Jahr nach Stuttgart, um dort Diwali zusammen mit indischen Freunden und deutschen Gästen zu feiern. "Im hinduistischen Verein in Baden-Württemberg sind wir fünfzig Familien. Zum Fest selbst kommen bestimmt 550 Gäste." Auf dem Programm stehen ein Eröffnungslied der kleinen Gäste, eine Rede des Vereinsvorsitzenden und allerlei Einzelbeiträge, die vorher angemeldet werden müssen. Meistens kommt auch eine Bollywoodtanzgruppe, die für die Festgesellschaft singt und tanzt.

Zu essen gibt es Reis, Kichererbseneintopf, Gemüseeintopf und Roti, das hauchdünne Brot. Die Frauen tragen Suits. "Das ist kein Muss, aber die meisten ziehen das landestypische Gewand an." Es besteht aus einer weiten Pumphose, einem knielangen Oberteil, das ärmellos, kurz- oder langärmelig sein kann und aus einem Tuch. "Die Oberteile sind wunderschön bestickt. Manche sind sogar mit Perlen oder Pailletten verziert", sagt Leena, die 25 Suits besitzt. Die Männer tragen leichte Leinenhosen und Hemden. Wie alle traditionellen Feste hat auch Diwali einen religiösen Hintergrund. "Im nordindischen Ayodhya herrschte ein König, der hatte mehrere Frauen. Schließlich kam der Tag, an dem sein ältester Sohn Ram als sein Nachfolger den Thron besteigen sollte. Da kam die zweite Frau des Königs zu ihm und forderte, dass ihr Sohn als Herrscher über Indien eingesetzt werden sollte. Da die zweite Frau dem König einmal das Leben gerettet hatte, hatte er ihr zum Dank das Versprechen gegeben, ihr einen Wunsch zu erfüllen. Also wurde der Sohn der zweiten Frau König, und Ram wurde ins vierzehnjährige Exil geschickt. Nach 14 Jahren sahen die Bewohner der Rückkehr von Ram glücklich entgegen. Damit Ram seinen Weg auch bei Dunkelheit fand, wiesen sie ihm mit aufgestellten Teelichtern am Wegrand den richtigen Weg." Ram oder Rama gilt als eine Inkarnation des Gottes Vishnu.

Ob sie zum Schluss einen indischen Satz sagen kann? Sie überlegt kurz und sagt dann: "Mujhe germany me rehna bohut pasand hai. Ich mag Deutschland, und ich lebe sehr gerne hier." Bevor sie geht, lächelt Leena noch einmal und zeigt einmal mehr ihre schönen Grübchen. "Asha karte hai diwali hum sab per millenge! Hoffentlich sieht man sich an Diwali!"

Informationen zum Beitrag

Titel
Interesse statt blöder Blicke
Autor
Hannah Rexer
Schule
Schönbuch-Gymnasium , Holzgerlingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2011, Nr. 249, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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