Scheibenweise zum Erfolg

Sind das Futtertröge für Rehe?" Zuschauer bleiben oft staunend stehen und fragen sich, was das soll. Dienstagabend ist bei dem Scheibensucherverein in Rüsselsheim immer Trainingsrunde. Discgolf - das ist wie Golf nur mit Frisbeescheiben auf Ziele. Die Ziele waren in den siebziger Jahren in den Vereinigten Staaten noch Bäume. Mittlerweile gibt es speziell angefertigte Discgolfkörbe, die in Parkanlagen und Wäldern befestigt sind. Die Genehmigung der Stadtverwaltung Rüsselsheim für die Anbringung läuft jeweils für fünf Jahre.

"Discgolf ist wie eine Droge für mich", sagt Martin Kunz aus Rüsselsheim. Anfangs haben den 43-jährigen Vodafone-Entwickler viele ausgelacht, das sei doch "ein Kindersport". Inzwischen haben einige Gefallen an dieser Sportart gefunden. Das Tolle am Discgolf sei, dass jeder gleich mitmachen könne, sagt Kunz. Bei einer Discgolfrunde legt man schon mal bis zu acht Kilometer zurück. Seine Leidenschaft spielte auch bei der Wohnungswahl eine große Rolle, zurzeit wohnt er zur Miete in einer Wohnung in Ostparknähe. Er verbringt ganze Wochenenden mit seinem Hobby. "Da muss die Freundin entweder mitfahren oder mitspielen."

Wie fast jeden Dienstagabend geht Martin Kunz auf eine Trainingsrunde. Bewaffnet mit Tempos, wasserfesten Schuhen, Regencape, etwas zu trinken und seiner Discgolftasche mit etwa 20 verschiedenen Scheiben macht er sich auf den Weg. Am Ostparkeingang trifft er auf zehn weitere Discgolfer jeder Altersgruppe. Eine Frau ist dabei. Wie Martin haben auch sie alle ihre Discgolftasche dabei. "Die Anfänger besitzen eher Jutetaschen oder Rucksäcke. Ich habe sogar schon Leute mit Aldi-Tüten herumlaufen sehen." Discgolftaschen sehen wie kleine Kühlboxen aus mit einzelnen Fächern für die verschieden großen Scheiben.

Man kann sogar ein paar umgebaute Golf-Trolleys beobachten. Ein Discgolf-Trolley ist immer individuell gestaltet. Viele von ihnen haben Aschenbecher oder Zigarettenhalter, Platz für Regenkleidung oder einen Klappstuhl. Martin Kunz findet diese Trolleys unpraktisch. "Discgolf wird auf freiem Gelände gespielt und es kann passieren, dass vorher auf einer Wiese Wildschweine gewühlt haben oder generell der Boden nicht besonders eben ist. Diese Trolleys rauben einem dann die Nerven, weil das keine Erleichterung ist, mit denen über den unebenen Boden zu laufen. Und viele Trolleys sehen eher aus wie Kinderwagen, wodurch eine größere Männergruppe von Discgolfern von weitem immer so aussieht wie eine Selbsthilfegruppe von alleinerziehenden Vätern."

Die meisten haben Scheiben mit eingebauten LED-Lichtern. "Discgolf ist eine Low-Budget- Sportart", behauptet Martin Kunz, eine Scheibe kostet zwischen sieben und 15 Euro. "Für eine Discgolfrunde braucht man drei Scheiben: eine für den Weitwurf, eine zum Annähern und eine dritte zum Einlochen, so ähnlich wie beim Golf." Doch wie das bei vielen Sportlern ist, haben auch die Discgolfer spezielle Scheiben für spezielle Flugbahnen und Ebenen. So kommt Kunz in seinem Keller auf bis zu 300 verschiedene Scheiben in allen Farben, Dicken und Gewichten. Viele Scheiben sind auch als Ersatz gedacht, da Discgolf auf Rasen, Wiesen, Feldern, über Bäche und Seen und um Gewässer gespielt wird. "Da versenkt man mal eine im Wasser, verliert sie im Gras oder sie bleiben in Bäumen hängen."

Seit neuestem gibt es sogar portable Discgolfkörbe. Martin Kunz hat selbst einen im Garten seiner Vermieter aufgestellt. Wenn er nicht trifft, knallen die Scheiben laut gegen das Garagentor. Er erzählt auch von anderen Discgolfern, die teilweise im Wohnzimmer spielen oder auf umgebauten Dachböden. Vor kurzem war Martin Kunz auf einem Workshop im Allgäu, da hat er von Profis aus Amerika ein paar signierte Scheiben geschenkt bekommen: "Die sind aber nicht zum Spielen. Die hängt man sich ins Wohnzimmer."

Informationen zum Beitrag

Titel
Scheibenweise zum Erfolg
Autor
Marie Dreher
Schule
Gustav-Heinemann-Schule , Rüsselsheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2011, Nr. 261, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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