Sie duschen sich nicht

Indien

Felipe Gomes und Juan Vargas sitzen in der Bar "Vielharmonie" in der Aachener Innenstadt. Felipe ist 17 Jahre alt, Brasilianer und verbringt sein Austauschjahr in Deutschland. Mittlerweile ist er seit acht Monaten in Aachen bei Gastfamilien und spricht fast fließend Deutsch. "In Brasilien sagt man, dass die Deutschen sich oft nicht duschen, weil das Wasser so teuer ist. Vielleicht einmal in der Woche", sagt Felipe. Und tatsächlich, nach ungefähr zwei Monaten ermahnte seine Gastmutter ihn, nicht zu lange zu duschen, um Wasser zu sparen. "Natürlich stinken die Deutschen nicht oder so, sie duschen bloß nicht so lange wie Brasilianer." Juan aus Ecuador sagt: "Deutsche machen gute Autos, trinken viel Bier und essen Sauerkraut." Der 19-Jährige ist seit neun Monaten hier, und diese Klischees haben sich für ihn eindeutig bestätigt.

Außerdem sage man, dass die Deutschen "kalt" seien und es schwer sei, Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Mittlerweile haben aber beide deutsche Freunde gefunden. Anfangs hatten sie es vor allem in der Schule schwer, und immer noch unternehmen beide viel mit anderen Austauschschülern. "In den ersten fünf Monaten habe ich keine Party in Deutschland gemacht. Das ist für mich ein großer Unterschied zu Brasilien", sagt Felipe. Dort fährt er sogar ohne Führerschein mit dem Auto zu Partys, Polizeikontrollen seien kein Problem. "Hier muss ich meinen Gasteltern die Adressen und Telefonnummern meiner Freunde geben, bevor sie mir erlauben, sie zu besuchen."

Beide finden das deutsche Schulsystem besser. Dann wird klar, dass sie nicht unser dreigliedriges Schulsystem meinen, sondern das, was beide nach einigem Überlegen als "Freiheit" bezeichnen. "In Brasilien braucht man so eine Karte, um in die Schule reinzukommen, und danach kann man das Schulgelände nicht einfach verlassen." Wie auch in Ecuador ist das Schulgelände umzäunt. Eintritt wird nur in vollständiger Schuluniform und mit einem elektronischen Ausweis gestattet, der am Eingang überprüft wird. Auch Oberstufenschüler dürfen das Gelände auf keinen Fall vor Unterrichtsschluss verlassen. Felipe nennt seine brasilianische Privatschule "Prisao", was auf Portugiesisch so viel wie "Gefängnis" bedeutet. Im Gegensatz dazu genießen hier beide ihre Freistunden vorzugsweise bei McDonald's um die Ecke.

Auch die Sicherheit in Deutschland steht bei beiden ganz oben auf der Liste der Dinge, die sie vermissen werden. "Hier kann man nachts einfach mit dem Handy am Ohr durch die Straßen laufen, und keiner beklaut dich. In Ecuador ist das unvorstellbar. Als ich das erste Mal im Dunkeln in Aachen mit einem Freund unterwegs war, habe ich mich dauernd umgesehen und gefragt, ob er sich sicher sei, dass wir hier einfach so rumlaufen könnten." Juan schmunzelt bei dieser Erinnerung. Felipe ergänzt, dass auch die Sicherheit mit Bus und Bahn in Brasilien nicht gegeben ist. "Hier ist es so einfach, irgendwohin zu kommen: Man setzt sich in den Zug und ist in der nächsten Stadt oder in den Bus und ist im Zentrum. Da, wo ich in Brasilien wohne, gibt es gar keinen Zug, und mit dem Bus ist man Ewigkeiten bis zur nächsten Stadt unterwegs."

"Meine Geburtstagsparty hier war cool", erzählt Felipe. "Meine Gastfamilie hat eine Überraschungsparty für mich gegeben und Freunde eingeladen." Juan berichtet: "Meine Gastmutter hat typisch ecuadorianisch für mich gekocht." Man sieht ihm an, dass er sich sehr darüber gefreut hat. "Aber Weihnachten war komisch", ergänzt Felipe. "In Brasilien feiern wir Weihnachten im Sommer am Strand mit einem Plastikweihnachtsbaum." Alle bringen etwas zu essen mit, und die Geschenke werden erst nach Mitternacht geöffnet. Auf die Frage, was sie am meisten überrascht hat, wissen beide zunächst keine Antwort. "Oh doch, die Politiker sind hier wirklich ehrlich", sagt Felipe. "Das fand ich überraschend."

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie duschen sich nicht
Autor
Annika Höfert
Schule
Inda-Gymnasium , Aachen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2011, Nr. 249, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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